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| 02:43 Uhr

Lebenslänglich für Berliner Ku'damm-Raser

FOTO: dpa
Berlin. Zwei junge Männer stehen vor Gericht. Mit Vollgas haben sie sich in der Berliner City ein Rennen geliefert und dabei einen Menschen totgefahren. Die Staatsanwälte fordern die Höchststrafe wegen Mordes. Tatsächlich rechnet aber kaum jemand mit so einem Urteil. Anne Baum

Zuschauer schreien überrascht auf, die Angeklagten stehen wie vom Schlag getroffen: Erstmals in Deutschland sind zwei Raser nach einem illegalem Rennen mit tödlichem Ausgang des Mordes schuldig gesprochen worden. Lebenslange Freiheitsstrafen verhängt das Berliner Landgericht am Montag.

Lebenslang solle den beiden als Ku'damm-Raser bekannt gewordenen Männern, 28 und 25 Jahre alt, der Führerschein entzogen werden. Die Verteidigung kündigte Revision an.

Der 25-Jährige setzt sich langsam. Sein Blick geht ins Leere. Er stützt den kahlen Kopf auf. Der 28-Jährige bleibt zunächst stehen. Fassungslos wirkt der schmale Mann und wütend. Dann bricht es aus ihm heraus: "Was wollt ihr denn? Was soll das Ganze? Was soll ich mir das noch anhören." Noch minutenlang steht er während der Urteilsbegründung.

"Es ist immer eine Einzelfallenscheidung", beginnt Richter Ralph Ehestädt. Persönlichkeit der Täter, Motivation, Tatumstände. Die Gesamtschau führe zum Urteil. Die Angeklagten hätten einen tödlichen Ausgang des Rennens natürlich nicht gewollt. "Aber wir reden hier von einem bedingten Vorsatz." Davon, dass sie die Folgen "billigend in Kauf" genommen hätten. Mit bis zu 170 Stundenkilometern seien die Angeklagten gerast - "nicht auf einer Landstraße, sondern auf dem Kurfürstendamm, einer Hauptverkehrsstraße in der City".

Das Tempo spielt die besondere Rolle bei der Entscheidung. Es habe die beiden Sportwagen zu Tatwaffen, zu "gemeingefährlichen Mitteln" werden lassen, so das Gericht. "Es wurde mit Vollgas gefahren", sagt Ehestädt. Ob jemand von rechts kommt, sei nicht mehr einsehbar gewesen für die Raser. "Keine Chance für die Raser zu handeln." Und keine Chance für das Opfer.

Ein Unfallort, den Zeugen später als Schlachtfeld beschreiben. Bei Grün rollt ein kleiner Jeep am 1. Februar 2016 gegen 0.40 Uhr an der Tauentzienstraße auf die Kreuzung. Die beiden PS-starken Sportwagen - beide Fahrer sind bereits mehrfach wegen Delikten im Straßenverkehr aufgefallen - nähern sich rasend. Mit mindestens Tempo 160 rammt der 28-Jährige den Jeep. 72 Meter weit wird der pinkfarbene Geländewagen geschleudert. Der 69 Jahre alte Fahrer stirbt in seinem Auto.

Im März klickten für die beiden Raser die Handschellen. Über die Männer heißt es später im Prozess, sie würden ihre hochmotorisierten Autos lieben, sich darüber definieren, Selbstbestätigung holen. Einer der Verteidiger sagt: "Die ticken anders als unsereins." Sie würden ihre Fahrkünste derart überschätzen, dass ihnen gar nicht in den Sinn komme, es könnte zu einem Unfall kommen.

Das Risiko ausgeblendet? Das Argument zählt für die Richter nicht.

"Auch der Raser bleibt ein Mensch, der einen Kopf hat", sagt Ehestädt. Die Folgen einer höchst gefährlichen Fahrweise seien ihnen sehr wohl bekannt. "Raserei ist keine seelische Erkrankung." Der Raser habe die Möglichkeit von Einsicht und Erkenntnis.

Vor dem Gerichtssaal drängen sich Kamerateams. Verteidiger Peter Zuriel kündigt Revision an und bezeichnet sich als einen "ungeheuer wütenden Verteidiger". Er hatte für den 28-Jährigen auf fahrlässige Tötung plädiert. Das Urteil sei nicht haltbar. Andere Verteidiger gehen wortlos. Ein Sohn des Getöteten verlässt den Saal langsam. Ob er sich freue? "Nein, aber ich bin erleichtert." Er hoffe, dass das Urteil ein Signal an andere Raser ist.

Ein Richterspruch, der bundesweit für Aufsehen sorgt. Bislang führten tödliche Verkehrsunfälle nach Raserei zu Schuldsprüchen wegen einer fahrlässig begangenen Tat.

Die Debatte um härtere Strafen für illegale Rennen läuft. Eine Gesetzesinitiative liegt vor.

Zum Thema:
Wird ein Mensch getötet, sieht das Recht verschiedene Tatbestände für das Verfahren gegen Täter vor. Körperverletzung mit Todesfolge: Kommt ein Verletzter nach einem Angriff ums Leben, kann es sich um eine Körperverletzung mit Todesfolge handeln. Das ist etwa der Fall, wenn ein Opfer nach einem Schlag ins Gesicht oder einem Tritt in den Bauch stirbt. Das Strafgesetzbuch sieht dafür mindestens drei Jahre Gefängnis vor. Fahrlässige Tötung: Verursacht jemand fahrlässig den Tod eines anderen wie bei einem Verkehrsunfall, drohen eine Geldstrafe oder maximal fünf Jahre Gefängnis. Totschlag: Wer einen Menschen umbringt, ohne dass ein Mordmerkmal zutrifft, wird laut Strafgesetzbuch "als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft". In besonders schweren Fällen ist auch eine lebenslange Gefängnisstrafe möglich. Mord: Wer als Mörder verurteilt wird, erhält lebenslange Haft. Frühestens nach 15 Jahren ist eine Entlassung auf Bewährung möglich. Für Mord gelten zwei Voraussetzungen. Zum einen muss mindestens ein bedingter Vorsatz vorliegen: Der Täter muss den Tod seines Opfers voraussehend und billigend in Kauf nehmen, so die Juristen. Die Absicht einer Tötung wird nicht vorausgesetzt. Zweite Voraussetzung für die Einstufung als Mord sind die Merkmale, die im Strafgesetzbuch aufgeführt sind. Dazu gehören Mordlust, Habgier, Heimtücke, Grausamkeit oder das Begehen der Tat zur Verdeckung anderer Straftaten oder mit gemeingefährlichen Mitteln. In der Mordanklage zu den Rasern in Berlin argumentierte die Staatsanwaltschaft, die Täter hätten tödliche Folgen billigend in Kauf genommen. Sie hätten gemeingefährliche Mittel eingesetzt und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, um ein illegales Rennen zu gewinnen.