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Leere Betten in Pflegeheimen

Wegen der Alterung der Gesellschaft wird mehr Pflegepersonal gebraucht als derzeit zur Verfügung steht.
Wegen der Alterung der Gesellschaft wird mehr Pflegepersonal gebraucht als derzeit zur Verfügung steht. FOTO: dpa
Berlin. In vielen Altenheimen bleiben nach Angaben des Bundesverbandes der privaten Anbieter sozialer Dienste (bpa) Plätze unbesetzt, weil das Fachpersonal fehlt. Was steckt dahinter? Ein Gespräch mit bpa-Chef Bernd Meurer.

Herr Meurer, Sie betreiben selbst drei Pflegeheime in Bayern und in Rheinland-Pfalz. Wie ist dort die Fachkräftesituation?
Meurer Die Situation ist sehr angespannt. Insbesondere im Nordosten von München, wo ich ein Pflegeheim betreibe. In diesem Einzugsgebiet gibt es keine Pflegekräfte mehr, die man noch einstellen könnte. Der Markt ist leer gefegt. Deshalb suchen auch andere Anbieter hier händeringend Personal.

Wer legt eigentlich fest, wie viele Fachkräfte ein Pflegeheim haben muss?
Meurer Die Vorgaben stehen in den Heimpersonalverordnungen der jeweiligen Bundesländer. In aller Regel müssen 50 Prozent der Pflegekräfte eines Heims eine abgeschlossene Fachausbildung haben. Wobei der Betreuungsschlüssel allerdings sehr unterschiedlich sein kann. Während zum Beispiel in Baden-Württemberg ein Heim durchschnittlich 40 Mitarbeiter von den Landebehörden genehmigt bekommt, sind es in Brandenburg für ein Heim mit der gleichen Anzahl von Pflegebedürftigen nur 30.

Dass auf eine Hilfskraft wenigstens eine Fachkraft kommen muss, ist doch aber ganz im Sinne einer qualitativ guten Versorgung, oder?
Meurer Diese Quote ist, wenn man so will, eher willkürlich getroffen worden. Eine wissenschaftliche Überprüfung, wie hoch der Fachkräftebedarf in einem Heim tatsächlich ist, gibt es bis heute nicht. Natürlich ist ein möglichst großer Anteil von Fachkräften wünschenswert. . .

Würde die Branche besser zahlen, wäre das Fachkräfteproblem sicher geringer.
Meurer Einspruch. In den letzten Jahren ist die Zahl der Pflege-Azubis stetig gestiegen. Ganz so unattraktiv, wie er oft beschrieben wird, kann der Pflegeberuf also nicht sein. Das Hauptproblem ist die demografische Entwicklung. Selbst bei besserer Bezahlung lässt sich eine solche Menge an Pflegefachpersonal nicht finden, die es wegen der Alterung der Gesellschaft eigentlich braucht.

Was passiert in der Praxis, wenn die Quote bei Fachkräften unterschritten wird?
Meurer Dann wird die Heimaufsicht in aller Regel einen Belegungsstopp verordnen. Um diesem Verwaltungsakt zu entgehen, lassen Heime aber dann schon von sich aus Betten leer stehen. Als Heimbetreiber habe ich das auch schon praktiziert. Aber das Problem geht noch weiter: Wegen der starren Vorgabe kommen Heime in die Situation, besser einen Pflegebedürftigen mit dem Pflegegrad 2 aufzunehmen als einen mit Pflegegrad 5, weil leichtere Fälle die Fachkräftequote weniger belasten.

Mit welchen Folgen?
Meurer Die Folgen sind fatal, denn am Ende bleibt die Pflege häufig bei den Angehörigen hängen, weil auch ambulante Pflegedienste kein entsprechendes Fachpersonal haben. Damit wird die gute Absicht einer qualitativ hochwertigen Versorgung gerade für Schwerstfälle konterkariert.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?
Meurer Nötig ist eine Erweiterung des Fachkraft-Begriffs. Es kann doch nicht sein, dass zum Beispiel ein Physiotherapeut im Pflegeheim nicht als Fachkraft zählt. Stattdessen werden die Pflegebedürftigen zur entsprechenden Behandlung rausgeschickt. Auch haben wir zum Beispiel in den Krankenhäusern gute Erfahrungen mit den einjährig examinierten Fachkräften gemacht. Die gibt es heute nicht mehr, obwohl sie unter Anleitung hoch qualifizierter Fachkräfte gute Arbeit leisten könnten. Kurzum, wir brauchen mehr Flexibilität innerhalb der vorgegebenen Fachkräfte-Quote, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Mit Bernd Meurer

sprach Stefan Vetter