"Wer an der Fünfprozenthürde arbeitet, für den ist jedes Zehntel wichtig." Das sagt nicht etwa ein FDP-Politiker, sondern der katholische Propst von Leipzig, Gregor Giele. In der Messestadt sind gerade einmal 4,3 Prozent der Bevölkerung katholischen Glaubens - und trotzdem findet dort vom 25. bis 29. Mai der 100. Deutsche Katholikentag statt, zu dem mehrere Zehntausend Gläubige aus dem ganzen Bundesgebiet erwartet werden.

Unter dem Motto "Seht, da ist der Mensch" sollen die aktuelle Flüchtlingskrise, der wachsende Rechtsextremismus in Deutschland und Themen wie der Umgang mit Sterben und Tod, der Klimawandel und die Rolle der Kirche im Osten Deutschlands in Podiumsdiskussionen und Gottesdiensten zur Sprache kommen.

"Wir wollen zeigen, was katholische Christen der Gesellschaft zu bieten haben", sagt der Präsident des gastgebenden Zentralkomitees Deutscher Katholiken, der nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Thomas Sternberg (CDU). "Und das gerade auch in einer Stadt wie Leipzig" - wo nach den Worten Gieles die Bevölkerung "nicht mehrheitlich atheistisch, sondern von freundlichem Desinteresse geprägt ist." Prominentester Teilnehmer des Leipziger Treffens ist aller Voraussicht nach Bundespräsident Joachim Gauck, der zu einer Veranstaltung zu 25 Jahren Deutscher Einheit erwartet wird. Während ein Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wegen des parallelen G7-Gipfels noch unsicher ist, hat fast das gesamte Bundeskabinett für Leipzig bereits zugesagt.

So wird Innenminister Thomas de Maizière (CDU) mit Günter Burkhard von Pro Asyl über die Flüchtlingskrise diskutieren. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) wird sich der Frage widmen, wie die Kirche verantwortlich mit ihrem Geld umgehen kann. Und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wird einen Hauptvortrag zur demografischen Entwicklung halten. Nicht eingeladen ist dagegen die rechtsnationale Alternative für Deutschland. Schon im November hatte sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken dazu entschlossen, Vertreter dieser Partei nicht auf die Diskussionspodien in Leipzig zu bitten.

"Nach den Entwicklungen der vergangenen Tage gibt es darüber nichts mehr zu diskutieren", sagt Sternberg. "Die AfD hat sich aus dem demokratischen Grundkonsens verabschiedet." Der Katholikentag wolle aber sehr wohl ein Ort sein, an dem Ängste zur Sprache gebracht werden sollen. "Wir können nur offen und dialogisch auf die Vertrauenskrise in der Gesellschaft reagieren", so Sternberg. Weswegen es bei dem Katholikentreffen auch zahlreiche Veranstaltungen geben wird, die auch für spontane Gäste und ohne Eintrittskarte zugänglich sind.

Dazu zählt insbesondere eine Podienreihe unter dem Motto "Leben mit und ohne Gott", bei der es um Gespräche und Begegnungen zwischen religiös nicht gebundenen und gläubigen Menschen gehen soll. In diesem Rahmen wird etwa der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) als gläubiger Protestant mit dem Präsidenten des Bundesverbands Jugendweihe, Konny Neumann, über das Thema "Ich glaub nichts, mir fehlt nichts" debattieren. Und der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt und sein Passauer Amtsbruder Stefan Oster wollen sogar an einem Kneipentresen mit den Katholikentagsbesuchern Gespräche über Gott und die Welt führen.