Gefoltert, an Händen und Füßen gefesselt und grelle Neonlampen als einzige Lichtquelle - in einem Käfig hockt der Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz mehr als viereinhalb Jahre in dem berüchtigten US-Gefangenenlager auf Kuba. Jetzt, wieder in Freiheit und auf der Autofahrt in seine Bremer Heimat, blickt der 24-Jährige lange hinauf zu den glitzernden Sternen am Nachthimmel. "In so einem Moment bekommt man ein Gefühl dafür, was diesem Menschen genommen wurde", schildert sein Anwalt Bernhard Docke in Bremen die Leiden des jungen Mannes.

Eine Karte als einziger Hinweis
Der gebürtige Bremer Murat Kurnaz wird Ende 2001, kurz nach den Terror-Anschlägen vom 11. September, von der Polizei in Pakistan festgenommen. An US-Behörden ausgeliefert, kommt er Ende Januar 2002 als vermeintlicher Terrorismuskämpfer nach Guantánamo. Eine Postkarte aus dem X-Ray-Camp an seine Mutter Rabiye ist lange Zeit der einzige Hinweis auf sein Schicksal. Es folgen ein zähes juristisches Tauziehen zwischen Menschenrechtsorganisationen und US-Behörden sowie komplizierte deutsch-amerikanische Verhandlungen. Am Donnerstag wurde Kurnaz aus der Haft entlassen und nach Deutschland gebracht.
In einem US-Großraum-Militärtransporter fliegt der Häftling zum US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein (Rheinland-Pfalz) - am Boden angekettet, an Händen und Füßen gefesselt, mit zugeklebten Augen und von 15 Soldaten bewacht. "Würdelos bis zum Ende", beklagt der Anwalt, "gefesselt, gedemütigt, entwürdigt wurde er den deutschen Behörden übergeben". Die Beamten hätten geschockt reagiert.
Dem gestandenen Juristen versagt es fast die Stimme, als er das Wiedersehen zwischen der Mutter und ihrem lange verlorenen Sohn zu beschreiben versucht: "Das war die intensivste Umarmung, die ich je erlebt habe. Diesen emotionalen Moment können sich nur Leute vorstellen, die selbst Kinder haben."
Murat Kurnaz und seine Mutter Rabiye haben im Moment nicht die Kraft, sich vor Kameras und Mikrofonen den Fragen von Journalisten zu stellen. Nach einer emotionalen Achterbahn zwischen Hoffen und Bangen um ihren Sohn ist Rabiye zu Hause und versucht, ein Stück Normalität mit der wiedervereinten Familie zu leben. Für Anwalt Docke hat sie einen "heldenhaften Kampf" um ihren Sohn geführt: "Durch ihre öffentlichen Auftritte hat das Drama Guantánamo ein menschliches und soziales Gesicht bekommen."

"Stempel in die Seele"
Ist aus Murat Kurnaz, der als Jugendlicher aus Bremen nach Pakistan zum Koranstudium reiste, nun ein verbitterter und wütender Mann geworden? "Ich halte ihn für einen freundlichen, ernsten Mann. Er hasst Terroristen und will nichts mit ihnen zu tun haben", glaubt sein US-Rechtsbeistand Baher Azmy. Anwalt Docke ergänzt: "Murat ist ein wacher und humorvoller Mensch. Aber man merkt nach all den seelischen und körperlichen Misshandlungen: Da ist noch etwas anderes im Hintergrund." Nach derartigen Erlebnissen seien Betroffene meistens schwer traumatisiert: "Da wird ein lebenslanger Stempel in die Seele gehämmert."