Als Nichtsesshafte und Wohnungslose werden sie bezeichnet, als "Penner" diffamiert - Menschen, die auf der Straße leben müssen. 380 000 sind laut Schätzungen in Deutschland wohnungslos. Das heißt, sie besitzen keinen Mietvertrag. Einige von ihnen finden immer wieder vorübergehend bei Verwandten, Freunden und Bekannten Unterschlupf, andere leben in Billigpensionen oder Heimen. Wieder andere verbringen ihre Nächte in Notunterkünften. Etwa 20 000 Wohnungslose "machen Platte" - sie leben auf der Straße, unter Brücken, in U-Bahnschächten. Das sind die geschätzten Zahlen für 2004. Derzeit ist man bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) in Bielefeld dabei, eine neue Statistik zu erarbeiten. Was schwierig genug ist - Obdachlose lassen sich nicht erfassen, es gibt auch keine offizielle Erhebung, keine "bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Berichterstattung", wie es formal heißt. Die Grüne Irmingard Schewe-Gerigk will daher nun "Licht ins Dunkel bringen". Sie fordert die Regierung auf, "eine Studie über das Ausmaß und die Ursachen der Obdachlosigkeit zu erstellen, damit die Hilfsangebote endlich passgenauer werden", so Schewe-Gerigk zur RUNDSCHAU. Vor allem betroffene Frauen, weiß die Grüne, würden Hilfen oftmals nicht wahrnehme n. Zuständig für das Problem sind allerdings Länder und Kommunen.
Wenn man durch die Innenstädte geht, könnte man meinen, die Zahl der Obdachlosen habe sich erhöht. Der Trend seit Mitte der 90er-Jahre ist jedoch ein anderer: "Die Tendenz ist weiterhin rückläufig", so Thomas Specht-Kittler, Geschäftsführer der BAGW. Das überrascht. Es hat aber seine Gründe: Die Pro-Kopfverschuldung in Deutschland steigt mittlerweile wieder deutlich langsamer an, "das heißt, es gibt Verzögerungseffekte, bis jemand aufgrund von Mietschulden seine Wohnung verliert". Und insgesamt ist der Wohnungsmarkt wegen der relativ hohen Neubauquote der vergangenen Jahre entspannt.
Entwarnung bedeutet das aber nicht. "Nimmt man die Qualität der Armut, hat sich die Situation für die Obdachlosen verschlechtert", sagt Specht-Kittler. Demnach sparen sich 50 Prozent der Betroffenen inzwischen den Arztbesuch, weil sie für Praxisgebühren und Zuzahlungen kein Geld haben. Insgesamt "gibt es eine erschreckende Zunahme bei den jüngeren Obdachlosen, die unter 25 Jahre alt sind", hat der Caritas-Verband festgestellt. Er betreibt deutschlandweit rund 800 Hilfseinrichtungen. Laut BAGW waren 2004 bereits 22 Prozent der Obdachlosen Kinder und Jugendliche. Waren die 30- bis 50-Jährigen immer das Klientel der Wohnungslosenhilfe, habe die Jugendarbeitslosigkeit dies klar verändert. Überdies leben immer mehr Frauen auf der Straße: Inzwischen macht ihr Anteil laut Caritas schon 25 Prozent aus. Gerade ihre Lage sei besonders schlimm, weil sie in einer "von Gewalt geprägten Situation" leben würden, so die Experten.