Auf dem "Bahnhof Tante Erna" herrscht Stille. Niemand drängt sich um den Posten als Lokführer, keiner will Schaffner sein. Die Holzeisenbahn auf dem Strandspielplatz am ehemaligen Grubensee Bad Erna nahe Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) ist leer. Weder im Sand noch im Wasser tummeln sich Kinder. Auf Sichtweite schlängelt sich eine Gruppe Radler zum Hammerteich. An der Teichwirtschaft Hammermühle legt sie Rast ein. "Das ist ideales Radfahrwetter", preist Gästeführer Harald Schneider die gefühlten zwölf Grad am Samstagmittag. "Aber wir fahren sowieso bei jedem Wetter", sind sich Irene Brösgen und Lisa Quitter einig. Die beiden 68-Jährigen aus Gruhno und Rückersdorf (beide Elbe-Elster) versäumen kaum eine der geführten Radwandertouren in der Region. "Beim Fahren wird einem warm, und zur Not ist der Regenumhang immer in der Tasche." Der heiße Tee zum frisch geräucherten Hammermühlen-Fisch läuft heute dennoch der gekühlten Limonade den Rang ab. Während die Radler genussvoll schlemmen, vergeht den Karpfen in den Teichen allerdings der Appetit. "Je kühler es wird, um so weniger fressen sie", erklärt Diplom-Fischwirt Uwe Keil die Ernährungsgewohnheiten der Fische. "Bei 24 Grad Wassertemperatur ist ihr Hunger am größten, bei vier Grad wollen sie keinen Bissen mehr." Dem Gewicht des zukünftigen Silvesterkarpfens, der, wenn in zwei Wochen abgefischt wird, etwa zwei Kilo auf die Waage bringt, macht das nichts mehr aus. Sein Geschmack wird sogar noch feiner.

Ordentlich zu futtern brauchen dagegen die Vögel, bevor sie ihre Reise in den Süden antreten. Beste Bedingungen dafür finden Kraniche und Wildgänse an den großen Gewässern und auf landwirtschaftlichen Flächen im Naturpark Niederlausitzer Landrücken (Dahme-Spreewald). Der kühle September hat sie etwa zwei Wochen eher an ihren Ratsplatz am Schlabendorfer See geführt als sonst, hat Ralf Donat, Projektleiter der Heinz-Sielmann-Stiftung, beobachtet. Etwa 3000 Kraniche fliegen jetzt allabendlich in ihren Schlafplatz ein und übernachten in 30 Zentimeter tiefem Wasser. Von Wannichen aus können das Naturfreunde zu festen Zeiten beobachten. Am Familientag am Sonnabend waren das 300 Besucher - beeindruckt vom faszinierenden Schauspiel, unbeeindruckt vom kühlen Abend.

Über eine abgekühlte Saison und damit Gästemangel kann Norbert Noack, der Leiter des Familienparks Großkoschen am Senftenberger See nicht klagen: "Unsere neuen Appartmenthäuser sind im September zu 100 Prozent ausgebucht, auch im Oktober sieht es gut aus." Im Campingbereich allerdings sind weniger Gäste. "Bei sechs Grad Nachttemperatur ist es doch etwas ungemütlich im Zelt." Den Caravan- und Wohnmobil-Urlaubern mache die Kühle aber nichts aus. Besonders Familien mit Vorschulkindern oder Senioren ziehen den September vor und runden das aus Noacks Sicht "Spitzenjahr" ab, in dem sich "24 000 Gäste mit 130 000 Übernachtungen bei uns erholten".

"Kaum ein freies Bett an diesem Wochenende", heißt es in der Touristinformation von Burg (Spree-Neiße). Die Besucher hätten richtig darauf gewartet, dass die Ferien vorbei sind. Vor allem jüngere Senioren, aber auch Vereins- und Betriebsausflügler seien typische September-Gäste. Bei ihnen stünden Kahn- und Fahrradfahrten, aber auch Therme-Besuche an. "Der September ist unabhängig vom Wetter ein traditionell guter Monat."

Verzichten müssen die Lausitzer und ihre Gäste allerdings auf eine einträgliche Pilzwanderung. "Kälte und Trockenheit sind für das Myzel nicht gut", bedauert Ulrich Wermter, Pilzeberater aus Lauta bei Hoyerswerda (Kreis Bautzen), das gebremste Pilzwachstum. Das bräuchte einen lauen, warmen Regen, um wieder zu sprießen.

Bei den Lausitzer Kleingärtnern sprießen dagegen kräftiges Gras und leuchtende Blumen. In üppiger Pracht begrüßen rote, gelbe, lila, weiße, weinrote Dahlien in allen Größen den Spaziergänger im Garten von Anni und Erwin Richter im Süden von Finsterwalde (Elbe-Elster). "Das ist genau das richtige Wetter", sagen sie. Bei großer Hitze sei Gartenarbeit viel zu belastend. Bis Ende Oktober werden sie noch in ihrer kleinen Laube bleiben. Ein kleiner Bollerofen hilft dabei. "Zum Winterfestmachen gibt es noch keinen Grund", so die 70-Jährigen.

Das sieht Rudolf Kupfer aus Lindenau (Oberspreewald-Lausitz) ebenso. Der Hobbymeteorologe erfreut sich an dem kräftigen Grün. "Die Natur steht richtig im Saft, unsere Landschaft ist so schön wie selten." Dennoch sei der Temperaturunterschied schon merklich. "Im Jahr 2006 hatten wir zur gleichen Zeit 32 Grad, im vorigen Jahr um die 20 Grad." Das würde vielen Menschen wohl besser gefallen, doch für die "Landwirtschaft ist dieser September optimal", auch wenn die Maisernte früher begonnen habe als sonst. Das Grünland biete gute Futterbestände. "Viele beklagen die allgemeine Erwärmung, jammern dann aber über ein paar kühlere Tage. So aber ist nun mal die Natur."