An einem sonnigen Sommertag zieht es ungefähr 2000 Menschen zum Spremberger Stausee. Diese eine Zahl kann Klaus
Reiter nur schätzen. Alle anderen hat der Chef des DLRG-Stadtverbandes Cottbus schriftlich. 3051 Stunden Wasserwacht
haben seine 31 einsatzfähigen Rettungsschwimmer an dem Stausee im vergangen Jahr geleistet. 70-mal mussten sie dabei
Erste Hilfe leisten, viermal auch den Rettungswagen rufen. Elfmal haben die Wasserwächter Surfer, 18-mal Bootsfahrer
gerettet.
Keinen Cent gab es dafür. Reiter räumt ein, dass Eigentümer von Badegewässern nicht verpflichtet sind zu zahlen. In
Brandenburg – obwohl eines der seereichsten Bundesländer – ist die Wasserrettung nicht im Landesrettungsgesetz verankert.
Das ärgert Reiter: "Rettungswagen werden bezahlt. Wenn wir jemanden aus dem Wasser ziehen, ist das gratis. Sind wir
Lebensretter zweiter Klasse?" Nicht nur die Stausee-Anliegergemeinden Bagenz und Klein Döbbern – Gesellschafter einer
Spree-Camp GmbH – zahlen der Wasserwacht nichts. Der Kreis Spree-Neiße hat 2500 Euro Betriebskostenzuschuss
gestrichen.

Ohne Sponsoren aufgeschmissen

Umgekehrt bitte man die DLRG gern zur Kasse, schimpft Reiter. Um einmal die Woche in der Cottbuser Schwimmhalle in der
Juri-Gagarin-Straße drei Stunden lang drei Bahnen nutzen zu dürfen, zahlt die DLRG an die Congress, Messe und Touristik
GmbH 500 Euro. Insgesamt müsse der DLRG-Stadtverband im Jahr 25 000 Euro aufbringen – für Versicherungen,
Ausstattung, Benzin, Aufwandsentschädigung. Dienstkleidung muss sich sogar jeder Rettungsschwimmer selbst kaufen.
"Ohne Sponsoren wären wir aufgeschmissen", so Reiter. Nur die Mitgliedsbeiträge – die DLRG Cottbus hat 200 Mitglieder –
und die Prüfungsgebühren für den Rettungsschwimmpass bringen der Gesellschaft Einnahmen.
Steffen Krumpa, Reiters Kollege vom DLRG-Ortsverband Forst, spricht das zweite Problem der Wasserwacht an: den
Personalmangel. Wenn der Nachwuchs alt genug ist, um an Seen als Rettungsschwimmer eingesetzt zu werden, wandert er
ab. "Es fehlt an Jobs und Lehrstellen. In den alten Bundesländern freut man sich über unsere ausgebildeten
Rettungsschwimmer", klagt Krumpa. Die DLRG Forst bietet im Landschulheim in Jerischke Wochenendkurse an. Die
praktische Erfahrung wird in sechs bis acht Wochen in der Schwimmhalle vermittelt. Ein guter Rettungsschwimmer sollte
zwei Jahre Erfahrung haben, so Krumpa, der bereits in Schulen und öffentlichen Einrichtungen Mitglieder wirbt.
Forster DLRG-Schwimmer übernehmen dieses Jahr wieder die Wasserwacht am Eichweger See bei Döbern. "Das Amt zahlt
uns für jede Badesaison 900 bis 1000 Euro", verrät Krumpa. Doch es gibt noch mehr Badeseen im Altkreis Forst, und für die
fühlt sich scheinbar keiner verantwortlich. Am See in Jethe steht ein Schwimm-Verbotsschild. Letztes Jahr kam es dort
trotzdem zu einem Badeunfall. Krumpa vermisst bei einigen Kommunen, denen Badeseen gehören, das "Problembewusstsein".
Dabei können See-Eigentümer aufgrund ihrer Verkehrssicherungspflicht zur Verantwortung gezogen werden.

Unfallschwerpunkt ohne Retter

Darauf wies auch Klaus Nerrn von der Gubener Wasserwacht des DRK hin, als vor zwei Jahren die Betriebsgesellschaft für
Naherholung Campingplatz Großsee die Rettungsschwimmer nicht mehr haben wollte. 4757 Mark für 756 im Jahr 2001
geleistete Einsatzstunden – das war der Geschäftsführung zu teuer. Nerrn hält die Absage für verantwortungslos. In
Spitzensommern kommen 100 000 Badegäste zu dem nahe Tauer bei Peitz gelegenen Badesee. "Wir hatten dort immer die
meisten Erste-Hilfe-Einsätze", berichtet Nerrn. Die Gubener DRK-Wasserwacht ist noch am Deulowitzer und am Pinnower See bei Guben präsent. Das Amt
Schenkendöbern zahlt dafür eine Aufwandsentschädigung. Die Stadt Guben lässt die Rettungsschwimmer montags für zwei
Stunden kostenlos zum Training in die Schwimmhalle. "Ein Geben und Nehmen", so Nerrn: "Dafür führen wir in Freibad und
Schwimmhalle Aufsicht." Zum Training mit dem Motorboot fahren die Gubener zum Schwielochsee bei Goyatz. Auch für
diesen See wurde den Gubenern die Wasserwacht übertragen.

Nachwuchssorgen

Nerrn sieht die Zukunft der Wasserwacht nicht so schwarz wie sein Cottbuser Kollege Klaus Reiter. Zwar betteln auch die
Gubener bei Sponsoren. "Aber ein richtiges Problem haben wir nur mit dem Nachwuchs", so Nerrn. "Vor Kindern, die
Rettungsschwimmer werden wollen, können wir uns kaum retten. Aber nach dem Abitur verlassen uns so viele, dass die
Personallücken kaum zu schließen sind."

Zahlen & Fakten

Tödliche Badeunfälle
Nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind in den fünf
neuen Ländern im letzten Jahr 138 Menschen ertrunken. 25 mehr als im Jahr 2001.
Allerdings kamen allein 22 Menschen bei den Hochwasserfluten in Sachsen und Sachsen-Anhalt ums Leben.
In Brandenburg sind laut DLRG-Statistik im letzten Jahr 26 Menschen ertrunken, in Sachsen 41, in
Mecklenburg-Vorpommern 37, in Sachsen-Anhalt 23, in Thüringen 11.
Im Mai letzten Jahres, noch vor Eröffnung der Badesaison, ertrank im Spremberger Stausee ein Rentner nach einem
Bootsunfall. Im Juli letzten Jahres ertrank ein tschechischer Junge im Deulowitzer See außerhalb der Aufsichtszeit.