Das regenbogenfarbene Altartuch mit der Aufschrift "Pace" weist auf die aktuelle Weltlage hin - ebenso die provisorischen Plakate an der großen Holztür, die zum Friedensgebet ab 17 Uhr aufrufen.
Für Pfarrer Christian Führer gibt es gestern keine Ruhe. Seit dem Morgens ist er unterwegs, um das Friedensgebet vorzubereiten. "Um halb Acht, nachdem ich Nachrichten gehört hatte, habe ich Pfarrer Führer angerufen und gefragt, was ich tun kann", erzählt Waltraud Neuschäfer, die zur Vorbereitungsgruppe für die Gebete gehört. Für die Leipziger Friedensaktivisten stand schon seit langem fest, dass es eine besondere Aktion geben werde. "Wir wollten auf alle Fälle reagieren, egal ob es Krieg oder Frieden gibt", sagt Neuschäfer. Dass es nun der Kriegsbeginn ist, betrübt sie. Gerade Pfarrer Führer habe die Hoffnung auf Frieden nie aufgegeben.
Während die Vorbereitungen für Gebet und Demonstration in vollem Gange sind, besucht das Ehepaar Ingrid und Wulf Polonius die Nikolaikirche. Seit 27 Jahren lebt das deutsche Ehepaar in den USA. Dass sie gerade zu Kriegsbeginn diese Stätte des Friedens besuchen, ist purer Zufall. "Wir sind nicht einverstanden mit dem, was Präsident Bush macht", stellt Ingrid Polonius klar. Oft hat das Ehepaar die vergangenen Wochen über den bevorstehenden Krieg diskutiert. Ingrid Polonius ist Volontärin in einem Gefängnis und unterrichtet dort Gefangene. "Viele wollten wissen, warum die Deutschen solche Aktionen gegen den Krieg machen, wo sie doch so weit entfernt sind", erzählt sie. Gern hätte sie einen Aufruf zur Demo mit nach Conneticut genommen, um ihre Erlebnisse dort den Fragenden zu erzählen. Doch die Kopien sind leider gerade vergriffen.
Das Problem mit den fehlenden Kopien will Matthias Müller, Küster der Nikolaikirche, gerade beheben. Flugs kümmert sich der junge Mann mit dem langen Haar um Nachschub. Dann eilt er in die Kirche und wirft einen überdimensionalen Staubsauger an. Bauarbeiter waren am Vormittag mit Holzarbeiten beschäftigt, da haben sich Späne in den Kachelritzen angesammelt. Die müssen weg sein, bevor das Friedensgebet beginnt. Pfarrer Führer hat inzwischen schon seine berühmte Jeansweste übergeworfen und den Kopf voller Gedanken. Er wirkt angespannt. Die bisherigen Friedensdemonstrationen waren ein großer Erfolg, am vergangenen Montag kamen 30 000 Menschen. "Ich denke, dass die Proteste jetzt noch stärker werden", sagt er.