Ein Vierteljahrhundert nach der Friedlichen Revolution rücken die Ostdeutschen in ihren Vorstellungen und Lebenszielen mit denen der westdeutschen Nachbarn immer weiter zusammen. Das sagt die Mehrzahl der rund 3000 Personen aus Ost und West, die für die Studie "Wertewandel Ost" befragt wurden. In Auftrag gegeben wurde sie von den großen ostdeutschen Zeitungsverlagen und der Zebra Group beim Institut für Demoskopie Allensbach. Am Donnerstag haben etwa 50 Teilnehmer an einer Gesprächsrunde im Cottbuser Radisson Hotel gemeinsam mit dem Chefredakteur der LAUSITZER RUNDSCHAU, Johannes M. Fischer, Details der Studie diskutiert. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Deutschen Gesellschaft.

Fischer hatte sich hochrangige Gäste auf das Podium eingeladen. Im Beisein der Landtagsabgeorneten Martina Münch (SPD), des Herausgebers der Umfrage, Ralf Sippel, sowie des Staatssekretärs und Bevollmächtigten des Landes Brandenburg beim Bund, Thomas Kralinski, standen Themen wie Wertewandel, soziale Sicherheit, Familie und Abwanderung im Mittelpunkt.

"Klar ablesen können wir aus der Studie eine Demokratiemüdigkeit der Generationen", sagt Ralf Sippel. Die Podiumsteilnehmer erklären das mit dem Misstrauen in das Rechtssystem. Nur 41 Prozent der befragten Ostdeutschen und 57 Prozent der Westdeutschen halten Rechtssicherheit für wichtig. Martina Münch versteht Demokratie in diesem Zusammenhang als Lernprozess - damals wie heute. "Das Gefühl von Gerechtigkeit spiegelt sich nicht immer in dem wider, was Gerichte entscheiden", so Münch. Es wird klar, dass es 25 Jahre nach der Wende kein alternatives System zur Demokratie gibt.

Nächster Brennpunkt: das liebe Geld. "Geld spielt die wichtigste Rolle in Bezug auf die Sicherheit", zitiert Johannes M. Fischer aus der Umfrage. Ist die Einheit erst auf materieller Basis, dann auf ideeller Ebene zustande gekommen? Münch kontert mit der Vormachtstellung der Familie, sie sei "wichtige Lebensgrundlage", aber mit entsprechendem finanziellen Hintergrund natürlich leichter abzusichern. Auch Staatssekretär Kralinski misst der Familie eine hohe Bedeutung bei. "Die heutige krisenbehaftete Gesellschaft führt zwangsläufig zum Rückzug der Menschen in die eigene Privatsphäre."

Fragen aus dem Publikum drehen sich vor allem darum, wie der Wegzug junger Menschen verhindert werden könne. Ralf Sippel empfiehlt dabei ein neues "Gefühl der Bürgschaften in Städten" wie etwa in Berlin, Leipzig oder Dresden. "Städte müssen stärker an sich glauben, der Jugend ein positives Lebensgefühl vermitteln und sich mehr nach außen öffnen." Eine hundertprozentige Angleichung zwischen Ost und West halten alle auch 25 Jahre nach dem Mauerfall für illusorisch. "Erstrebenswerter ist es, dass alle die gleichen Chancen auf ein gutes Leben haben", schließt Thomas Kralinski eine interessante Debatte.