. Dr. Thomas Erler steht nicht im Verdacht, dass ihm Leben und Gesundheit kleiner Kinder nicht am Herzen liegen. Erler ist Chefarzt der Kinderklinik im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum und Frühchen-Experte. Doch Erler gehört auch zu den heftigsten Kritikern von Babyklappen: "Diese Einrichtungen sind gut gemeint, aber sie sind ein fataler Irrtum." Babyklappen würden kein Leben retten, sondern nur Findelkinder erzeugen.

Das katholische Sankt-Josephs-Krankenhaus in Potsdam betreibt seit 2003 eine Babyklappe in Brandenburgs Landeshauptstadt. "Das ist ein Angebot unter vielen und es schadet nicht", verteidigt Geschäftsführer Hartmut Hagmann diese Möglichkeit, ein Neugeborenes anonym abzugeben. "Wir halten daran fest, es gibt keinen Grund für uns, das abzuschaffen."

Etwa zwei Babys werden pro Jahr in die Potsdamer Klappe gelegt. Potsdam besitzt die einzige Babyklappe in Brandenburg. Im sächsischen Bautzen wurde vor zweieinhalb Jahren eine eingerichtet, doch bisher nicht benutzt.

Der Fund einer Babyleiche am Karfreitag im sächsischen Nardt bei Hoyerswerda hat der Diskussion um Babyklappen und anonyme Entbindungen in der Region Auftrieb gegeben. Zwar konnte noch nicht festgestellt werden, ob es sich um ein Neugeborenes handelte und woran es starb, aber zur selben Zeit wurde bekannt, dass das Bundesfamilienministerium Babyklappen und anonyme Entbindungen neu regeln will. Seitdem wird wieder über deren Sinn oder Unsinn diskutiert.

Exakte Zahlen über bekannt gewordene Fälle von Neugeborenen, die heimlich zur Welt kommen und getötet werden, gibt es nicht. In der Kriminalitätsstatistik werden sie nicht separat erfasst. Auswertungen von Medienberichten legen jedoch nahe, dass es pro Jahr etwa zehn bis 30 solcher Fälle gibt und sich diese Zahlen durch inzwischen mehr als 100 Babyklappen in Deutschland nicht verändert haben.

Für den Chefarzt der Cottbuser Kinderklinik, Thomas Erler, ist das keine Überraschung. Er ist überzeugt, dass Babyklappen nicht die Frauen erreichen, die ihr Neugeborenes heimlich zur Welt bringen und töten. "Das sind Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängen und deshalb keine Hilfe suchen." Wenn das Baby plötzlich da sei, handelten sie in Panik und irrational.

Dafür nennt er konkrete Beispiele. Eine Schülerin bringt nachts heimlich ein Kind zur Welt, erstickt es mit einem Handtuch und legt es in den Papierkorb. Danach geht sie wie jeden Tag zur Schule. Eine andere Frau wirft ihr Kind aus dem Fenster im zehnten Stock und legt sich danach wieder ins Bett.

Keines dieser Kinder hätte durch eine Babyklappe gerettet werden können, so Erler. "Das bedarf der Planung und Vorbereitung." Die Frau müsse sich erkundigen, wo eine Klappe ist, wie sie dahin kommt. Erler ist überzeugt, dass Babyklappen ein Anreiz sein können, ein Kind zu "entsorgen". Auch dafür hat er ein Beispiel zur Hand.

In Lübeck lagen im November zwei Brüder, drei und 15 Monate alt, in der Babyklappe. Über den leeren Kinderwagen in der Nähe konnte die Mutter identifiziert werden. Eine 23-jährige Brandenburgerin, die in einem Mutter-Kind-Heim lebte.

Ursula Jarsumbeck vom Projekt Findelbaby des Dresdener Vereins Kaleb lässt solche Einzelbeispiele nicht gelten, um die Babyklappen abzulehnen. Seit zehn Jahren unterbreitet der konfessionelle Verein mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern ein solches Angebot. 16 Neugeborene wurden seitdem darin abgelegt. Kaleb hat in den vergangenen zehn Jahren auch 21 Frauen bei anonymen Entbindungen begleitet.

"Es gibt Frauen in Extremsituationen, die finden keinen anderen Ausweg", sagt Jarsumbeck. In der Kaleb-Klappe liege auch ein Brief, mit dem sich die Mutter beim Verein melden könne. Sieben Frauen, die in Dresden die Klappe oder die anonyme Geburt nutzten, entschieden sich später doch noch für ein Leben mit ihrem Kind.

In Cottbus wurde nach vielen Diskussionen im vorigen Herbst am Carl-Thiem-Klinikum statt einer Babyklappe ein Krisentelefon für Frauen mit einer verheimlichten Schwangerschaft eingerichtet. Genutzt wurde es bisher für solche Fälle nicht.

Im Seenland Klinikum Hoyerswerda gab es bisher weder eine anonyme Entbindung, noch wurde ein Neugeborenes in der Nähe der Klinik ausgesetzt. Nur Freigaben zur Adoption kämen gelegentlich vor. Alle Kliniken in Deutschland haben jedoch das Problem, dass Babyklappen und anonyme Entbindungen sich bisher in einem weitgehend rechtsfreien Raum bewegen.

Das Bundesfamilienministerium hat deshalb Handlungsbedarf erkannt. Eine umfangreiche Studie über die bisherigen Erfahrungen mit Babyklappen und anonymen Entbindungen und die Fachkompetenz der Ethikkommission der Bundesregierung sind Grundlage der angestrebten Regelung.

Danach sollen vorhandene Babyklappen Bestandsschutz genießen, aber keine neuen genehmigt werden. Auch anonyme Entbindungen soll es vermutlich nicht mehr geben. Eine große Rolle in der Diskussion von Experten spielen mögliche psychische Folgen für "Findelkinder", die ihre Herkunft nie erfahren.

Als möglicher Ausweg soll die "vertrauliche Geburt" eingeführt werden (siehe Hintergrund). Diese und andere Angebote, so Ziel des Familienministeriums, sollen Babyklappen nach und nach entbehrlich machen.

Zum Thema:
Babyklappe: Ein von außen zugängliches Wärmebett, in dem Neugeborene unbeobachtet abgelegt werden können. Bei Öffnung wird ein Alarm ausgelöst, damit das Kind schnell versorgt wird. Das Kind ist umgehend dem zuständigen Jugendamt zu melden. Betreiber sind Krankenhäuser und Vereine, die mit Kliniken zusammenarbeiten. Ein Kontakt zur Kindesmutter ist nur möglich, wenn diese sich freiwillig beim Träger meldet. Die Entbindung findet ohne medizinische Versorgung von Mutter und Kind statt. Anonyme Geburt: Die Schwangere bringt ihr Kind in einer Klinik zur Welt, ohne ihre Personalien zu hinterlassen. Der Vorteil ist die fachgerechte medizinische Versorgung von Mutter und Kind. Wie die Babyklappe ist die anonyme Geburt bisher nicht rechtlich geregelt. Problem: Das Krankenhaus kann die Entbindungskosten bei keiner Krankenkasse abrechnen. Manche Vereine, die Frauen bei anonymen Entbindungen begleiten, übernehmen diese Kosten durch Spenden. Anonyme Abgabe: Ähnlich der anonymen Geburt. Die Frau entbindet aber allein und bringt das Kind dann zu einem vereinbarten Übergabeort. Vertrauliche Geburt: Sie soll nach Plänen des Bundesfamilienministeriums die anonyme Geburt ersetzen. Schwangerschaftsberatungsstellen sollen diese Geburten organisieren und begleiten. Das Kind bekommt einen Namen und wird registriert. Die Angaben zur Kindesmutter werden jedoch zunächst vertraulich behandelt. Sie hat dann einige Wochen Zeit, sich doch noch für ihr Kind zu entscheiden.