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Lehrer fühlen sich an den Pranger gestellt

Volle Konzentration. 637 von 1449 Abiturienten im Schulbezirk Cottbus treten heute erneut zum Mathe-Abi an.
Volle Konzentration. 637 von 1449 Abiturienten im Schulbezirk Cottbus treten heute erneut zum Mathe-Abi an. FOTO: dpa
Cottbus. Lausitzer Schulleiter: Fehlende Fortbildung ist nicht der Grund für Abi-Panne. Künftig gibt es wieder mehr Mathe-Unterricht in Brandenburg. Bodo Baumert

Und wieder ist Mathe-Tag in Brandenburg. Am heutigen Morgen sind die Aufgaben für die erneute Abi-Prüfung an den Lausitzer Schulen eingetroffen. Nun sitzen 637 Schüler auf ihren Bänken und versuchen, sie zu lösen. Für die meisten ist es der zweite Versuch.

Schuld daran ist Aufgabe 2.1, in der unter anderem Fragen zu einer Schar von Logarithmusfunktionen zu beantworten waren. Laut Rahmenlehrplan hätte das an allen Schulen im Land unterrichtet werden müssen, wurde es aber offenbar nicht oder zumindest nicht in ausreichendem Umfang. Denn der Rahmenlehrplan wurde geändert - und die nötigen Informationen sind irgendwo auf dem Weg zwischen Lehrplanern in Potsdam und Schülern/Lehrern im Land nicht durchgedrungen.

Wie konnte es dazu kommen? Dieser Frage sind die Professoren Ulrich Kortenkamp und Andreas Borowski nachgegangen. Ihr Ergebnis, in der vergangenen Woche präsentiert, lautet: "Der Schwierigkeitsgrad aller Aufgaben im schriftlichen Mathematik-Abitur 2017 ist angemessen." Es habe jedoch Schulen gegeben, in denen der Stoff nicht im nötigen Maß behandelt wurde. "Wir haben festgestellt, dass es viele Schulen gab, an denen Lehrer davon überzeugt waren, dass die betreffende Aufgabenstellung gar nicht unterrichtet werden muss", so Kortenkamp, der zugleich kritisierte: "Wenn ein neuer Rahmenlehrplan eingeführt wird, muss der von den Lehrern auch gelesen werden."

Wenn man sich nicht sicher sei, "wäre es jedenfalls hilfreich, an einer Fortbildung teilzunehmen, auf der erklärt wird, was der Rahmenplan bedeutet." Doch als das Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) verpflichtende Fortbildungen anbot, schickten nur 70 Prozent aller Schulen einen Lehrer in die Fortbildung.

Sind also die Lehrer Schuld? Diesen Eindruck konnte man bekommen, auch wenn Minister Günter Baaske (SPD) bei der Präsentation der Ergebnisse betonte: "Bei der Aufarbeitung nehmen wir keine Schuldzuweisung vor." Bei den Lehrern ist dennoch ein unangenehmer Eindruck geblieben. Das hat auch Günther Fuchs, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mitbekommen. "Die Kritik an den Lehrkräften ist völlig unangemessen", sagt er. Gerade in Brandenburg gebe es eine Vielzahl von Fortbildungen, die die Lehrer besuchen müssten, so Fuchs.

Auch Martin Goebel, Schulleiter des Elsterschloss-Gymnasiums in Elsterwerda (Elbe-Elster), sieht seine Kollegen zu Unrecht an den Pranger gestellt. Er spricht von einem "überdimensionalen Ausmaß, in dem gerade für den Sekundarstufe l-Rahmenplan Fortbildungen durch Kollegen aller Fächer besucht" werden sollten. Zu bedenken sei, dass dadurch vor allem in den ländlichen Räumen Unterricht wegfalle, wenn Lehrkräfte zu Veranstaltungen anreisen müssen.

Seine Fachbereichsleiterin habe an den Lisum-Fortbildungen teilgenommen. Die Logarithmusfunktionen seien in Elsterwerda auch unterrichtet worden. "Auf die Anfrage des Bildungsministeriums hin haben wir uns jedoch sofort für die Möglichkeit des Nachschreibens entschieden, da die Logarithmusfunktion nicht so ausführlich behandelt wurde, wie es die Aufgabe erfordert hätte", so Goebel.

Eberhard Heise, Schulleiter am Sängerstadt-Gymnasium Finsterwalde (Elbe-Elster), sieht das Problem ähnlich: "Es wird zwar ein Rahmenplan vorgegeben, aber niemand sagt einem, wie genau und in welcher Tiefe der zu füllen ist. Von daher war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert."

Zwar seien in seiner Schule die natürlichen Logarithmusfunktionen, so wie im Rahmenlehrplan vorgegeben, im Unterricht gelehrt worden, sagt Eckhard Bethge, der Leiter des Senftenberger Friedrich-Engels-Gymnasiums (Oberspreewald-Lausitz). "Trotzdem sind wir nicht glücklich über das Mathe-Abitur." Die Fachkollegen hätten ihm berichtet, dass das Niveau in diesem Jahr erhöht sei, die Aufgaben zu anspruchsvoll.

Dem widersprechen die Professoren in ihrem Gutachten. Alle Aufgaben hätten dem Rahmenlehrplan und den Bildungsstandards der Kultusminister für ganz Deutschland entsprochen. Schulleiter Goebel sieht darin den Kern des Problems: "Über die Formulierungen des Rahmenlehrplans kann man gewiss streiten, aber die Bedingungen für den Mathematikunterricht sind seit Jahren nicht ausreichend." Vier Stunden Mathe haben Abiturienten in Brandenburg pro Woche. In Berlin sind es fünf. Zudem wird in Brandenburg nicht unterschieden zwischen guten und schlechten Schülern. Alle hocken in einer Klasse. Ein Fehler, wie nun auch Bildungspolitiker und Gutachter erkannt haben. Künftig soll es wieder Grund- und Leistungskurse in Mathematik geben - allerdings erst für die Schüler, die jetzt in die achten Klassen wechseln.

Was passiert mit den anderen? "Wir müssen auch auf die Schüler in den 9., 10. und 11. Klassen schauen. Hier braucht es Lösungen", fordert Goebel. Auch hier müsse es eine Aufteilung der leistungsstarken und -schwachen Schüler geben. Gewerkschafter Fuchs weist auf ein weiteres Problem hin. Die Einführung von Rahmenlehrplänen brauche Zeit. Materialien müssten vorbereitet und Lehrern mehr Hilfe bei der Umsetzung gegeben werden. "Früher haben wir uns auch in Brandenburg dafür vier bis fünf Jahre Zeit genommen", so Fuchs. Derzeit werde den Lehrern zu viel, zu schnell übergeholfen. Der nächste Rahmenlehrplan - diesmal für die Grundschulen - stehe schon an.

Die Debatte wird andauern. Auch Kortenkamps Gutachten hat viele Verbesserungsvorschläge gemacht. Für die Abiturienten ist das erst einmal zweitrangig. Sie hoffen, dass die Aufgaben diesmal lösbar sind. Man habe das noch einmal überprüft, versichert Ralph Kotsch, Pressesprecher des Ministeriums. Mal sehen, was die Schüler sagen.