Telefonklingeln, Kollegen rufen sich über den Flur Hinweise zu, Aufträge müssen raus. Wenige Tage vor Weihnachten geht es auch in der Bennewitzer Firma Cryotec hektisch zu. Mittendrin die Techniker René Bräunlich (32) und Thomas Nitzschke (28). Heiligabend ist es auf den Tag genau elf Monate her, dass ihr Leben eine dramatische Wende erfuhr. 99 Tage waren die beiden Leipziger im Irak verschleppt. In Erdlöchern und Sandkuhlen eingepfercht. Ohne Kontakt zur Außenwelt. „99 Tage Isolation - das ist eine schmerzhafte Form von Folter“ , hat Nitzschke nach der Freilassung gesagt. Gut sieben Monate später scheint der Schrecken fast unrealistisch. Die früheren Irak-Geiseln sind zurück im Leben.
„Für unsere Familien ist es schwieriger als für uns“ , berichtet Bräunlich. „Meine Mutter mag es nicht, auf diese Zeit angesprochen zu werden“ , ergänzt Nitzschke. In der Zeit des Geiseldramas hatte sie sich abgeschottet. Damals hatte meist Bräunlichs Mutter Ingeborg, die als Bankangestellte den Umgang mit der Öffentlichkeit gewohnt ist, das Sprechen übernommen. Bei dem Gottesdienst im Mai nach der Befreiung ihrer Söhne jedoch trat Helga Nitzschke hervor und bedankte sich für die Anteilnahme: „Sie hat unser Leid gemildert.“ Die schwere Zeit verbindet die beiden Frauen. „Unsere Mütter sprechen sich regelmäßig“ , sagt Bräunlich.
In Momenten wie diesen verschließt sich sein sonst offener Blick. Hinter den braunen Augen des 32-Jährigen scheint für den Bruchteil einer Sekunde die Erinnerung wach zu werden. Mit weicher Stimme spricht er von seiner Partnerin und dem kleinen Sohn, mit deren Hilfe er in den Alltag fand. Der Hobby-Fußballer hat wieder mit dem Rauchen angefangen. „Dabei habe ich drei Monate lang keine einzige Zigarette rauchen können“ , sagt er kopfschüttelnd.
Sein Trainer bescheinigt ihm dennoch beste Fitness, auch Tore hat der Mittelfeld-Spieler für den SV Grün-Weiß Miltitz schon wieder geschossen. „Vergessen ist das nicht. Aber im Wesen sind bei ihm keinerlei Unterschiede zu bemerken“ , sagt Coach Michael Herrn glücklich. Wochenlang bangten der 60-Jährige und die Mannschaft. Haben gemeinsam mit Cryotec-Kollegen, dem Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, Christian Führer, und arabischen Studenten 27 Mahnwachen organisiert.
„Die Erinnerung an diese Zeit bewegt mich immer wieder“ , sagt Pfarrer Führer. „Bei uns gab es nur Gebete, Solidarität und Mitgefühl.“ Dass das Drama noch ein gutes Ende gefunden habe, sei unbeschreibliches Glück. „Ich freue mich riesig, dass sie wieder so gut ins Leben zurück gefunden haben“ , sagt Führer.
Nach wie vor scheuen die beiden einstigen Geiseln großen Rummel um ihre Person. Interview-Anfragen von TV-Sendern haben sie abgelehnt. Nur fünf Wochen nach der Geiselhaft waren Bräunlich und Nitzschke an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. „Was sollten wir denn sonst machen? Ist doch albern, zum Arzt zu gehen. Es ging uns gut“ , sagt Nitzschke unter den schmunzelnden Blicken seiner Kollegen. Seit dem Geiseldrama sind die zwölf Mitarbeiter der Firma für Anlagenbau noch enger zusammengerückt. „Unser Umgang ist persönlicher geworden“ , berichtet Stefan Linke, der viele Aufgaben mit Nitzschke zu erledigen hat.
Gemeinsam haben sie auch per Videokonferenz das Projekt im Irak zu Ende gebracht, das Auslöser für das Drama am 24. Januar war. Die beiden Techniker sollten in Baidschi nördlich von Bagdad eine Anlage zur Stickstofferzeugung in einer Raffinerie in Betrieb nehmen. Die Übergabe sollte eigentlich nur wenige Tage dauern - kurz vor dem Abschluss wurden Nitzschke und Bräunlich auf dem Weg zur Arbeit entführt. „Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass das Vertrauen in die Person, die uns vor Ort zur Seite stand, nicht gerechtfertigt war“ , sagt Bienert. Das Engagement im Irak will der Chef der Firma, die seit Jahren Stickstoffanlagen für die Industrie in den arabischen Raum liefert, nicht aufgeben. „Aber so lange die Situation ist, wie sie ist, schicke ich keine Mitarbeiter mehr hin“ , betont er.
Bräunlich und Nitzschke sind längst wieder auf Montage im Einsatz - in Deutschland. Auch in diesem Punkt ist Alltag eingekehrt. „Aber es würde mir wohl nicht wieder passieren, dass ich mich jemandem so anvertraue“ , sagt Nitzschke.