Hans Pschuskel aus Cottbus ist einer von über 100 000 Waldbesitzern im Land Brandenburg. Er hat gegenwärtig wie viele Eigentümer vorwiegend kleiner Waldflächen Sorgen, dass der Besitz, über den er seit der Wende wieder verfügen kann, mit dem für Brandenburg vorgesehenen Waldgesetz zum Bumerang wird. Die von Agrar- und Umweltminister Wolfgang Birthler (SPD) gelobte "Entschlackung von Paragrafen und Abbau von bürokratischen Hindernissen" mündet nach Ansicht von Pschuskel in einem Wald, "der zum unkontrollierten Spielplatz für Erwachsene" werde und der seinem Besitzer "immense Kosten" aufbürde.
Hans Pschuskel steht damit nicht allein. Der brandenburgische Waldbesitzerverband hat in einem zwölfseitigem Papier seine Gegenvorstellungen formuliert. Die Landtagsabgeordnete Kornelia Wehlan (PDS) erklärte kürzlich, beim Entwurf des neuen Waldgesetzes habe man "gehaust wie die Axt im Walde". Der Brandenburger Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) sieht sich vom "schwersten Angriff auf die Rechte der Radfahrer" bedroht und der Landesjagdverband befürchtet, dass es mit der Ruhe für das Wild vorbei sein könnte.
Die Gemüter entzünden sich vor allem an Pferden und Hunden. Nach den Vorstellungen des Birthler-Ministeriums können sich Frauen und Männer hoch zu Ross künftig auf allen zweispurigen Wegen im Wald frei bewegen. Dann, so die Logik der Väter des Gesetzentwurfes, kommen sich auch Reiter, Fahrradfahrer, Jogger oder Spaziergänger nicht ins Gehege.
Pschuskel sieht dagegen die bislang bewährten allgemeinen Verhaltensregeln ausgehebelt, ohne dass er als Waldeigentümer etwas dagegen tun könne. "Jeder nimmt sich sein Recht raus", befürchtet er Konfrontationen. "Auch wenn ich das eigentlich nicht will, muss ich mir vielleicht etwas einfallen lassen, um zum Schutz meines Besitzes den Wald zu sperren. Für Schäden und deren Beseitigung muss nämlich ich bezahlen", meint er.

Fehlende Verhaltensregeln

Hartmut Warlich vom brandenburgischen Landesverband des ADFC, stimmt zu. "Wo Pferde langgeritten sind, kann kein Radfahrer mehr fahren", kritisiert er die Freizügigkeit für die Reiter. "Der märkische Sandboden wird von den Hufen stark beschädigt. Da muss dann mit schwerem Gerät die Oberfläche wieder planiert werden. Dafür hat niemand Geld", fürchtet er um das Hobby der Radler.

Neuer Schilderwald

Hartmut Warlich rechnet als Gegenmittel für die unbeschränkte Bewegung auf den Rücken der Pferde gar mit "Millionen von Euro, die Waldbesitzer in die Aufstellung von Schildern ,Reiten verboten‘ investieren". Besser wäre es, das Geld für den weiteren Ausbau von Wegen zu verwenden. "Wir haben in Brandenburg gerade mal 2500 Kilometer Radwanderwege. Das Zehnfache bräuchten wir", sagt er und verweist auf den Wirtschaftsfaktor Radtourismus. Im vergangenen Jahr gaben nach Angaben des ADFC eine Million Fahrradtouristen in Brandenburg rund 40 Millionen Euro bei Mehrtagesreisen und vier Millionen Pedalritter 60 Millionen Euro bei
Tagesausflügen aus. Brandenburg sei das Bundesland mit dem am schnellsten wachsenden Netz an fahrradfreundlichen Hotels in Deutschland. Fast 130 Pensionen, Hotels und Gaststätten hätten sich mit ihren Angeboten auf den Fahrradtourismus spezialisiert.
Der märkische Landesverband der Reit- und Fahrvereine hält seine Wirtschaftskraft dagegen. Vier Pferde würden einen Arbeitsplatz schaffen. Dieser Sport habe im Land eine Zukunft, so dessen Argumentation.
Die Radfahrer-Lobby sieht sich an den Rand gedrängt, glaubt, dass reitende Politiker auch ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. "Die Stimmen von Radlern und Wanderern zählen aber im Wahlkampf genau so", blickt Hartmut Warlich schon einmal auf den landesweiten Urnengang im Spätsommer voraus. Er lässt kämpferisches Aufbegehren durchblicken. Wo die Sternfahrt der Radler von Berlin und Brandenburg im Juni, an der wieder Tausende teilnehmen werden, in diesem Jahr ende, sei
noch nicht festgelegt, so Warlich.
Das Potsdamer Agrarministerium weist persönliche Interessen von Politikern zurück. "Ein derartiger Einfluss ist doch unwahrscheinlich. Dafür haben viel zu viele Leute an dem Gesetzentwurf mitgewirkt", sagt Ministeriumssprecher Achim Wersin. Schließlich seien von 100 Bürgern, Vereinen und Verbänden zur Gesetzesinitiative 1200 Anregungen, Wünsche und Forderungen eingebracht worden.
Der Waldbesitzerverband Brandenburgs sieht seine Bedenken allerdings zu wenig berücksichtigt. "Die Ausdehnung des Gemeinwohls ohne eine wirksame Entschädigungsregelung" wertet der Verband als "Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zum Eigentum", ist von Geschäftsführerin Marion Krause zu hören. Es solle ja nicht nur das ungezügelte Reiten, sondern auch das Befahren mit Gespannen möglich sein. Die Schlagbäume an den Zufahrtswegen in den Wald müssten die Besitzer auf eigenen Kosten entfernen. Damit wären dann auch dem "Autoverkehr bis heran an die Pilze" keine Grenzen mehr gesetzt, kritisiert Krause.

Gestörte Ruhe

Für das Cottbuser Präsidiumsmitglied im Reit- und Fahrverein von Berlin und Brandenburg, Hans-Jürgen Ridzkowski, ist "der ganze Streit überzogen". Wenn die Pferde ständig über die gemeinsamen Wege galoppieren würden, könne er die Sorgen ja noch verstehen. Beim normalen Spazierritt passiere gar nichts. Pferde brauchten aber nun einmal entsprechend ihrer Lebensgewohnheiten die Bewegung im Gelände.
Ein Blick über die märkische Grenze nach Sachsen zeigt, dass nicht überall die pferdesportliche Freizügigkeit favorisiert wird. Dort hält man am Waldgesetz aus dem Jahre 1992 fest und damit auch am Prinzip, reiten nur auf ausgewählten Wegen zu erlauben. "Eine Freigabe wäre ein sehr gravierender Eingriff in das Eigentum der Waldbesitzer," sagt der Sprecher des sächsischen Agrarministeriums, Dirk Reelfs. Unter bestimmten Bedingungen könnten die Eigentümer ihre Wälder sperren. "Solche
Einschränkungen würden schaden. Wir wollen erreichen, dass mehr und nicht weniger in den Wäldern geritten wird", so Reelfs.
Ausgebaut wird deshalb im Freistaat das Netz an ausgewiesenen Reitrouten, erklärt Heike Straßberger, die bei der Tourismus-Marketing Sachsen GmbH ein entsprechendes Projekt koordiniert. 2600 Kilometer "Reitstraßen" gebe es in Forstgebieten, die natürlich auch durch Zugänge über die freie Flur erschlossen werden müssten. "4820 Kilometer sind dafür geplant, etwa ein Viertel bereits mit Hinweisschildern versehen", blickt Heike Straßberger in die Zukunft. Vor allem im Vogtland und im Erzgebirge sei man beim Ausbau der Wege ein gutes Stück vorangekommen, in der sächsischen Lausitz um Hoyerswerda hingen die Verantwortlichen dagegen noch in den Steigbügeln.
Neben dem Waldbesitzerverband oder den Radlern sind auch die Jäger mit der drohenden Freizügigkeit alles andere als glücklich. Zu der gehört ja nicht nur, dass die Wälder unter die Hufe genommen werden, sondern auch die Ungebundenheit von Hunden und ihren Besitzern. Die Vierbeiner müssen nämlich im Wald nicht mehr – wie übrigens in Sachsen auch nicht – angeleint vorbei an Läufern, Pilzsuchern, Fahrradfahrern, Reitern geführt werden, sondern können ihrem Temperament und Trieb
freien Lauf lassen. "Ich glaube nicht, dass jeder Halter sein Tier im Griff hat", zweifelt der Präsident des brandenburgischen Landesjagdverbandes, Wolfgang Bethe. Er befürchtet, dass Wild in seinen natürlichen Ruhezonen gestört wird, sowohl von pirschenden Vierbeinern als auch von Wanderern und Radlern. Die würden vor dem Reit- und Fahrverkehr auf zweispurigen Wegen auf kleinere Pfade ausweichen, glaubt der Jäger.

Widerstand angekündigt

Der märkische Waldbesitzerverband sieht sich darüber hinaus auch in seinen forstwirtschaftlichen Interessen vom Gesetzentwurf benachteiligt. Zwar habe das Land seine rigide Kahlschlagsregelung zurückgenommen, doch frei über den Besitz verfügen könne man trotzdem nicht, so Marion Krause. Nach dem bisher gültigem Recht konnten Forsteigentümer drei Hektar ohne Genehmigung abholzen. Diese Größe sollte im ersten Entwurf auf einen halben Hektar gestutzt werden und ist nun auf zwei Hektar angehoben worden.
"Damit könnten wir leben", räumt Marion Krause ein, zumal sich eine ähnliche Regelung in Sachsen bewährt hat. Allerdings könnten Forstbehörden Flächenberäumungen selbst dann "wegen missbräuchlicher Nutzung" untersagen, wenn der Waldeigentümer sein Holz vor drohenden Schädlingen wie der Nonne vor dem wirtschaftlichen Totalverlust retten wolle. Außerdem regle das Gesetz in der jetzigen Fassung nicht die wissenschaftliche Arbeit der Landesforstanstalt Eberswalde auch in privaten Wäldern. Das seien, so Marion Krause, inzwischen gut 60 Prozent der rund 1,1 Millionen Hektar im Land Brandenburg. "Wir werden uns wehren",
kündigt sie an. Auf der Jahreshauptversammlung Ende Februar werde die Strategie besprochen. "Wir sind inzwischen rund 100 000 Waldbesitzerfamilien. Samt Großeltern und erwachsenen Kindern sind das 500 000 Wahlberechtigte", deutet Krause an, in welche Richtung marschiert werden soll.
Für den Cottbuser Waldbesitzer und CDU-Kommunalpolitiker Hans Pschuskel ist schon jetzt klar: "Das neue Waldgesetz in seinem gegenwärtigen Entwurf ist für uns eine Entwertung des Eigentums. Es widerspricht unserem gerade wieder gewachsenen Besitzerstolz und der persönlichen Verantwortung, die daraus erwächst. Das werden wir nicht hinnehmen."