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| 01:25 Uhr

Lehrfilm über die Stasi der DDR im Praxistest bei Lausitzer Schülern

Cottbus. Als das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aufgelöst wurde, waren heute Siebzehnjährige noch nicht geboren. Ein neues Video soll ihnen Struktur und Wirkung des MfS erklären. Cottbuser Gymnasiasten zeigen dafür Interesse. Von Simone Wendler

„Es ist abschreckend, zu sehen, dass ein Staat zu solchen Mitteln greift, um die Kontrolle zu behalten“, sagt Toni. Er ist einer von 25 Elftklässlern des Cottbuser Fürst-Pückler-Gymnasiums, die an diesem Vormittag gerade den Film „Ein Volk unter Verdacht“ gesehen haben. Gut, beeindruckend, interessant, so die ersten Kommentare der Schüler über den 40 Minuten langen Streifen, der von der Stasiunterlagenbehörde herausgegeben wurde. Das Video wendet sich an Jugendliche, die erst nach dem Mauerfall auf die Welt kamen.

Wie gering das Wissen in dieser Altersgruppe über den DDR-Geheimdienst ist, zeigt eine Straßenumfrage unter Berliner Jugendlichen, mit der der Film beginnt. „MfS“ wird da für die Abkürzung einer Partei oder einer Versicherung gehalten. Jugendliche bringen die Staatssicherheit sogar mit dem Naziregime in Verbindung: „Die waren für Hitler.“

Bei den Cottbuser Gymnasiasten herrscht solche komplette Unkenntnis nicht. Sie haben sich im Unterricht bereits mit dem ehemaligen DDR-Geheimdienst beschäftigt. Der Film der Stasiunterlagenbehörde beeindruckt einige Schüler gerade durch die Berichte von Zeitzeugen, die darin zu Wort kommen. „Wie das so in den Gefängnissen war, mit den Vernehmungen nach der Verhaftung, das war für mich neu“, versichert Toni. Zwei Mitschülerinnen stimmen ihm zu.

Die Zeitzeugen im Film, darunter die gerade ernannte Stasibeauftragte für Brandenburg, Ulrike Poppe, waren selbst Jugendliche, als sie ins Visier des MfS gerieten. Sie waren Mitglieder in Umweltgruppen, kirchlichen Friedenskreisen oder in einer Punkband. „Die Stasi hat in jeden Lebensbereich eingegriffen“, stellt Carolin fest. Deshalb sei es schon wichtig, sich heute noch mit diesem Thema zu beschäftigen. Eine Mitschülerin berichtet von Gesprächen mit ihrer Oma, die von der Staatssicherheit überwacht wurde.

Doch der ehemalige Geheimdienst der DDR kann bei Jugendlichen heute durchaus auch mit Nachsicht rechnen. Viele sehen die DDR im Rückblick zu sehr auf die Stasi reduziert. „Da gab es doch nicht nur Negatives, das einheitliche Schulsystem war gut“, gibt Valerius zu bedenken. Was noch gut war an der DDR? Ein zweites Beispiel fällt ihm nicht ein, doch andere in der Klasse helfen aus: Billige Grundnahrungsmittel, billige Wohnungen und dass „viel für Familien“ getan worden sei. Toni hat von seinem Vater erfahren, man habe eigentlich alles gehabt, was man brauchte.

Bewusst ist vielen Schülern jedoch, das zeigt die Diskussion, dass diese Zufriedenheit nur diejenigen betraf, die mit der DDR vollkommen einverstanden waren. „Wer dagegen war, hatte Probleme“, bringt ein Mädchen das auf den Punkt.

Wie diese Probleme aussahen, das schildern in dem Unterrichtsvideo die Zeitzeugen anschaulich. Offene und verdeckte Beobachtung, jahrelanges Abhören der Wohnung mit empfindlichen Wanzen, Festnahme, quälende Verhöre, Haft. Eine junge Moderatorin und ein Historiker der Stasiunterlagenbehörde nehmen zwischen den Zeitzeugenberichten die Zuschauer des Films mit an Originalschauplätze: Das Zimmer des Stasichefs Erich Mielke, Hafträume, winzige ummauerte und oben vergitterte Gevierte im Hof des Potsdamer Stasigefängnisses, in dem Häftlinge ihre „Freistunde“ verbringen durften. Gezeigt wird aber auch die aktuelle Arbeit der Stasiunterlagenbehörde, die Karteikartensysteme, die eine Orientierung im Aktenbestand erst möglich machen, die Aktenschränke selbst und einige der Säcke mit vorvernichteten Unterlagen, die rekonstruiert werden.

Mit ehemaligen Spitzeln, die jetzt noch in den Reihen der Politiker enttarnt werden oder sich für Spitzenämter bewerben, haben die jungen Cottbuser trotzdem noch erstaunlich viel Nachsicht. „Wenn der jetzt einen guten Job macht, ist es doch egal, was der früher gemacht hat“, sagt Valerius. Und Carolin fügt hinzu: „Wer heute so einen Posten hat, der hat sich ja auch mit dem Neuen beschäftigt und dazugelernt.“ Die Enttarnung aushalten zu müssen und das Wissen um die eigene Vergangenheit, das sei doch schlimm genug.