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| 01:04 Uhr

Lebenslang für den Mörder von Jakob

Wegen der Ermordung des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler ist der Angeklagte Magnus Gäfgen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Landgericht Frankfurt am Main sah bei der Urteilsverkündung gestern zudem eine besondere Schwere der Schuld, was eine Freilassung auf Bewährung nach 15 Jahren ausschließt. Gäfgen hatte bereits zu Beginn des Verfahrens im April gestanden, den Elfjährigen im vergangenen September entführt, ihn durch Zukleben von Nase und Mund getötet und eine Million Euro Lösegeld erpresst zu haben. Von Thomas Maier

Mit kühl-distanziertem Blick und ohne erkennbare Gefühlsregung hört Magnus Gäfgen der Urteilsbegründung zu. 90 Minuten benötigt der Kammervorsitzende Hans Bachl, um zu erläutern, wieso der 28 Jahre alte Jurist für die Entführung und Ermordung des elfjährigen Jakob von Metzler vor zehn Monaten die höchst mögliche Bestrafung verdient. Die Eltern des Opfers hören dies nicht: Sie waren dem Prozess von Anfang an fern geblieben.
Die 22. Große Strafkammer des Landgerichts Frankfurt verhängt gegen den Angeklagten nicht nur die erwartete lebenslange Haft. Zudem bescheinigt sie dem nach eigener Einschätzung "lieben, netten Menschen" auch noch besonders schwere Schuld. Gäfgen wird nicht nach 15 Jahren wieder auf Bewährung in Freiheit kommen.
Nach 17 Verhandlungstagen ist damit ein Prozess zu Ende gegangen, der die Menschen wegen der Brutalität der Tat und der Prominenz der alt eingesessenen Familie des Opfers tief bewegt hat. Zugleich haben die juristischen Begleitumstände wie die Folterandrohung gegen Gäfgen durch die Polizei nach dessen Festnahme schon jetzt deutsche Rechtsgeschichte geschrieben. Mit dem Urteil ist der Versuch der Verteidigung, das Verfahren zu emotionalisieren und zu politisieren, gescheitert. Gäfgens öffentlichkeitsgewandter Verteidiger Hans Ulrich Endres hatte bis zur letzten Minute vor der Urteilsverkündung den Prozess zu einem "hoch politischen Verfahren" stilisiert, weil seinem Mandanten im Polizeiverhör Folter angedroht worden war. Deshalb müsse mit einem Verzicht auf die härteste Strafe ein "Zeichen" gegen den Verfall der Rechtskultur gesetzt werden, argumentierte der Verteidiger. In einem ungew&o uml;hnlichen Schritt hatte Endres sich an "Emotion und Sachverstand" der Schöffinnen gewandt, weil er den Kammervorsitzenden Bachl für befangen hielt.
Bachl wies in seinem Urteil diese Bewertung von Endres scharf zurück. Die Schuld des Angeklagten könne nicht gegen das Fehlverhalten von Polizisten aufgewogen werden. Die Kammer hatte die Sprengkraft des Foltervorwurfs geschickt zum Prozessauftakt entschärft, in dem sie alle polizeilichen Geständnisse Gäfgens für null und nichtig erklärt hatte. Bachl lässt es sich im Urteil nicht nehmen, die von "hohen und höchsten Richtern" geführte öffentliche Debatte über den Foltervorwurf vor dem Prozess zu kritisieren.
Eine "Fülle von Gesichtspunkten" sieht die Kammer, wieso Gäfgen mehr Schuld auf sich geladen habe als ein normaler Mörder: Neben den drei Mordmerkalen Habgier, Heimtücke und Verdeckung einer Straftat fällt für das Gericht besonders ins Gewicht, dass er auch das Vertrauen des ihm bekannten Jakob missbraucht habe. "Er hat sich ein Kind als leichtes Opfer gewählt", sagt Bachl. Bereits weit vor der Entführung habe Gäfgen beschlossen, das Jakob sterben müsse, damit er seinen Freunden und seiner 16-jährigen Freundin weiterhin ein Luxusleben vorgaukeln kann.
Das von Gäfgen im Prozess abgelegte Geständnis ist nach Ansicht des Gerichts zu Gunsten des Angeklagten zu berücksichtigen. Zwar habe sich Gäfgen praktisch erst in seinem letzten Wort zu dem Mord voll bekannt. Aber der 28-Jährige habe kein "rationales Geständnis" aus taktischen Gründen abgelegt, wie ihm die Staatsanwaltschaft und Nebenklage unterstellt hatten. Anders als Gäfgens Verteidiger sieht die Kammer im Geständnis aber keinen ausreichenden Grund, auf eine besonders schwere Schuld zu verzichten. "Es gibt Fälle, in denen das begangene Unrecht im Nachhinein nicht wiedergutzumachen ist", stellt Bachl fest.