Unternehmen könnten das Dienstleistungs-Institut als Brücke auf dem Weg in osteuropäische Märkte nutzen, Kultureinrichtungen könnten besser an Fördergelder kommen. Troebst: „Das Osteuropazentrum soll kein Elfenbeinturm zum Meditieren und Forschen sein.“
Die Stadt Leipzig hatte nach dem Abschluss des Koalitionsvertrages im Oktober mit einer ersten Bewerbung aus der Universität ihren Hut in den Ring geworfen. Angesichts der geographischen Lage und der Vielzahl von Forschungseinrichtungen, Instituten, und Unternehmen mit Osteuropa-Kontakten sieht sich die „Messe-, Medien- und Buchstadt“ als idealer Standort. Das Osteuropazentrum der Bundesregierung wäre dann die Spinne im Netzwerk der diversen Institutionen.
Konkurrenten gibt es bisher in drei Bundesländern. Neben Brandenburg mit der eher zurückhaltend agierenden Europa-Universität „Viadrina“ in Frankfurt (Oder) ist Mecklenburg-Vorpommern mit Greifswald und als überraschender Nachzügler seit einigen Tagen Berlin im Rennen. Um seine Bewerbung zu stützen, hat Leipzig bereits eine Immobilie angeboten.

Für Unterbringung garantiert
„Selbstverständlich garantieren Stadt und Universität die Unterbringung“ , heißt es im Rathaus. „Leipzig denkt und handelt europäisch“ , sagt Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD). Dies sei an Wirtschaft, Infrastruktur, Forschung und Kultur deutlich abzulesen. „Ein ideales Fundament für ein Ost-West-Zentrum“ , so Tiefensee. Es könne der Kopf im Netzwerk sein, nichts müsse dazu erfunden werden. Weitere andere Sozialdemokraten aus Sachsen haben sich inzwischen an Stolpe gewandt.
Noch im Sommer, so heißt es in Berlin, will das Kabinett von Kanzler Schröder entscheiden. In Sachsen fürchten Kenner der Materie angesichts des zuständigen Bundesministers, dem früheren Potsdamer Regierungschef Stolpe, allerdings eine Bevorzugung Brandenburgs. „Wir möchten keine Vergabe unter der Hand, sondern ein faires Verfahren“ , sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Kretschmer. Diese Ängste, so erwidert eine Ministeriumssprecherin, seien aber völlig unbegründet. Auch externe Fachleute würden um die Bewertung der Konzepte gebeten. Derzeit würden noch Nachfragen bearbeitet, doch bis 14. Juni sollten alle Papiere vorliegen. Man rechne mit der Gründungsphase in diesem Sommer.
Doch die Bundesregierung, so kritisiert der Abgeordnete Kretschmer, wisse offenbar nicht, was sie genau wolle. Erstaunt habe, dass die Interessenten erst Mitte März aufgefordert wurden, binnen vier Wochen ein Konzept vorzulegen.

Es herrscht Unklarheit
Doch weder ein Gründungstermin noch die finanzielle Ausstattung seien bekannt. Auch über die mögliche Stellenzahl herrscht Unklarheit. „Das liegt zwischen fünf und 50 Planstellen“ , sagt Kretschmer. Als nötig gelten mindestens 20 bis 30 Jobs, dazu soll es Verbindungsbüros in den osteuropäischen Ländern und in Brüssel geben. Eine parlamentarische Anfrage von Unionspolitikern, die diese Woche beantwortet wurde, hat jedoch keine Klarheit erbracht. Die Bundesregierung wartet offenkundig darauf, wer die besten Konditionen anbietet.