Es war der dritte Tag nach dem Einmarsch in Prag, als 240 Jugendliche in Lübbenau eintrafen, um ihr neues Lehrjahr im damaligen örtlichen Kraftwerk zu beginnen. Etwa 35 junge Leute, später dann 50, zogen am Abend vom Markt zum Bahnhof und zurück. Unterwegs riefen sie „Amis raus aus Vietnam, Ho-Chi-Minh“ . Doch dann erscholl plötzlich der Ruf: „Dubcek“ .
Leute des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) lösten die Gruppe sofort auf. Sie hatten die Jugendlichen schon lange beobachtet. Gegen zwei Lehrlinge, die angeblichen „Rädelsführer“ , leitete der DDR-Geheimdienst Ermittlungsverfahren ein. Einer von ihnen, der damals 17-jährige Volker Rennert aus Lübbenau, wurde dafür vier Monate in der Stasi-U-Haft in Cottbus eingesperrt. Danach wurde er zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, die später in zwei Jahre auf Bewährung umgewandelt wurden.

Spitzel und Denunzianten
Die „Dubcek“ -Rufe in Lübbenau waren indes kein Einzelfall. In vielen Orten in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land gab es Unmutsäußerungen und stillen Protest. Die Tage im August 1968, als russische Panzer durch Prag rollten, waren aber auch die Tage der Stasispitzel und Denunzianten. In den Akten sind viele ihrer „Hinweise“ nachzulesen. Notiert wurde alles: Äußerungen, die den Betroffenen Strafverfahren einbringen konnten, ebenso wie Nichtigkeiten. Zwei Bauern aus dem Unteren Spreewald, die SED-Mitglieder waren, wurden an die Kreisleitung der Partei gemeldet, weil sie im scheinbar vertraulichen Dorfschwatz den Einmarsch als „Schweinerei“ bezeichnet hatten.
Alle Hände voll zu tun hatte die Staatssicherheit auch damit, Schriftzüge, die über Nacht auftauchten, zu entfernen und nach den Urhebern zu suchen. Beispiel Senftenberg: Meist mit einfacher weißer Kreide wurde „Viva Dubcek“ oder „Russian go home“ an Schaufensterscheiben und Hauswände geschrieben. Auch an der Innenwand einer öffentlichen Telefonzelle am Bahnhof in Ruhland war plötzlich „Dubcek“ zu lesen. Den Namen des nach Moskau verschleppten tschechoslowakischen KP-Chefs schrieben Unbekannte nachts sogar an die Fensterscheibe des „Abschnittsbevollmächtigten“ der Volkspolizei in Senftenberg.
Ähnliche Aufschriften meldeten Polizei und Staatssicherheit aus fast allen Städten der Region nach Berlin. In Elsterwerda wurde „Russen raus“ mit Ölfarbe in 50 Zentimeter hohen Buchstaben quer über eine Straße geschrieben. Ein Dreherlehrling landete im Gefängnis, weil er „Russen raus aus der CSSR“ an die Außenwand einer Badeanstalt geschrieben hatte. In Hoyerswerda tauchten zehn Flugblätter auf, von denen die Stasi vermutete, sie seien „unter Verwendung eines Kinderdruckkastens“ hergestellt worden.
Was heute harmlos erscheint, galt damals als „staatsfeindliche Hetze“ und konnte die Urheber hinter Gitter bringen. Die fotografierten Losungen wurden zur Schriftanalyse der Stasi-Bezirksverwaltung in Cottbus übergeben. Oft wurden Fährtenhunde auf Spuren der „Schmierer“ angesetzt.

Protest war Arbeitersache
Ein halbes Jahr später saßen insgesamt noch 447 DDR-Bürger in Haft, die in Zusammenhang mit Protesten gegen den Einmarsch festgenommen worden waren. 315 Verhaftete waren inzwischen wieder auf freiem Fuß. Eine Auswertung der Stasi-Zentrale in Berlin belegt, dass es überwiegend junge Arbeiter und Lehrlinge waren, die ihrem Unmut über den Einmarsch Luft machten.
Probleme bereitete der nervösen DDR-Obrigkeit auch die Besatzung eines tschechoslowakischen Schleppkahnes, der am 21. August 1968 im Elbhafen von Mühlberg angelegt hatte. Über die Seitenwand hatten die Matrosen auf 20 Metern Länge mit Ölfarbe geschrieben: „Wir protestieren gegen die Okkupation, es lebe Dubcek.“ Bis zum nächsten Tag weigerte sich die Besatzung, die Schrift zu entfernen. Von all diesen Vorgängen erfuhr die Öffentlichkeit nichts. Die „Lausitzer Rundschau“ , damals „Organ der Bezirksleitung der SED“ , druckte Meldungen der sowjetischen Nachrichtenagentur und Erklärungen der SED-Spitze. Schon am 22. August begann der Abdruck von Unterstützungserklärungen für die Militäraktion. Arbeiter aus verschiedenen Betrieben tauchten dabei auf, aber auch Funktionäre aus Kunst, Kultur und Sport. Von „tiefer Genugtuung“ über die „Schutzmaßnahmen“ ist die Rede.
Die Realität aber sah anders aus, wie der damalige Schriftstellerverband des Bezirkes Cottbus zeigt. Die Vorsitzende erklärte öffentlich die „volle Zustimmung“ zum Einmarsch in Prag, während ein Bericht der Bezirksverwaltung Cottbus der Staatssicherheit von „erheblichen Unklarheiten“ und „regelrechter Verwirrung“ zum Thema CSSR bei den Schriftstellern spricht. Eine Autorin lehnte sogar die Unterschrift unter eine Ergebenheitsadresse ab.
Wie stark die Erschütterung der DDR durch den Einmarsch in Prag war, zeigte auch de ssen erster Jahrestag. Auf Weisung von Stasichef Erich Mielke wurden umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um jeden Protest sofort im Keim zu ersticken. Dabei konnte sich das MfS auch in der Lausitz auf ein Spitzelsystem stützen, das nach den Protesten im August 1968 zielgerichtet ausgebaut wurde. Hintergründe zum „Prager Frühling“ lesen Sie unter www.lr-online.de/pragerfruehling