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Lebensqualität und Familie sind wichtiger als Gehalt

Olaf Schöpe, Präsident Dehoga Brandenburg
Olaf Schöpe, Präsident Dehoga Brandenburg FOTO: privat
Senftenberg. Fachkräftesicherung wird zunehmend zu einem entscheidenden Faktor wirtschaftlichen Erfolgs von Unternehmen – und ganzer Regionen. In Senftenberg berieten Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft, wie man qualifizierte Mitarbeiter zum Bleiben bewegt. Anja M. Lehmann

Viele Unternehmen haben bereits heute Probleme, geeignete Fachkräfte zu finden. Und Prognosen zeigen: Als Folge des demografischen Wandels werden diese Probleme in Zukunft deutlich zunehmen. Wo es keine Menschen gibt, können Stellen nicht besetzt werden.

Um sich auf diese zukünftige Herausforderung vorzubereiten und erste Erfahrungen auszutauschen, hat der Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) am Donnerstag zu einer Konferenz "Fachkräftesicherung" nach Senftenberg geladen. Vertreter der regionalen Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten auf dem Campus der BTU Möglichkeiten zur Ausbildung und Bindung qualifizierter Mitarbeiter.

"Es wird maßlos überschätzt, was durch Maßnahmen im Bildungs- und Ausbildungsbereich erreicht werden kann", stellte Jan Schröder, Leiter der BWA-Fachkräftekommission, fest. Gerade im Bildungsbereich sei schon so viel getan worden, "da ist nichts mehr zu holen."

Vielmehr müssten Unternehmer umdenken und sich den gegebenen Verhältnissen anpassen. Nicht nur, dass in vielen Firmen "autonomieverliebter Nachwuchs" auf "pflichtversessene Erfahrungsträger" stößt. Gerade die zukünftige Generation Arbeitnehmer strebe "Work-Life-Balance und sanfte Karrieren" an, so Jan Schröder.

Aspekte wie flexible Arbeitszeiten und Gesundheitsmanagement gewinnen an Bedeutung und werden Mitarbeitern zunehmend wichtiger als üppige Gehaltschecks. Der Arbeitgebermarkt wandelt sich in einen Markt der Arbeitnehmer. Diese seien so flexibler und könnten ihre Konditionen stärker verhandeln, legt Jan Schröder dar.

Wie man motivierte Fachkräfte gewinnt und erfolgreich an das Unternehmen binden kann, zeigt die Medizintechnik Kröger GmbH Massen. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen mit 226 Beschäftigten zum familienfreundlichsten im Land Brandenburg gekürt.

Nach der Philosophie "Die Mitarbeiter sind der Motor des Unternehmens" unterstützt die Geschäftsführung ihre Angestellten individuell durch flexible Arbeitszeitmodelle, ein breites Gesundheitsangebot und finanzielle Sonderleistungen wie Zuschüsse für den Kita-Platz, Beteiligung an Fahrtkosten und kostenloses, gesundes Mittagessen. Darüber hinaus können Mitarbeiter ihre Aufgabengebiete mitgestalten und werden bei Qualifizierungen unterstützt. "Zur Deckung des Fachkräftebedarfs bilden wir in fünf Berufen aus und fördern Quereinsteiger und Fachkräfte, die zurück in die Region kommen möchten", so Carolin Kutscher, Sprecherin der Kröger GmbH.

Besonders für Rückkehrer ist dabei nicht allein die Attraktivität des Jobs, sondern auch Möglichkeiten für den Partner, die Familie und kulturelle Angebote ausschlaggebend.

"Fachkräftesicherung kann und sollte man nicht als einzelbetriebliche Aufgabe wahrnehmen", sagte Jan Schröder und plädierte für eine "Fachkräftesicherung durch Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung". "Fachkräfte bleiben nur, wenn alle Familienmitglieder einen Anker in der Region finden", so Schröder.

Weniger dramatisch sieht der Präsident der Gesellschaft zur Förderung von Hotellerie und Gastronomie (Dehoga) in Brandenburg, Olaf Schöpe, die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. In den letzten Jahren habe es zwar nur noch halb so viele Bewerber gegeben. "Aber in vielen Betrieben ist es so, dass wir nach einem Boom Anfang der 1990er-Jahre wieder auf ein Normalmaß gelangt sind", so Schöpe. Klar sei jedoch auch, dass sich der Fachkräftemangel in den verschiedenen Berufsgruppen sehr unterschiedlich gestaltet.

So fehlen bereits heute vor allem in der Pflege vielerorts Fachkräfte. Zwar stieg die Zahl der Auszubildenden 2014 um 18,6 Prozent. Dennoch rechnen Experten in den kommenden Jahren mit einer "Pflegelücke" von über 700 000 professionellen Pflegekräften, erklärte Juliane Eichhorn-Kissel, Dozentin der BTU Cottbus-Senftenberg.

Seit 2013 bietet die BTU die Studiengänge Pflege- und Therapiewissenschaft an. "Akademisierung in Gesundheitsberufen könnte eine Lösung für den Fachkräftemangel sein", meint die Professorin. Doch hoch qualifizierte Führungskräfte nützten auch nichts, so ein Einwand aus der Diskussionsrunde, wenn keine Pflegekräfte mehr da sind, die angeleitet werden könnten.

Zum Thema:
Die Bundesagentur für Arbeit benennt folgende Arbeitskräftepotenziale, die bis 2025 erschlossen werden könnten: Schulabgänger ohne Abschluss sowie Ausbildungs- und Studienabbrecher reduzieren und Übergänge in den Beruf verbessern. Zudem die Erwerbspartizipation von Frauen sowie von Menschen über 55 Jahren und die Lebensarbeitszeit erhöhen. Weitere Punkte sind die Zuwanderung von Fachkräften, die Steigerung der Arbeitszeit von Teilzeit-Beschäftigten in Vollzeit sowie die Förderung von Qualifizierung und Weiterbildung.