Frank Müller* aus Cottbus ist Rollstuhlfahrer. Er will anonym bleiben, weil es nicht seine Sache sei, „als Person in der Öffentlichkeit zu stehen“ , wie er sagt. Mit seinen Erfahrungen als Behinderter hält er allerdings nicht hinter dem Berg.
Der heute 44-Jährige kann sich auf eigenen Beinen nur noch sehr mühsam ein paar Schritte bewegen. Gegenüber Leidensgefährten sei er da sogar noch im Vorteil, sagt er. Ansonsten ist Müller auf seinen Rolli angewiesen.
Vor 14 Jahren hat sich sein Leben nach einem Verkehrsunfall schlagartig verändert. Als er damals nach langem Krankenhausaufenthalt in den Alltag entlassen wurde, stand der junge Mann plötzlich vor einem unüberwindlichen Hindernis: eine rollstuhlgerechte Wohnung zu finden. Von Vermieter zu Vermieter rollte Müller, ehe er im Cottbuser Stadtteil Sachsendorf in einem elfgeschossigen Hochhaus etwas fand, was einigermaßen nutzbar war.
Tag für Tag quälte er sich die sieben Eingangsstufen zu seiner Parterrewohnung hinauf. Der normal breite Rollstuhl blieb im Auto. „Zehn Minuten habe ich für die kurze Strecke in die Wohnung gebraucht“ , erinnert er sich. Dort stand ein zweites, schmaleres Gefährt. Darin saß es sich zwar unbequem, aber wenigstens alle Türen waren dank seiner angeeigneten Steuerkünste passierbar. Toilette, Wanne, Kücheneinrichtungen, alle für Normal-Mieter eingerichtet, waren tägliche Herausforderungen. Mindestens 1,50 Meter breite und ebenso tiefe Bewegungsflächen im Bad, vor Möbeln, im Flur, vor dem Bett - solche in der Vorschrift für rollstuhlgerechte Wohnungen geforderten Standards gab es nur auf dem Papier.
Frank Müller und seine Lebenspartnerin haben vor acht Jahren dank eines damals noch zu habenden Kredits der Investitionsbank des Landes Brandenburg ein Haus am Stadtrand von Cottbus gebaut. Müller wollte nicht darauf warten, bis so viele Leidensgefährten gestorben waren, dass er den Platz auf der Warteliste bei den Vermietern mit einer frei gewordenen, behindertengerechten Wohnung tauschen konnte. Heute, Jahre später, hat sich an der Wohnungssituation für Rollstuhlfahrer nichts geändert. Gegenwärtig suchen in Cottbus das Sozialamt, karitative Verbände und Helfer nach einem Heim für einen Mann, der nach dem Verlust beider Beine nicht mal wie Müller auch nur eine Treppe ohne Hilfe bewältigen kann. Die Wohnung, die er bezog, musste er nach ein paar Tagen aufgeben: Tür zu schmal, Bad zu eng . . . Zunächst bleibt für den Betroffenen nur das Pflegeheim. Selbst der Cottbuser Sozialamtschef Friedhelm Gissel wundert sich: „Es muss doch möglich sein, was zu finden oder schnell herzurichten.“

Zu Kompromissen gezwungen
Die großen Vermieter heben die Arme, wenn es um behindertengerechten Wohnraum geht. Arved Hartlich, Vorstand der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft (GWG) Cottbus gibt zu, dass die GWG nicht eine Wohnung hat, die der Vorschrift für Rollstuhlfahrer entspricht. An einigen Häusern seien Rampen angebracht, sodass Behinderte mit dem Fahrstuhl wenigstens auf einigen Etagen die Wohnungen erreichen können. Zwar gebe es unter den rund 12 000 Wohnungen der GWG auch ein paar, die barrierefrei, also beispielsweise ohne Türschwellen sind, doch für Rollstuhlfahrer seien auch die nicht uneingeschränkt nutzbar. „Behinderte müssen mit vielen Kompromissen leben“ , räumt Hartlich ein. „Wir können es uns nicht leisten, rollstuhlgerechte Wohnungen auf Vorrat zu bauen“ , fügt er hinzu. Als Gründe nennt der GWG-Vorstand die hohen Kosten und bauliche Probleme, die sich aus der Konstruktion der Plattenbauhäuser ergeben.
Bei der Gebäudewirtschaft Cottbus (GWC), mit 21 200 Wohnungen größter Vermieter der Stadt, verweist Firmensprecher Tom Schönherr auf „vielfältige Anstrengungen seit Beginn der 90er-Jahre, um der wachsenden Nachfrage nach Wohnungen für behinderte Bürger nachzukommen“ .
Schönherr zählt neben dem Aufbau von Rampen an Zu- und Abfahrten oder zu Balkonen auch das Zusammenlegen von Wohnungen auf. Viele seien behindertenfreundlich, wenige davon allerdings behindertengerecht hergerichtet. „Für solche Wohnungen schnellen beim Umbau durch die höheren Standards die finanziellen Aufwendungen noch weiter nach oben“ , erklärt der GWC-Sprecher. Da kämen jeweils mehrere Zehntausend Euro zusammen. Alle Wohnungen, die die GWC für Behinderte hat, sind laut Vermieter derzeit vergeben. Und die Aussichten für Rollstuhlfahrer, geeignete Unterkünfte zu finden, werden nicht besser. „Es ist abzusehen, dass in allernächster Zeit die Schere zwischen dem Wohnungsangebot und dem Bedarf keinesfalls zusammengehen wird“ , so Schönherr. Im Gegenteil: Beim Abriss von Wohnungen aufgrund des Bevölkerungsrückgangs und für die Altschuldenentlastung bleibt auch behindertengerechter Wohnraum nicht verschont. „Für die davon betroffenen Mieter muss vordringlich adäquater Wohnraum zur Verfügung gestellt werden.“
Ähnlich beschreibt Roland Osiander, Geschäftsführer der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Senftenberg, die Situation in der einstigen Bergarbeiterstadt sowie in Schwarzheide, Ruhland, Großrä schen oder Schipkau. „Auf die Schnelle könnten wir nicht helfen“ , schätzt er ein. „Bei einem akuten Fall kämen wir mächtig ins Schwitzen.“ Bis zu 40 000 Euro könnte der behindertengerechte Umbau einer Wohnung kosten. Eine „Vorratswirtschaft“ hält Osiander bei solchen Summen für nicht möglich, es sei denn, die Unternehmen würden durch erhöhte Abschreibungen entlastet.
Margitta Faßl, Geschäftsführerin der Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda und Sprecherin des sächsischen Verbandes der Wohnungsunternehmen, hält es durchaus für sinnvoll, beim grundlegenden Umbau sowie beim Neubau von Häusern auch an Rollstuhlfahrer zu denken. Beim Rückbau von zwei Elfgeschossern am Lipezker Platz habe die Wohnungsgesellschaft vor Jahren 16 Wohnungen prophylaktisch gebaut, die von der Fläche wie von der Ausstattung den Anforderungen von Rollstuhlfahrern entsprechen. „Alle sind heute vermietet“ , stellt Faßl fest.

Der wirkliche Bedarf ist unbekannt
Von den 10 755 Wohnungen des größten Vermieters in Hoyerswerda sind knapp 270 alten- und behindertengerecht. Bei der Sanierung von Häusern in der Bautzener Allee werden sieben weitere behindertengerechte Wohnungen entstehen. „Der wirkliche Bedarf ist allerdings nicht bekannt. Das macht die Sache schwierig“ , verweist sie auf die Unwägbarkeiten aus Sicht der Vermieter.
In Weißwasser verwaltet die Wohnungsbaugesellschaft knapp 5500 Wohnungen. Rund 180 davon sind nach Auskunft von Geschäftsführerin Petra Sczesny altersgerecht hergerichtet, 18 davon barrierefrei für Rollstuhlfahrer. „Die sind alle belegt.“ Im altersgerechten Bereich könnten sofort Wohnungen zur Verfügung gestellt werden, für Rollstuhlfahrer nicht, so Sczesny. Sie hält es zwingender denn je für nötig, bei Umbauten von Häusern in allen Wohngebieten auch vorausschauend Wohnungen zu schaffen für Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß und auf Rollstühle angewiesen sind. „Wer sich mit dem demografischen Wandel ernsthaft beschäftigt, muss an Wohnungen für Behinderte denken“ , lenkt sie den Blick über den gegenwärtigen Bedarf hinaus.
Wie die Beispiele in Cottbus zeigen, sicher zu Recht.
(* Name geändert)