Schirme, so weit das Auge reicht, wie auf Knopfdruck aufgespannt. Etwa 500 breiten sich wie ein buntes Meer auf dem Cottbuser Campus aus. Auch die Veranstalter vom BTU-Studierendenrat (Stura) stehen unter einem orangenen Gartenschirm - und sind zufrieden. Ihr Flashmob, wie sich heutzutage spontane Menschenansammlungen nennen, die meist übers Internet angekündigt werden, hat funktioniert. Nur das Lied "Under My Umbrella" (Unter meinem Regenschirm) von Rihanna, gesungen aus Hunderten Kehlen, ist etwas dünn.

Dafür sind die Stimmen umso lauter. "Nicht nur die Banken gehören unter einen Rettungsschirm, sondern auch wir Studenten, und wir haben viel weniger verbockt als die", ruft Stura-Sprecher László Földesi unter dem Jubel seiner Mitstudenten. Und weist schon mal auf den Stand der Mensa 2020 etwas weiter hinten hin. Essen A bis D gibt es, und das besteht aus Brühe, Brühe, Brühe und nochmals Brühe, eine vegetarische Variante kann gewählt werden. "Wir wollen zeigen, wie eine Mensa 2020 ohne Zuschüsse aussieht", so Földesi. Ein Schreckensszenario.

Deshalb ist die Liste der Redner lang, die sich an diesem kalten Vormittag hinters Mikro stellen. Studenten und Professoren lassen ihrem Ärger darüber, dass das Land Brandenburg 2012 zwölf Millionen Euro weniger im Hochschulbereich ausgeben will, was auch zwei Millionen Euro weniger für die BTU bedeutet, freien Lauf. "Brandenburg ist schon jetzt das Schlusslicht bei den Bildungsausgaben - das wollen wir nicht länger dulden", sagt Sebastian Wirries, Referent für Hochschulpolitik im Stura, und an die brandenburgische Wissenschaftsministerin gewandt: "Frau Kunst, bitte garantieren Sie unser Menschenrecht auf gute Bildung!"

Prof. Daniel Baier, Lehrstuhlinhaber Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, spricht das Problem der Professorenstellen an: Die BTU soll 28 Stellen in einen landesweiten Umbaupool geben. Diese können nun vorerst nicht besetzt werden. Und beispielsweise die größere Uni Potsdam müsse nur elf Stellen einbringen. "Dadurch wird unsere ohnehin schon dünne Mitarbeiter-Decke noch dünner", so Baier. "Ich finde das sehr dramatisch!" Allein im Bereich Wirtschaftswissenschaften der BTU würden schon jetzt dreimal mehr Mitarbeiter gebraucht - überfüllte Hörsäle seien die Folge.

Auch Carsten Scheer vom Fachschaftsrat der Stadt- und Regionalplaner ärgert sich über fehlende Lehrkräfte: "Die Studierendenzahlen an der BTU steigen stetig, aber das Personal ist rückläufig." Vieles werde mit Gast- und Vertretungsprofessoren aufgefangen - das könne nicht sein. Außerdem wundere er sich über die Strukturkommission, die gerade die Hochschulen besucht, um Vorschläge für Strukturveränderungen zu erarbeiten. Sie habe bei ihm den Eindruck hinterlassen, dass sie auch nur nach Einsparpotenzial suche und nicht wirklich helfen wolle. "Dabei muss es der Uni doch ermöglicht werden, ihr Profil durchzusetzen", sagt Carsten Scheer.

Auch BTU-Präsident Walther Ch. Zimmerli unterbricht kurz eine wichtige Sitzung und kommt mit Schirm vorbei. Er verweist auf einen Brief, den die Uni im September an den Ministerpräsidenten geschrieben habe, in dem es darum gehe, die geplanten Kürzungen zurückzunehmen und sich zur BTU zu bekennen. "Bisher gibt es keine Antwort darauf", so Zimmerli.

Der Stura startet unterdessen den Aufruf des von ihm mitbegründeten Aktionsbündnisses für Bildung und Wissenschaft gegen die Einschnitte 2012, den alle unterschreiben können. Und Prof. Wolf Schluchter vom Lehrstuhl Sozialwissenschaftliche Umweltfragen bekennt noch, gottfroh zu sein, nicht in der Situation der Studenten zu sein, da das Studium früher auch von den Strukturen her einfacher war. Ein Seitenhieb auf die Bologna-Reform.

Nach ein paar Bechern Brühe machen sich die Studenten nach dem Mittag auf zur Stadthalle. Mit lauter Musik zieht der Tross von mehreren Hundert jungen Leuten durch die Stadt. Vor der Stadthalle zwängen sie sich dicht an dicht auf eine eigens georderte Tribüne - denn eine Vorlesung ist angekündigt.

Allerdings eine ordentlich abgespeckte. Stefan Uhlich, akademischer Mitarbeiter vom Lehrstuhl für Planung, hat fünf Fächer gleichzeitig in eine extrem kurze und äußerst ironische Vorlesung gepackt. Von der Maslowschen Bedürfnispyramide ist zu hören und dem Bedürfnis nach Nähe, das im überfüllten Hörsaal durchaus befriedigt würde. Und im Rechtsteil bekommen die Studenten zu hören, dass sie selbst schuld seien - sie hätten sich ja im Rahmen des ökonomischen Prinzips im Vorfeld über die jeweiligen Landeshaushalte informieren können. Das Gelächter und der Applaus sind groß.

Schließlich meldet sich noch der Cottbuser Ordnungsdezernent Lothar Nicht (Linke) lautstark zu Wort. Er sei stolz, in einer Universitätsstadt zu leben, und fordere vom Land Brandenburg im Namen der umliegenden Landräte ein klares Bekenntnis zur BTU und den Hochschulen. Und damit nicht genug: Er fordert außerdem eine gesicherte Gesamtfinanzierung der BTU mindestens in der jetzigen Größenordnung, die sofortige Rücknahme der vorgesehenen Kürzungen der kommenden Jahre und die Rückzahlung der 3,66 Millionen Euro an Rücklagen, die das Land von der BTU eingefordert hatte. So viel Enthusiasmus ruft beim Stura-Sprecher den spontanen Ausruf hervor, Herr Nicht sollte mal an der Uni eine Vorlesung halten.

Zum Thema:

Landtags-Stimmen zum Bildungsprotest Michael Schierack, wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Brandenburger Landtag: "Ich kann die Studenten verstehen, die heute ein starkes Zeichen gegen die rot-roten Kürzungen setzen und für eine bessere Bildung auf die Straße gehen. . . Die rot-rote Landesregierung fällt mit ihrem Anspruch glattweg durch, die Bildungspolitik in den Mittelpunkt zu stellen und müsste wegen ihren Täuschungsversuchen von den Bürgern ,zwangsexmatrikuliert‘ werden."Martin Dulig, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag: "Der sich abzeichnende Lehrermangel an Sachsens Schulen war eine vorhersehbare Entwicklung, die von der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag schon seit Jahren thematisiert wird. Umso verhängnisvoller ist die Tatenlosigkeit der Staatsregierung."