Auf dem Spielplatz in Cottbus-Schmellwitz treffen sich noch immer jeden Tag nachmittags und abends Jugendliche, die ihre Fassungslosigkeit über den Tod der 17-jährigen Kathrin nicht überwinden können. Am 1. Mai war die Schülerin der 3. Gesamtschule von einem gleichaltrigen Jungen aus Cottbus brutal ermordet worden. Über das Motiv der Gewalttat schweigt sich der mutmaßliche Mörder aus. Staatsanwaltschaft und Polizei versuchen, es durch Zeugenvernehmungen zu ergründen. Sie schließen einen sexuellen Hintergrund nicht aus.
Indes warnen Experten vor dem Hintergrund dieses Falles vor zunehmender Gewalt vor allem durch junge Leute und in Städten. „Der Anstieg der Gewaltkriminalität ist ein allgemeiner Trend“ , stellt der stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundes der Kriminalbeamten (BDK), Holger Bernsee, fest. „Dabei rücken gerade junge Männer bei der Gewaltkriminalität immer stärker ins Rampenlicht.“ Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen befürchtet für 2002 sogar die höchste, je in Deutschland gemessene Jugendkriminalität. Dabei seien vor allem große Städte wie ein Schmelztiegel, so Holger Bernsee.
Eine Entwicklung, die sich differenziert auch in der Region bestätigt. In Cottbus und dem Spree-Neiße-Kreis gab es im vergangenen Jahr knapp 700 Straftaten, die zur Gewaltkriminalität zählen wie Mord und Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Körperverletzung oder Raub. Über 400 dieser Vorfälle ereigneten sich allein in Cottbus.

Cottbus als Schmelztiegel
Gemessen an der Gesamtzahl der Straftaten ist die Lausitzer Großstadt ein solcher Schmelztiegel der Kriminalität, von der BDK-Funktionär Bernsee spricht. Pro 100 000 Einwohner wurden im Jahr 2001 über 12 000 Straftaten registriert. Das waren zwar weniger als in den zwölf Monate zuvor, aber immer noch fast 1700 Straftaten mehr als in Dresden. Dabei hat die sächsische Hauptstadt viermal mehr Einwohner als Cottbus. Deutlich weniger Straftaten als in der größten Stadt Südbrandenburgs gibt es nach Angaben des Bundeskriminalamtes in Bottrop, Heilbronn, Hildesheim, Reutlingen oder Ulm mit etwa gleichen Einwohnerzahlen wie Cottbus.
Ähnlich wie im Polizeischutzbereich Cottbus und Spree-Neiße ist es im Kreis Oberspreewald-Lausitz. Nach Angaben von Polizeisprecher Peter Boenki entfallen auf die Städte Senftenberg, Lübbenau und Lauchhammer rund zwei Drittel aller Straftaten des gesamten Kreises.

Trend mit Ausnahmen
Der Cottbuser Polizeisprecher Berndt Fleischer sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Kriminalitätsrate und der Arbeitslosigkeit. In Cottbus betrug die Erwerbslosenquote im April diesen Jahres 18 Prozent, in Dresden etwa drei Prozent weniger.
Bei allen Problemen gab es im vergangenen Jahr eine durchaus erfreuliche Entwicklung. In Brandenburg wurde die niedrigste Kriminalitätsbelastung seit 1994 erreicht, in Sachsen sogar seit 1993.
Gegen den positiven Gesamttrend nahmen in Brandenburg allerdings die so genannten Rohheitsdelikte zu. Als „erschreckend“ und „gänzlich inakzeptabel“ bewertet Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), dass bei Gewaltstraftaten praktisch jeder zweite Tatverdächtige unter 21 Jahre alt ist. In Sachsen ist das nicht anders. Dabei macht diese Altersgruppe noch nicht einmal ein Viertel der Wohnbevölkerung aus. Für Schönbohm zeigt sich darin „eine schleichende Verrohung“ . Polizeisprecher Berndt Fleischer meint dazu: „Wir haben uns früher als Jungs auch geprügelt. Doch heute wird geboxt, mit Händen gewürgt, mit Füßen getreten.“ Und das passiere vor allem in Städten, wo Täter schnell in deren Anonymität abtauchen können.
Mit vielfältigen Mitteln versuchen Länder und Kommunen dieser Verrohung der Sitten entgegenzuwirken. In Brandenburg gibt es seit gut einem Jahr die „Partnerschaft Polizei und Schule“ . In Sachsen beteiligen sich inzwischen 80 Städte mit über 20 000 Einwohnern am Aktionsbündnis „Sichere Sächsische Städte“ . Gemeinsame Fußstreifen von Polizei und Ordnungskräften, die Einrichtung spezieller Telefone bei den Stadtverwaltungen, an denen Bürgerhinweise über Vandalismus auf den Straßen entgegengenommen werden, differenzierte Gespräche zwischen Bürgern, Polizei und Ordnungsämtern in Wohngebieten sind Säulen des Aktionsbündnisses, das unter anderem als Modellvorhaben in Hoyerswerda entwickelt wurde. Mit Erfolg. In Hoyerswerda ging die Gewaltkriminalität im Vorjahr insgesamt um zehn Prozent, die Zahl der Körperverletzungen sogar um 14 Prozent zurück.