Das Szenario scheint unwirklich und könnte doch realer kaum sein. Während zwei Hubschrauber mit belgischem Hoheitszeichen unablässig über der kleinen Waldlichtung kreisen, stoßen urplötzlich hinter den Bäumen zwei italienische und ein französischer Helikopter hervor. Was dann folgt, ist einstudiert und läuft in Minutenschnelle ab. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten stürmen aus den Maschinen heraus auf eine Baumgruppe zu, unter der sich ein weiterer Trupp Soldaten verschanzt. Bei ihnen handelt es sich um Verletzte, die - unter feindlichem Beschuss liegend - die Hilfe aus der Luft sehnlichst erwarteten.

Gemeinsam trainieren und agieren

Aktionen wie diese gehören für Elitesoldaten zum Alltagsgeschäft. Ihre ureigenste Aufgabe besteht darin, auf solche Momente vorbereitet zu sein. Denn dass eigene Truppen im Hinterland eines Feindes festsitzen und abgeschossene oder notgelandete Piloten auf Rettung warten, ist angesichts der Vielzahl von Krisenherden, in denen Nato-Soldaten weltweit agieren, keine Seltenheit mehr. Kein Regelfall ist hingegen die Tatsache, dass Soldaten unterschiedlicher Nationen bei diesen Aktivitäten gemeinsam agieren. Genau das soll deshalb im Verlaufe eines Trainings passieren, das noch bis Ende Oktober in und um Holzdorf in der Elbe-Elster-Region stattfindet. Bei den teilnehmenden Nationen handelt es sich ausschließlich um jene Länder, die unter dem Dach der European Air Group (EAG) vereint sind.

Erklärtes Ziel des dreiwöchigen Trainings ist die Weiterentwicklung und Steigerung von Kenntnissen und Befähigungen zur Durchführung von PR-Missionen. PR steht dabei nicht für Public Relations oder Öffentlichkeitsarbeit. Im Militärjargon bedeutet es Personnel Recovery, was das Auffinden und Rückführen von isoliertem zivilen oder militärischen Personal bedeutet. Zudem sollen im Verlaufe des Trainingskurses spezielle Taktiken, Techniken und Verfahren angewandt werden, um isoliertes, speziell ausgebildetes Personal aus einem Umfeld bewaffneter Auseinandersetzungen zurückzuführen. Diese unter dem Deckmantel der Combat Search and Rescue (CSAR) laufenden Aktionen dienen überwiegend dem Schutz von in Feindgebiet festsitzenden Piloten. Eine Kerngruppe, die sich dieser Aufgabe annehmen soll, ist seit 2005 auch in Holzdorf stationiert. Dass der Kurs nach Lechfeld (2010) und Spanien (2011) nun in Holzdorf stattfindet, geht auf eine Initiative des Inspekteurs der deutschen Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, zurück und hat gute Gründe. Nicht nur seiner Auffassung nach bietet der Standort ideale Bedingungen, um solche Kurse durchführen zu können - weitläufiges Terrain, sehr gute infrastrukturelle Voraussetzungen und Übungsgebiete in unmittelbarer Nähe. Neben der Annaburger Heide sind dies unter anderem Übungsgelände bei Stendal, Großenhain, Frankenberg und in der Oberlausitz.

Im Wechsel mit Frankreich

Diesen Vorteil nutzend plant die EAG, den Trainingskurs im zweijährigen Wechsel mit einem Standort in Frankreich hier vor Ort durchzuführen. Von der Richtigkeit dieser Entscheidung überzeugte sich Müllner selbst noch einmal, als er am Montagvormittag zu einem Kurzbesuch auf dem Fliegerhorst Holzdorf eintraf. Gemeinsam mit militärischen Führungskräften anderer Länder beobachtete er das Training und ließ sich unter anderem vom Kommodore des in Holzdorf stationierten Hubschraubergeschwaders (HSG) 64, Oberst Frank Best, in das Geschehen einweisen.

Dass die Soldaten aller sieben beteiligten Nationen ihr Handwerk verstehen, daran besteht kein Zweifel. "Was es jedoch zu trainieren gilt, ist die Bündelung aller nationaler Verfahren zu einem einheitlichen internationalen Standard", so Oberleutnant Christian Albrecht von der Technischen Gruppe des 64er-Hubschraubergeschwaders, das den Übungsablauf unterstützt.

Am fehlenden einheitlichen Ablauf werden aktuell die auftretenden Schwierigkeiten festgemacht. Einstudierte Verfahrensabläufe kollidieren mit den Vorgehensweisen anderer Nationen und lassen Aktionen möglicherweise ins Stolpern geraten. Um diese Schwachstellen zu entdecken und auszumerzen, muss täglich trainiert werden - Tag und Nacht. Zum Einsatz bringen die 320 beteiligten Soldaten - unter ihnen auch 20 CSAR-erprobte Soldaten des HSG 64 - dabei überwiegend Hubschrauber, die so lange über der Region kreisen werden, bis auch der letzte Handgriff sitzt.

Zum Thema:
Die 1997 gegründete European Air Group (EAG) ist eine multinationale Kooperation europäischer Luftstreitkräfte. Zu ihr gehören Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Spanien und Großbritannien. Ziel der Partnerschaft ist die gemeinsame Entwicklung und Verbesserung der Fähigkeiten der Luftstreitkräfte. Die EAG führt regelmäßige Übungen der Luftstreitkräfte durch. Ihr Hauptquartier ist westlich von London in der englischen Stadt High Wycombe beheimatet. svg1