Windräder drehen ihre Kreise in der Ferne. Neben dem Gesicht von Heidi K. (Name geändert) baumeln bunte Blumen aus Papier. Wenn sie aus dem geöffneten Fenster blickt, schaut sie lieber weiter weg. Übersieht das andere Haftgebäude direkt gegenüber und den Freizeitplatz, auf dem sie selten jemanden sieht. Nur die Gitterstäbe kann sie nicht übersehen. "Aber man gewöhnt sich dran. Ein richtig bedrückendes Gefühl ist es, wenn die Tür geschlossen wird", sagt die Mutter von zwei Kindern. Seit zwei Jahren ist sie nun in Haft. Möglich, dass die große Frau mit den markanten Augenbrauen in acht Monaten zurück in ein Leben ohne Schließzeiten darf.

In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Luckau-Duben (Dahme-Spreewald) sitzen derzeit 52 Frauen ihre Strafen ab. 63 Plätze verteilt auf vier Haftbereiche gibt es hier. Die Verurteilten kommen aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt. "Der größere Teil ist wegen Eigentums- und Vermögensdelikten hier, also Diebstahl und Betrug ", sagt JVA-Leiter Hanns Christian Hoff. Viele der Delikte seien auf Drogenkonsum zurückzuführen. "Um das zu finanzieren, werden häufig Einbrüche begangen", so Hoff. Die Abhängigkeit führe manchmal bis zur Prostitution. Was auffällt: Besonders bei den anhaltinischen Frauen ist ein Großteil drogenbelastet. "Je jünger sie sind, desto mehr geht es um illegale Drogen. Das Suchtmittel Alkohol ist eher bei älteren und Brandenburger Frauen ein Thema", sagt der JVA-Leiter. Die am häufigsten konsumierte Droge der Inhaftierten ist Cannabis, gefolgt von Amphetaminen und Crystal Meth. Vor allem junge Frauen sind immer öfter in gewalttätige Straftaten wie Körperverletzung und Raub involviert.

Hinter Gittern allerdings spielt körperliche Gewalt weniger eine Rolle. Frauen sind da anders als Männer, beobachtet Hoff immer wieder. Während Männer ihre Probleme mit einem "Schlag" klären, ziehe sich soetwas bei Frauen ewig hin. "Sie machen das psychisch und versuchen die Mitgefangenen zu unterdrücken, grenzen sie aus", verdeutlicht es Hoff. Hochintelligente, manipulative Frauen seien unter den Inhaftierten, denen die intellektuell eher bedürftigen einfach kein Paroli bieten können.

Heidi K. spricht ähnlich über die Situation: "Ein Zickenkrieg hoch zehn ist das hier, super anstrengend." Es gebe eben Opfer und dominante Persönlichkeiten. "Wer sich durchsetzen kann, hat es einfacher", sagt die dunkelhaarige Frau mit einem Lächeln auf den Lippen. "Manchmal wird sich dann angeschrien, aber Handgreiflichkeiten gibt es eher nicht." Vernünftig wollen sie alles klären, denn wenn sie Probleme machen, gibt es Strafarrest - 23 Stunden hinter verschlossener Tür. Darauf verzichtet Heidi K. gerne. Momentan teilt sie sich mit einer anderen Insassin einen 16 Quadratmeter großen Doppelhaftraum. Sie wohnen in der Wohngruppe für "mitarbeitsbereite" Frauen. Auf ihrem Trakt können sie sich nach der Arbeit frei bewegen, die anderen Frauen besuchen, Kaffee trinken. Diese "Freiheit" haben nicht alle Inhaftierten.

Fast alle von ihnen aber arbeiten tagsüber in Wäscherei, Hauswerkstatt oder Bücherei oder drücken die Schulbank. "Wir machen die Beobachtung, dass sehr viele Frauen Interesse daran haben, hier eine schulische oder berufliche Ausbildung zu absolvieren", sagt Hanns Christian Hoff. Neben dem Nachholen des Schulabschlusses können die Frauen innerhalb der JVA auch eine Ausbildung in den Branchen Gastgewerbe und Gebäudereinigung machen. "Viele verzichten sogar auf die Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung", meint Hoff. Dass sie es draußen allein nicht schaffen würden, wüssten die meisten. Auf der Zelle hätten sie eben Zeit zum Lernen. Und diese Zeit zahlt sich aus: "So gut wie alle bestehen die Prüfung. In den vergangenen zehn Jahren sind vielleicht zwei durchgefallen", erinnert sich der Leiter. Ausbildung und Schule in der JVA hätten zusätzlich einen positiven Effekt: Weil in der Anstalt auch Männer untergebracht sind, sind die Klassen gemischt. "Die Frauen achten mehr auf ihr Aussehen, die Männer auf ihr Benehmen", sagt Hoff. Und es gebe durchaus auch mal die Liebe auf den ersten Blick. Sogar geheiratet wurde schon. Für Heidi K. ist das alles kein Thema. Wichtiger sind ihr ihre sieben- und zwölfjährigen Kinder. "Im Mai habe ich sie das letzte Mal gesehen", sagt die Brandenburgerin und blickt auf die große Bilderwand neben ihrem Bett. Das Fenster steht immer noch offen.

Zum Thema:
Ein geschlossener Vollzug der Freiheitsstrafe für Frauen wird im Freistaat Sachsen in der JVA Chemnitz durchgeführt. Untergebracht sind dort straffällig gewordene Frauen aus Sachsen und Thüringen. Derzeit sitzen 293 weibliche Gefangene ihre Haftstrafe ab. Die Kapazität der JVA beläuft sich allerdings nur auf 250 Plätze. Deshalb müssen Einzelzellen mit Doppelstockbetten und extra Schrank ausgestattet werden, heißt es vom sächsischen Justizministerium. In Chemnitz herrsche bereits seit längerer Zeit eine Überbelegung, die Zahl der weiblichen Inhaftierten pendelt in der Regel zwischen 250 und 270 Frauen.