„Mich hat einmal eine Kollegin im Landtag gefragt, was ich Schlimmes getan habe, dass ich mich mit den Sorben/Wenden beschäftigen muss.“ Gerd-Rüdiger Hoffmann ist Sorben/Wenden-Beauftragter der Linksfraktion im Brandenburger Landtag und muss selbst dort verbale Seitenhiebe auf die Minderheitengruppe registrieren. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass in Brandenburg eine Sorben/Wendenfeindlichkeit vorhanden ist“, sagt Hoffmann. Um statistische Angaben über das Ausmaß auch in der brandenburgischen Niederlausitz zu erhalten, wird Hoffmann in der nächsten Landtagssitzung eine Anfrage stellen. Darüber hinaus kann sich der Landespolitiker beim Innenministerium eine separate Kategorie zur Einordnung derartiger „Fälle“ vorstellen.

Hoffmanns Eindruck bestätigt der sorbische/wendische Künstler Bernd Pittkunings. „Ich habe es selbst erleben müssen“, begründet der aus Dissen (Spree-Neiße) stammende Liederpoet und Kabarettist. „Hier wird deutsch gesprochen!“ – diesen Satz hat er sich vor einiger Zeit bei einer Chorprobe mit sorbischen Liedern anhören müssen. „Ich sollte damals in einem Dorf nördlich von Cottbus die Tenorstimme singen. Im Rahmen der Probe habe ich ein paar sorbische Worte gesprochen. Das passte einem Herrn nicht, der sich beschwerte.“ Pittkunings entgegnete darauf: „Wenn Sie kein Englisch können, ist das nicht die Schuld der Königin. Und wenn Sie kein Sorbisch beherrschen, brauchen Sie ein Wörterbuch.“ Das Publikum habe mit Betroffenheit reagiert, erinnert er sich.

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Weiter berichtet der Künstler von einem Fall in Bautzen. In einem Geschäft seien Schüler nicht bedient worden, weil sie sorbisch gesprochen hatten. „Ich denke aber, dass es sich um Einzelfälle handelt.“

Harald Konzack, Vorsitzender des Rates für sorbisch/wendische Angelegenheiten im Brandenburger Landtag und Vorstandsmitglied der sorbischen/wendischen Dachorganisation Domowina, sind keine Aktionen gegen das slawische Volk in der Niederlausitz bekannt. „Ich will aber nicht sagen, dass es so etwas nicht gibt. Vorstellbar wäre es schon“, resümiert Konzack.

Dagegen sind schon seit Jahren sorbenfeindliche Aktionen und Straftaten in der Oberlausitz Realität. Erst Ende Januar 2009 forderte der sächsische Landtagsabgeordnete Heiko Kosel (Die Linke) die Staatsregierung auf, endlich mehr dagegen zu tun und die Präventionsarbeit an den Schulen zu verbessern. So lägen selbst ein halbes Jahr nach den Angriffen gegen sorbisch beschriftete Kruzifixe, Stein- und Unfallkreuze in der katholischen Lausitz noch immer keine greifbaren Ermittlungsergebnisse vor. „Dabei haben diese Schändungen die sorbischen Einwohner zutiefst erschüttert.“ So sei im August 2008 im Steinbruch Großhänchen (Bautzen) ein gestohlener sorbischer Corpus Christi aufgefunden worden, der wieder an das Kloster St. Marienstern übergeben werden konnte. Das hinterlasse Wunden in der sorbischen Seele.

Der sorbische Landespolitiker spricht von einer latenten Sorbenfeindlichkeit in der Oberlausitz. Auffällig sei, dass es mit dem Einzug der rechtsradikalen NPD in den sächsischen Landtag im September 2004 zu einer Häufung derartiger Fälle gekommen ist.

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Im Oktober 2003, so Kosel, habe sich der bislang dramatischste Fall von Feindlichkeit gegen das westslawische Volk zugetragen. Ein junger Mann wurde vor einer Bautzener Gaststätte von Rechtsradikalen krankenhausreif geprügelt, weil er sorbisch gesprochen hatte. Darüber hinaus forderten die Angreifer, „die Sorben nach Auschwitz zu bringen und dort zu stapeln“. Der Haupttäter wurde zu einer Bewährungsstrafe von 19 Monaten verurteilt.

Der Görlitzer Polizeisprecher Uwe Horbaschk wehrt sich gegen Kritik an der Ermittlungsarbeit. Im Oktober, sagt er, haben Beamte der Polizei und des Staatsschutzes die Einsatzgruppe „Nathan“ gebildet, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Sieben beschädigte oder gestohlene Corpora Christi habe die Polizei seit Mitte 2008 registriert. 2007 waren es drei, 2006 sechs. „Wir nehmen das sehr ernst und schließen eine politische Motivation nicht aus“, so Horbaschk, der auch den Anschlag auf eine sorbische Hinweistafel am Dienstag in Bautzen bestätigt. Allerdings kämen trotz vieler Gespräche und Presseaufrufe wenig Hinweise aus der Bevölkerung.

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Clemens Schkoda vom Fußball-Kreisligist SV Panschwitz-Kuckau und auch Sprecher des Domowina-Regionalverbandes Kamenz berichtet von sorbenfeindlichen Aktionen auch auf dem Fußballplatz: „Es gibt Schiedsrichter, die verteilen Gelbe Karten, wenn auf dem Spielfeld sorbisch gesprochen wird.“ Darüber hinaus würden sorbische Mannschaften häufig von den Fans der gegnerischen Mannschaft beleidigt. So seien die Spieler seiner Elf als „Sorbenschweine“ bezeichnet worden. Besonders schlimm zeige sich das im Raum Schwepnitz-Königsbrück. Allerdings betreffe das Phänomen keineswegs sämtliche Vereine, schränkt Schkoda ein.

Der Landtagsabgeordnete Kosel weist aber auch auf die Unterschiede in Ober- und Niederlausitz hin: „In Sachsen gibt es schon aufgrund der höheren Zahl an Sorben mehr Fälle von minderheitenfeindlichen Aktionen als in Brandenburg.“ Dabei sei es dies- und jenseits der Landesgrenze ein Thema, das die Politik kaum interessiere. So werde mancherorts einem möglichen Imageverlust beim Bekanntwerden derartiger Vorfälle größere Bedeutung beigemessen als den Sorgen und Ängsten der Sorben/Wenden. Manchmal würden sogar bestehende Ressentiments geschürt, beispielsweise mit der Behauptung, die Sorben/Wenden könnten nicht mit Geld umgehen. Darüber hinaus habe die Polizei über viele Jahre Straftaten mit sorbenfeindlichem Hintergrund nicht zur Kenntnis genommen.

Der Abgeordnete kann über mögliche Motive der Täter nur mutmaßen: „Diese sind meistens nicht in der Lage, einen Grund für ihr Verhalten anzugeben. Oft hört man dann, wenn sie zur Rede gestellt werden: war doch nicht so gemeint.“ Seinem brandenburgischen „Amtskollegen“ Hoffmann rät Kosel, in der „Sache“ nicht locker zu lassen. „Denn wenn nach entsprechenden Straftaten die Täter nicht ermittelt und bestraft werden, könnte das Vertrauen der Sorben/Wenden in die Behörden und den Staat empfindliche Schäden nehmen.“