Eine für alle interessierten Bürger offene Feier hätten sich viele Leipziger gewünscht. Stattdessen hat Uni-Rektorin Beate Schücking rund 100 Gäste zur geschlossenen Veranstaltung eingeladen. Dabei sein dürfen Mitglieder des Akademischen Senats, dazu Dekane und Dezernenten. Auch Studierendenräte und Vertreter der Stiftung Universitätskirche St. Pauli und die Pfarrer der umliegenden Gemeinden sind geladen. Aber eben nicht alle, die dabei sein wollen.

Was bei der diffizilen Problematik einmal mehr den Ärger zwischen glaubensstarkem Bürgertum und der Universitätsleitung hochkochen lässt. Der wortmächtige Ex-Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, hat zum Flashmob aufgerufen: Die Leipziger Bevölkerung sollte "an diesem bedeutsamen Ereignis teilnehmen" und sich heute um zehn Uhr vor der Kirche einfinden, um den Druck auf die Veranstalter zu erhöhen.

Die Uni indes weist darauf hin, dass im Paulinum weiterhin gebaut wird. Es handele sich "um eine geschlossene Veranstaltung auf der vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement geleiteten Baustelle", heißt es aus der Pressestelle.

Wer "Baustelle" sagt, braucht nicht den offiziellen Namen "Paulinum-Aula/Universitätskirche St. Pauli" verwenden. Dieser ungelenke Begriff lässt die jahrzehntelangen Konflikte um Sprengung, Neubau und Wiederaufbau des Gebäudeensembles am Augustusplatz erahnen. Hier ließ die SED im Mai 1968 die 800 Jahre alte Paulinerkirche sprengen. Das Gelände wurde später mit einem realsozialistischen Uni-Zweckbau gefüllt. Als das in die Jahre kam und nach der Wende eine Sanierung anstand, formierte sich rasch eine Wiederaufbaubewegung, die nach dem Vorbild der Dresdner Frauenkirche ihre Paulinerkirche wiederhaben wollte.

Der Umbau der Leipziger Uni mitsamt Paulinum wird am Ende 250 Millionen Euro gekostet haben. Es entsteht seit 2007 genau dort, wo die alte Paulinerkirche gesprengt wurde. Der Bau soll nach Ansicht vieler Leipziger eine über vier Jahrzehnte klaffende Wunde schließen. Für andere bleibt der realisierte Entwurf des Rotterdamer Architekten Erick van Egeraat ästhetisch und inhaltlich ein Zankapfel. Da wollten die einen die alte Paulinerkirche als geweihtes Gotteshaus in aller Pracht zurück haben. Die anderen - allen voran die Uni selbst - wollte das Objekt am Augustusplatz mitsamt Kirche als Seminargebäude mit Aula nutzen. Nach jahrelangem Streit entschied man sich für die berühmte Glaswand, die innen den Kirchenraum von der Aula trennen soll. Der Innenraum ist schließlich der Ort, der Vergangenheit und Zukunft des Uni-Komplexes, Gotik und Moderne verzahnen soll. Ebenso wie die vielen Funktionen, die der Bau nach Jahren des Gezerres allesamt erfüllen muss. Das Paulinum muss als Kirche erkennbar, aber als Aula nutzbar sein.

Auch wegen des ewigen Gezänks dauert der Bau fünf Jahre länger. Denn ursprünglich war der 600. Uni-Geburtstag 2009 für die Eröffnung geplant. Hinzu kam Ärger mit dem Generalunternehmer und die Pleite des Architekturbüros Egeraat mitten in der Finanzkrise. Auch das Uni-Gebäude nebenan, in das sich das Paulinum einfügt, entwarf der Niederländer. Es konnte erst vor zwei Jahren in Betrieb genommen werden - drei Jahre später als geplant.

Eigentlich sollte heute, zum 605. Geburtstag der Universität, das ganze Paulinum eröffnet werden. Doch diesen Termin korrigierte der Bauherr, Finanzminister Georg Unland (CDU), bereits im Sommer nach hinten. Frühestens Ostern 2015 soll der neue Andachtsraum in der ehemaligen Paulinerkirche in Dienst gehen. Dabei hätte der hoch umstrittene Nachfolgerbau der alten Uni-Kirche schon 2009 fertig sein sollen. Aber auch nach 2015 wird es noch genug zum Bauen geben. Mit der Altar-Grundsteinlegung fand sich nun doch noch ein Grund zum Feiern.