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"Lebensunterbrechung" im Namen der Erbhygiene

Der Historiker Götz Aly forscht seit Jahrzehnten zu den Verbrechen im Dritten Reich.
Der Historiker Götz Aly forscht seit Jahrzehnten zu den Verbrechen im Dritten Reich. FOTO: Susanne Schleyer
In der Reihe "Lausitzer Lesart" – eine Gemeinschaftsveranstaltung des Brandenburgischen Literaturbüros, der RUNDSCHAU und des Schlosses Lübbenau – wird Götz Aly am 27. März im Schloss Lübbenau sein Buch "Die Belasteten" vorstellen. In seiner faktenreichen Studie widmet sich der Autor der Euthanasie im Dritten Reich. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit dem 66-jährigen Historiker.

Götz Aly, seit Jahrzehnten beschäftigen Sie sich mit einem besonders dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Was gab den Anstoß für Ihre Forschungen?
Für mich gab es zwei Gründe, mich mit der Ermordung von 200 000 dauerhaft Kranken, geistig und körperlich behinderten Menschen aus deutschen Familien zu beschäftigen. Zum einen war es ein sehr persönlicher: die Geburt meiner Tochter Karline, die nach einer Gehirnhautentzündung schwerbehindert wurde. Ihr widme ich auch mein Buch. Zum anderen drückte mir ein Staatsanwalt viele Regalmeter Akten eines Ermittlungsverfahrens in die Hand, das von den Euthanasie-Morden in Hamburg handelte und am Ende eingestellt wurde. Das ist jetzt mehr als 30 Jahre her.

Wie wurden die Menschen zu Tode befördert?
Anfangs, 1939, sind in Ost- und Westpreußen und Pommern einige Tausend Menschen erschossen oder in fahrbaren Gaskammern umgebracht worden. Etwa 70 000 Patienten wurden anschließend über Zwischenanstalten zu festen Gaskammern - etwa in Pirna oder Brandenburg - deportiert. Wenn da die Angehörigen Krach geschlagen haben, konnten sie sie noch retten. Dafür gab es sogar einen Erlass. Geschehen ist das in weniger als einem Prozent der Fälle. Die Angehörigen erhielten einen standardisierten Trostbrief mit einer fingierten Todesursache, versehen mit dem Hinweis, dass der Tod des Vaters, der Schwester oder des Onkels angesichts der Schwere des Leidens doch eine Erlösung sei. Gnadentod oder Lebensunterbrechung wurden die Morde beschönigend genannt. Später hat man in öffentlichen Anstalten wie Brandenburg-Görden, Neuruppin oder Teupitz "unbrauchbare" Menschen regelrecht verhungern lassen oder durch überdosierte Schlafmittel getötet. Das hat bis 1945 noch einmal mehr als 100 000 Menschen betroffen.

Es ist ein noch immer schamhaft verschwiegenes Thema. Kann man den Satz akzeptieren: "Wir haben von nichts gewusst?"
Wer will heute schon so genau wissen, wie seine Kleidungsstücke in Bangladesch hergestellt werden? Solche Verdrängungsmechanismen wirken im Krieg natürlich noch sehr viel stärker. Die Angst um den Ehemann an der Front, die selbst durchlittenen Bombennächte beförderten natürlich das Wegsehen, das Vergessen, das Nicht-Wissen-Wollen. Tatsache ist: Die Patienten in den Anstalten wussten, dass sie in den Tod transportiert wurden, dass sie als unbrauchbar galten.

Und die Angehörigen?
Anhand eines Fragebogens wurde der Grad der Arbeitsfähigkeit und Dauer des Anstaltsaufenthalts eines Patienten ermittelt. Drittens wurde gefragt: "Wie oft erhält der Kranke Besuch und von wem?" Wer sozial isoliert war, wurde sehr viel schneller auf die Todeslisten gesetzt als einer, dessen Verwandte regelmäßig zu Besuch kamen. Legte ein Angehöriger sein Veto ein oder wollte er beispielsweise sein behindertes Kind nach Hause holen, konnten die Todeskandidaten meistens gerettet werden.

Jeder achte Deutsche und Österreicher, der älter als 25 Jahre ist, hat einen direkten Verwandten, der als "nutzloser Esser" im Namen der Erbgesundheit ermordet wurde, haben Sie ermittelt.
Das wissen die Wenigsten, denn in den meisten Familien war das Thema nach dem Krieg völlig tabuisiert, ob in der DDR, in Österreich oder in der Bundesrepublik. Auch, weil viele wussten, dass sie an dem Tod dieses Familienmitglieds durch Nichtstun und Schweigen mitschuldig geworden waren. Ich breche nicht den Stab über Menschen, die damals schwach wurden. Im Nationalsozialismus gab es keinerlei staatliche Hilfen für behinderte oder psychisch erkrankte Familienmitglieder. Im Gegenteil: Man bekam sogar das Kindergeld für die gesunden Kinder entzogen; weil die Familie jetzt als erblich belastet galt. Das beeinträchtigte die Zukunftschancen der ganzen Familie, stigmatisierte, verstärkte - auch heute noch vorhandene - Schuld- und Schamgefühle enorm. All das sollte mitbedacht werden. Dennoch ist völlig klar: Die Euthanasie-Morde wären nicht zustande gekommen ohne das passive, teils auch aktive Mitwirken der Angehörigen.

Wer waren die Täter? Sind sie zur Rechenschaft gezogen worden?
Nach meinen Forschungen waren es überwiegend sehr gute hochengagierte Ärzte. Die Vorstellung von Nazibarbaren oder Pseudomedizinern ist falsch. In allen Besatzungszonen sind in den ersten drei Nachkriegsjahren einzelne Prozesse geführt worden, zum Teil auch mit Todesurteilen. Überall, in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik konnten die meisten ganz normal weiterpraktizieren oder in den Anstalten, in denen sie gemordet hatten, als Direktoren oder Oberärzte weiterarbeiten. Auch die Leiterin der Station in Brandenburg-Görden, auf der behinderte Kinder ermordet wurden, blieb dort bis in die 1970er-Jahre.

Was ist mit jenen passiert, die sich widersetzten?
Gar nichts. Von den 1200 Vormundschaftsrichtern im Deutschen Reich, die zuständig waren für psychisch Kranke, hat sich einer über das stark gehäufte, zeitlich fast gleiche Sterben vieler seiner Mündel beschwert. Er wurde versetzt. Einer von 1200.

In den von Ihnen zusammengestellten Listen fanden wir auch die Namen von ermordeten Kindern aus der Lausitz. Warum ist es Ihnen wichtig, sie beim Namen zu nennen?
Zum Tabu gehört bis heute, dass die Namen der Ermordeten ganz selten genannt werden. In der Literatur, auf Denkmälern und Gedenksteinen werden sie meist abgekürzt. Das geschieht weiterhin aus Scham. Für mich ist egal, was die Angehörigen dazu denken: Die Ermordeten sind Opfer des Nationalsozialismus. Sie haben ein Recht auf ihren Namen.

Wer das Buch gelesen hat, wagt kaum, aktive Sterbehilfe in Deutschland einzufordern. Wie denken Sie über die gegenwärtige Debatte?
Wenn es wie in Belgien sogar um Kinder geht, dann denke ich an meine Tochter Karline. Sie steht unter unserer Pflegschaft. Wenn wir dann sagen würden, unsere Tochter wünscht sich den Tod, würde das als ihr freiwilliger Wille gelten. Aber ist er das wirklich? Ich hoffe darauf, dass der Bundestag die gesetzlichen Grenzen möglichst eng zieht. Aber ich verurteile niemanden, der sich in einer Patientenverfügung für ein selbstbestimmtes Sterben entscheidet und dafür auf Hilfe hofft.

Mit Götz Aly

sprach Ida Kretzschmar

Lesung am 27. März, 19 Uhr, in der Orangerie des Schlosses Lübbenau. Reservierungen unter Tel.: 03542 8730 oder per E-Mail an info@schloss-luebbenau.de oder über die Homepage: www.schloss-luebbenau.de

HINTERGRUND DIE GESETZESDEBATTE

Weil sich Union und FDP 2012 nicht einig würden über eine Neuregelung zum Thema aktive Sterbehilfe, blieb alles beim Alten: Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland straffrei. Jetzt ist die Debatte erneut entbrannt: Über ein Verbot gewerbsmäßiger Sterbehilfe will der Bundestag voraussichtlich noch in diesem Jahr ohne Fraktionszwang entscheiden. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat sich bereits für eine Bestrafung jeglicher geschäftsmäßiger Hilfe zur Selbstötung ausgesprochen. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki lehnt die Unions-Pläne zum Verbot jeder Form von organisierter Sterbehilfe ab. Der Staat dürfe sich nicht anmaßne, den Bürgern ihre Selbstbestimmung durch ein Gesetz kategorisch zu verbieten. Die Abgeordneten in de Koalitionen sind sich derzeit noch uneins: Todkranken bei ihrem Wunsch nach Sterben helfen? Oder besser jegliche Beifhilfe zur Selbsttötung verbieten? Es sind große Fragen, die zur zentralen Ethikdebatte des Jahres werden könnten. Die RUNDSCHAU lädt Sie, liebe Leserinnen und Leser, zur Diskussion ein.