Weil im Wort "Jubiläum" Jubel steckt, stören sich viele am großen Doppeljubiläum. Jubel oder nicht, Leipzig feiert 200 Jahre Völkerschlacht und 100 Jahre Völkerschlachtdenkmal mit einem Mummenschanz. Zum historischen Gefecht, dem Höhepunkt der Feiern am Sonntag, erwartet die Messestadt 6000 Verkleidete aus aller Welt.

Mit dem Versprechen, ein "Ereignis von bisher unerreichter Dimension", über die Bühne zu ziehen, macht die internationale Reenactment-Szene seit Monaten mobil. Auf einem 500 000 Quadratmeter großen Gefechtsfeld südlich von Leipzig wollen die Geschichts-Enthusiasten einen Nachmittag lang so tun, als wäre der Oktober 1813 und Napoleon stünde vor der Tür. Nur eben, dass die nachgestellten Einheiten von Infanterie, Kavallerie und Artillerie nicht scharf schießen. So viel Gegenwart muss dann schon sein. Ansonsten gilt striktes Authentizitätsgebot. Die Vereine und Aktiven, die sich freizeitmäßig intensiv mit Napoleon und seiner Zeit beschäftigen, legen Wert darauf, bis zum Knopfloch originalgetreu aufzulaufen.

Das Gefecht, das am Sonntag durchgefochten wird, wurde vorab von einer militärhistorischen Kommission entwickelt und geprüft. Auch das hügelige Gelände nahe Markkleeberg mitsamt historischem Kulissendorf passt zu Dokumenten und Bildern von einst. Verpflegung gibt es beim Händlermarkt und bei diversen historischen Biwaks.

Größe und Pomp des Schlachttheaters entsprechen dem Ausmaß der Feierlichkeiten insgesamt. Das Doppeljubiläum soll nach Wunsch der Stadtverwaltung Bürger, Wissenschaftler, geistliche und politische Würdenträger aus ganz Europa in Leipzig zusammenbringen.

Neben dem authentischen Nachspiel gibt es Ausstellungen und neue Bücher, die sich mit der Schlacht und dem 100 Jahre später aufgestellten Denkmal befassen. Ende September lud das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr 200 Wissenschaftler aus ganz Europa ins Rathaus, um dort über Fakten und Legenden rund um die Schlacht zu debattieren. Das Denkmal ist nach Ansicht von Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) "nicht nur die Erinnerung an ein einschneidendes Ereignis unserer Geschichte", sondern auch "Aufforderung, den Weg enger Zusammenarbeit, die uns eine lange Phase des Friedens beschert hat, weiterzugehen". Europaparlamentspräsident, Martin Schulz, nannte die Schlacht "ein Schlüsselereignis der deutschen und europäischen Geschichte", das die Weichen für die politischen Entwicklungen der kommenden Jahrzehnte geprägt habe.

Geleugnet wird bei alledem nicht, dass den dreitägigen Kämpfen mit zum Schluss fast 100 000 Toten und Verletzten später ein Pathos aufgedrückt wurde, aus dem 200 Jahre lang jeder machen konnte, was er wollte. Dass da nicht nur Gutes herauskam, spielt für manch skeptischen Jubiläumsbeobachter eine zu kleine Rolle. Die Bestsellerautorin Sabine Ebert nannte jüngst die Befreiungskriege einen "reinen Landverteilungskrieg". Trotzdem hat sich auch Ebert, bekannt durch ihre mittelalterlichen Hebammenromane, mit ihrem neuesten Werk "1813 - Kriegsfeuer" an das Thema Völkerschlacht gehängt.

Wäre wirklich 1813 und Napoleon stünde vor der Tür, dann hätte der gerade einen desaströsen Rückzug aus Russland hinter sich, wo mit der Moskauer Niederlage seine lange Siegeskette abgerissen wäre. Mit Gewalt hätte sich der trotzige Franzosenkaiser nochmal ein Heer von 440 000 Soldaten zusammenrekrutiert. Die stünden nun im Leipziger Südraum 180 000 Russen, 160 000 Preußen, 130 000 Österreichern und 23 000 Schweden gegenüber. Zu denen wäre der König von Sachsen, der dem Korsen die Krone verdankte, soeben übergelaufen. Viele Sprachen, viele Völker, deshalb Völkerschlacht.

Die weiteren Ereignisse von 1813 lassen sich am Sonntagnachmittag vor Ort live beobachten.

Zum Thema:
Das historische Gefecht beginnt Sonntag, 20. Oktober, um 12 Uhr in der Weinteichsenke zwischen Markkleeberg Ost und Wachau. Einlass ab 10 Uhr. Im Vorprogramm gibt es eine Signierstunde mit Sabine Ebert und ihrem Roman "1813 - Kriegsfeuer" sowie einen Händlermarkt. 16.30 Uhr erfolgt eine Gedenkminute zu Ehren der Gefallenen.

An der Völkerschlacht bei Leipzig beteiligten sich etwa 600 000 Soldaten zwischen dem 16. und 19. Oktober 1813. Bei dieser Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege kämpften Truppen der Verbündeten Russland, Österreich, Preußen und Schweden gegen das Heer Napoleon Bonapartes.

Erster Tag: Schon am 15. Oktober verlegte Napoleon den größten Teil seiner Truppen von 110 000 Mann in den Süden von Leipzig, während etwa 200 000 Soldaten der Alliierten auf Leipzig zu marschierten. Am Ende des Tages war der Angriff der Alliierten mit 20 000 Toten und Verwundeten misslungen, obwohl ihnen ein Durchbruch der französischen Armee gelang.

Zweiter Tag: An diesem Sonntag 1813 kehrte Ruhe in der Schlacht ein. Napoleon bot mit der Hoffnung auf seinen Schwiegervater Kaiser Franz, dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, einen Waffenstillstand an. Die Verbündeten gegen Napoleon schenkten seiner Anfrage jedoch keine Beachtung.

Dritter Tag: In der Montagsnacht gegen 2 Uhr gab Napoleon seine Stellung auf und rückte näher an Leipzig. 150 000 Franzosen versuchten, die neue Position zwischen Leipzig und der Pleiße zu halten, allerdings waren sie der Übermacht der Verbündeten mit knapp 300 000 Mann nicht gewachsen. Napoleon war gezwungen, sich in die Stadt zurückzuziehen. Da Leipzig von den Verbündeten eingenommen wurde, musste Napoleon sich schließlich über Weißenfels in Richtung Frankreich zurückziehen. Anfang 1814 rückten Alliierte in Frankreich ein. ckx