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| 02:48 Uhr

LDS-Landrat Stephan Loge: "Das verfolgt mich mein Leben lang"

Weil er Kollegen nicht verraten wollte, widerrief Stephan Loge eine Verpflichtung als IM. Foto: Wendler
Weil er Kollegen nicht verraten wollte, widerrief Stephan Loge eine Verpflichtung als IM. Foto: Wendler FOTO: Wendler
Lübben. Als junger Mann ließ Stephan Loge sich als Stasi-Zuträger verpflichten. Sechs Wochen später schon kündigte er die Gefolgschaft. Doch statt Anerkennung brachte ihm das nach 1989 immer wieder Verdächtigungen ein. Simone Wendler

Stephan Loge hat aufgeräumt. Die wichtigsten Aktenblätter, Briefe und Zeitungsausschnitte liegen sortiert in einer dicken, schwarzen Aktenmappe vor ihm auf dem Tisch. Die Dokumente erzählen die schwierigste Geschichte seines Lebens. Wie er sich als 22-jähriger Eisenbahner in Bautzen von der Staatssicherheit als inoffizieller Mitarbeiter (IM) anwerben ließ und trotzdem verweigerte.

Eine Abschrift der Kündigung seiner Verpflichtung trug er bis zum Ende der DDR in seinem Portemonnaie. Ein Blatt kariertes Papier, sauber gefaltet. Ein Ausweis von Tapferkeit trotz großer Angst.

1995 prüfte der sächsische Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen seinen Fall. Er kam zu der Einschätzung, dass Loges Vergangenheit einer Beschäftigung im öffentlichen Dienst nicht im Wege stehe, im Gegenteil. Loges Stasiakten wiesen dessen menschliche Eignung für so einen Job nach.

Doch Loge, der damals Beigeordneter im sächsischen Freital wurde, musste sich trotzdem immer wieder rechtfertigen. Als jetzt der Kreistag Dahme-Spreewald seine Abgeordneten überprüfen ließ, wurde auch Loges Fall wieder öffentlich gemacht. Kurz danach hatten sich Parteifreunde bei ihm erkundigt, was das denn für eine "Stasisache" bei ihm sei. Der 53-Jährige ist sich sicher: "Das verfolgt mich mein Leben lang."

Im April 1982 wurde Stephan Loge zum Leiter des Reichsbahnamtes Bautzen zu einem Kadergespräch bestellt. Der junge Eisenbahner, damals Fahrdienstleiter in Uhsmannsdorf bei Niesky, wollte gern Dispatcher werden. Diese Aufgabe, den reibungslosen Zugverkehr auf einer bestimmten Strecke zu organisieren und zu überwachen, reizte ihn. Dass der Chef des Reichsbahnamtes ein "IM in Schlüsselposition" war, ahnte er nicht.

Den "zufällig" auftauchenden Stasi-Hauptmann Gäbler hielt Loge erst für einen Mitarbeiter des Verkehrsministeriums. Doch spätestens ab dem zweiten Gespräch wusste der junge Eisenbahner, dass er die Staatssicherheit vor sich hatte.

Die hatte an ihm großes Interesse. In der Dispatcherleitung suchte die Staatssicherheit dringend IM-Nachwuchs. Zunächst wurde Loge erzählt, es ginge darum, das Ausspionieren von Militärtransporten zu verhindern. Erst später kamen Fragen zu seinen Arbeitskollegen. Alle Gespräche der Stasi mit Loge fanden in einem "Objektzimmer" im Reichsbahnamt statt. Nach fünf Gesprächen kam es im August 1982 zur Verpflichtung Loges als IM "Schmied".

"Ja, ich habe da versagt", räumt der Dahme-Spreewald-Landrat in der Erinnerung an diesen Augenblick ohne Zögern ein. "Ich wollte da nur noch raus." Am nächsten Tag begann sein Urlaub, in dem er kirchlich heiraten wollte. Wenige Wochen vorher war seine Tochter zur Welt gekommen. Doch er fand keine Ruhe mehr.

Zu Beginn der Anwerbung hatte er noch geglaubt, irgendwie um eine Verpflichtung herumzukommen, wenn er nur Unwichtiges sagt. Doch der Gedanke, nun vielleicht Kollegen, Freunde und Bekannte verraten zu müssen, wurde ihm unerträglich. Bis zu seiner Verpflichtung hatte er in den Anwerbungsgesprächen nur wenige, eher positive Auskünfte gegeben.

Nach seinem Urlaub war er zwei Wochen krank. Zu einem danach vereinbarten Treffen mit seinem Führungsoffizier ging Loge nicht hin. Stattdessen schickte er Ende September 1982 per Einschreiben einen Brief an den Staatssicherheitsdienst.

"Nach langem Überlegen habe ich mich entschlossen, eine weitere Zusammenarbeit mit dem MfS nicht einzugehen", heißt es darin. Man solle ihn in Ruhe lassen und nicht in "weitere persönliche Konflikte" stürzen. Seine Frau sei der einzige Mensch gewesen, dem er sich damit anvertrauen konnte: "Sie hat mich unterstützt."

Doch so leicht gab die Stasi Loge nicht auf. Sie bedrängte ihn bei zwei weiteren Treffen. "Die haben mich rundgemacht, mir mit persönlichen und beruflichen Nachteilen gedroht", erinnert sich Loge. Einmal habe ihn sogar der Kraftfahrer des Stasiautos, mit dem er nach der Arbeit abgeholt worden war, angebrüllt. Loge blieb laut Stasiakten bei seiner "kategorischen Ablehnung".

Die dünne Akte von IM "Schmied" wurde bei der Bezirksverwaltung Cottbus der Staatssicherheit archiviert, Stephan Loge von nun an bis zum Ende der DDR selbst bespitzelt. Aktenkundig wurde so, dass Loge sich bei einer Feier 1983 einem Kollegen offenbart. "Der innere Druck war zu groß", begründet er diesen Schritt.

Nach seiner Verweigerung habe er schon Angst vor möglichen Folgen gehabt, sagt der Lausitzer. "Es war ja nicht erkennbar, was das System mit einem macht." Diese Ungewissheit habe Angst erzeugt. Die Erinnerung daran scheint auch die Gefühle von damals zurückzuholen. Mit seiner rechten Hand knetet Loge die Finger der linken.

Immer wieder sei ihm in den vergangenen Jahren aber auch durch den Kopf gegangen, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er sich hätte umstimmen lassen. Dann spüre er Genugtuung, dass er bei seiner Weigerung geblieben sei: "Woher ich die Kraft dafür genommen habe, weiß ich bis heute nicht."

In seinem Elternhaus war Loge eher westlich orientiert aufgewachsen. Trotzdem sagt er von sich: "Ich war ein Kind der DDR." Jungpionier, FDJler, wenn auch immer mit einer etwas großen Klappe. Als Erwachsener hatte er sich konfirmieren lassen. In dem Gefühl, sowieso nie in den Westen zu kommen, habe er wie viele andere versucht, sich in der DDR einzurichten. Kollegen an die Stasi zu verraten, gehörte für ihn nicht dazu.

Berufliche Karriere hat Stephan Loge als Eisenbahner in der DDR nicht mehr gemacht. Alle Bewerbungen nach seinem abgeschlossenen Fernstudium blieben unberücksichtigt. Nur auf eine interessantere Strecke wurde er zu seiner Überraschung noch versetzt.

Den Grund erfuhr er erst, als er in seine Stasi-Opferakte schauen konnte. Denn auf der neuen Strecke teilte er sich den Dienst im Wechsel mit einem Kollegen. Der erstattet als IM "Otto Berner" regelmäßig Bericht über Loge. Die perfekte Kontrolle.

Nach dem Ende der DDR geht Stephan Loge in die SPD und in die Politik. Beigeordneter in Görlitz, Bürgermeister im sächsischen Freital, im Januar 2002 dann Beigeordneter und später Landrat in Dahme-Spreewald. Immer habe er offen über seine Anwerbung und die kurz darauf erfolgte Verweigerung gesprochen, versichert er.

Trotzdem muss er einen Abwahlantrag überstehen, immer wieder Überprüfungen, Schlagzeilen über seine IM-Verpflichtung und Diskussionen. Am Anfang sei es schlimm gewesen, sagt der Landrat. Da sei er als Spitzel attackiert worden, ohne sich richtig wehren zu können, weil er seine Stasiunterlagen noch nicht komplett einsehen konnte. Die Erschließung der Unterlagen hatte gerade erst begonnen. Eine Weile habe er sich kaum noch auf die Straße getraut.

Dass noch heute Kommunalparlamente sich auf Stasizusammenarbeit überprüfen lassen und die Ergebnisse veröffentlichen, wie der Dahme-Spreewald-Kreistag, findet Stephan Loge richtig. Eine zeitnahere Auseinandersetzung wäre jedoch seiner Meinung nach besser gewesen. Leider habe Brandenburg bei dem Thema noch Nachholbedarf.

Dass er sich deshalb jetzt auch wieder erklären muss, gehe ihm jedoch manchmal an die Substanz. "Ich stehe da nicht drüber, obwohl das inzwischen schon 30 Jahre her ist", sagt Stephan Loge. "So etwas vergisst man nicht."