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Lausitzring wird zur Geisterstadt

Medienrummel beim Gruppenfoto: Josef Hofmann und Josef Meier, die Chefs der Eurospeedway Verwaltung GmbH, am Montag mit Dekra-Vorstand Clemens Klinke, dem Vorsitzenden der Dekra-Geschäftsführung, Gerd Neumann und Volker Noeske, Leiter des Dekra Automobil Test Centers (v.l.).
Medienrummel beim Gruppenfoto: Josef Hofmann und Josef Meier, die Chefs der Eurospeedway Verwaltung GmbH, am Montag mit Dekra-Vorstand Clemens Klinke, dem Vorsitzenden der Dekra-Geschäftsführung, Gerd Neumann und Volker Noeske, Leiter des Dekra Automobil Test Centers (v.l.). FOTO: Jan Augustin
Klettwitz. Die Sachverständigenorganisation Dekra hat den Lausitzring gekauft und will dort Europas größtes Zentrum für automatisiertes und vernetztes Fahren bauen. Für originalgetreue Tests entsteht eine völlig neue Kulisse. Jan Augustin / jag/kr

Der Motorsport auf dem Lausitzring steht nun sprichwörtlich auf der Kippe. Die international führende Sachverständigenorganisation Dekra hat das auf ehemaligem Tagebauboden errichtete Areal gekauft. Nach den jüngsten Spekulationen haben dies nun beide Seiten am Montag auf einer Pressekonferenz bestätigt. Die Dekra will auf dem mehr als 500 Hektar großen Gelände ab nächstem Jahr Europas größtes unabhängiges Zentrum für automatisiertes und vernetztes Fahren bauen.

Für Dekra-Kunden soll das Gelände ab 2018 zur Verfügung stehen und der geplante Ausbau von Strecken und Infrastruktur im Wesentlichen vollzogen sein. Großveranstaltungen wie das Red Bull Air Race, Tough Mudder oder die Superbike-Weltmeisterschaft, die in diesem Sommer noch stattfinden, spielen in der Strategie von Dekra keine Rolle. "Wir selber werden keinen Motorsport durchführen", sagt Dekra-Vorstandsmitglied Clemens Klinke. Sollten sich Veranstalter finden und wenn die Rennen sich mit den Investitionen der Dekra "vertragen", wolle man sich nicht verschließen. "Unser Herz schlägt für den Motorsport", betont auch der Leiter des Automobil-Test-Centers Volker Noeske.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen die beiden bayerischen Rennstrecken-Chefs Josef Hofmann und Josef Meier den Lausitzring nach dem Schipkauer Oktoberfest in diesem Jahr. 2009 hatte ihre Eurospeedway Verwaltung GmbH mit fünf Gesellschaftern den Betrieb übernommen. "Nach acht Jahren, in denen wir den Lausitzring erfolgreich betrieben und weiterentwickelt haben, standen wir vor der Frage, wie wir ihn angesichts des aktuellen Investitionsbedarfs in ein langfristig zukunftsfähiges Konzept überführen", sagt Meier mit Blick auf den sich seit 17 Jahren angesammelten Investitionsstau. Allein die Erneuerung des Asphalts würde Millionen Euro kosten. Motorsportler hatten den Streckenbelag zuletzt immer stärker kritisiert. Der Lausitzring sollte daher eigentlich im nächsten Jahr mit prominenter Unterstützung durch Rennstrecken-Guru und Designer Hermann Tilke saniert werden. Doch die Pläne sind nun ad acta gelegt, bestätigt Meier.

Trotz der aus seiner Sicht guten Lösung mit der Dekra spricht Meier aber auch Klartext: "Der Rennsport wird nicht mehr an vorderster Front stehen, und ich sehe die Gefahr, dass der Motorsport in die Ecke gestellt wird." Gebaut worden sei der Lausitzring aber, um Motorsport durchzuführen.

Das weiß auch Gerd Neumann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Dekra Automobil GmbH. Dass die Dekra für den Motorsport brenne, beweise unter anderem ihr Engagement als wichtiger Sponsor bei dem Deutschen Tourenwagen Masters (DTM). Neumann bestätigt zwar noch einmal, dass die Dekra nicht als Veranstalter auftreten wird. "Wir wollen aber alles versuchen, den Motorsport weiter möglich zu machen", sagt er am Rande der Pressekonferenz.

In einem ersten Schritt wolle die Dekra 30 Millionen Euro für den Aufbau des Zentrums investieren. Im Einzelnen sollen zwei Citykurse, ein Überlandkurs, eine Autobahnstrecke sowie mehrere Asphaltflächen zur Verfügung gestellt werden. Zudem plant die Dekra eine Art Geisterstadt aufzubauen, um so nah wie möglich an der Realität zu testen. Im Mittelpunkt stehe der Aufbau von Testanlagen für alle Aspekte des automatisierten Fahrens. Ergänzt werden soll das mittelfristig mit dem Thema Konnektivität.

"Die Kombination aus Automatisierung und Vernetzung ist entscheidend für das in Zukunft angestrebte autonome Fahren. Deshalb brauchen unsere Kunden, insbesondere aus der Automobilindustrie, die notwendigen Prüfdienstleistungen aus einer Hand", erklärt der Dekra-Vorstandsvorsitzende Stefan Kröbl. "Die Zukunftsthemen Automatisierung und Konnektivität werden für die Sicherheit der Mobilität immer wichtiger", sagt er.

Für wie viel Geld der Lausitzring verkauft wurde, wollen beide Seiten nicht verraten. Angesichts der Grundstückspreise ist aber davon auszugehen, dass der Betrag im unteren zweistelligen Millionenbereich liegt. Das bestätigt auch Dekra-Geschäftsführer Gerd Neumann.

Die aktuell 48 Mitarbeiter am Lausitzring sollen größtenteils übernommen werden. Dekra plant, dass mittelfristig 70 hochspezialisierte Mitarbeiter hinzukommen werden - zusätzlich zu den bisher knapp 100 Beschäftigten des Technology-Centers.

Auch darum spricht der Landrat des Oberspreewald-Lausitz-Kreises, Siegurd Heinze (parteilos), von einer Chance für die Region. "Für die mittel- und langfristige Entwicklung ist das sogar besser", sagt er. "Klar wäre es schöner gewesen, durchweg eine Rennstrecke zu haben, aber davon muss man sich angesichts der weltweiten Entwicklung in Sachen Dieselskandal und Entwicklung bei der Elektromobilität ein Stück weit verabschieden."

Zum Thema:
Der Eurospeedway Lausitz wurde am 20. August 2000 eingeweiht. Das Motodrom hat insgesamt 150 Millionen Euro gekostet. Das Land Brandenburg steuerte davon 123 Millionen Euro Fördermittel bei. Die Krise der Bankgesellschaft Berlin als Mehrheitseigentümer stürzte den Lausitzring 2002 in die Insolvenz. Nach vergeblichen Versuchen, den Eurospeedway zu verkaufen, wurde 2004 mit der Eurospeedway Lausitz GmbH ein Pachtvertrag abgeschlossen, der 2008 auslief. Die Landesregierung beschloss, das Unternehmen mit 5,5 Millionen Euro für Investitionen und die Betriebsführung zu unterstützen. 2009 hatte die Betreibergesellschaft Eurospeedway Verwaltung GmbH mit fünf Gesellschaftern den Betrieb des Lausitzrings übernommen. Ab dem 1. November übernimmt die Sachverständigenorganisation Dekra den Lausitzring und plant Europas größtes unabhängiges Zentrum für automatisiertes und vernetztes Fahren. (jag/kr)