In der Pose einer Büßerin saß Martina Jordan (*) am Freitag im Verhandlungssaal des Cottbuser Landgerichts auf der Anklagekank. Die Haare streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Das blasse Gesicht nach unten gebeugt. „Tut mir leid, was passiert ist“ , sagte sie – und wurde wenig später zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
Der Staatsanwalt hatte einen Tag vorher noch für fünf Jahre plädiert. Martina Jordan sei nicht so naiv wie sie sich dem Gericht präsentiere, so Olaf Jurtz, vielmehr die „Drahtzieherin“ einer Gruppe von Frauen und Männern, die brutale Verbrechen begangen hat. Dabei blickte Olaf Jurtz noch einmal zurück auf die drei Überfälle.
Als erste traf es Ilona Schwarz (*). Sie arbeitete mit Martina Jordan und den anderen Frauen aus der Verbrecher-Clique in einer „Begleitagentur“ , damals noch mit Sitz in Schwarze Pumpe (Spree-Neiße). Von dieser Agentur schwärmten die Damen aus, um Kunden erotische Wünsche zu erfüllen. Die Frauen kannten sich, wussten, wer wo wohnt, wer welche Kunden hat, wer wie viel verdient.
Ilona Schwarz gehörte zu den Spitzenverdienerinnen und lebte in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz). Eines Donnerstagabends im Oktober 2003 bekam sie einen Anruf. Ein vermeintlicher Kunde bestellte sie in seine Wohnung in Spremberg (Spree-Neiße). Dort angekommen, traf die Prostituierte auf drei maskierte Männer – den Lebens gefährten Martina Jordans, dessen Bruder und auf einen Bekannten der beiden. Sie knebelten die Prostituierte und stülpten ihr einen Sack über den Kopf.

Opfer bedroht und geschlagen
Derweil waren Martina Jordan und eine Komplizin aus der Begleitagentur in Lauchhammer in die Wohnung der gefangen Gehaltenen eingebrochen und suchten Geld. Als sie keins fanden, riefen sie ihre Helfer in Spremberg an. Die Männer sollten Druck machen. Daraufhin bedrohten und schlugen sie ihr Opfer. Das Geldversteck verriet Ilona Schwarz aber erst, als ihre Peiniger ihr eine Frage stellten: Ob sie wolle, dass ihre drei Katzen in Lauchhammer aus dem Wohnungsfenster geworfen werden? Schließlich fanden Martina Jordan und ihre Komplizin das Geld unter einer Waschmaschine, 12 000 Euro. Danach durfte Ilona Schwarz gehen.
Die zwei anderen Überfälle wenige Wochen später liefen nach dem gleichen Muster. Die Frauen aus der Begleitagentur planten und organisierten alles, die drei Männer waren zuständig fürs Grobe. So wurde im Senftenberger Ortsteil Hosena (Oberspreewald-Lausitz) eine ahnungslose Kollegin, die ebenfalls in der Begleitagentur in Schwarze Pumpe arbeitete, zu Hause überfallen. Auch sie wurde geschlagen und getreten. Einer der Männer hielt ihr einen Brieföffner an die Kehle. Die Beute diesmal: 300 Euro.
Drittes Opfer war Ende Oktober 2004 ein Freier aus Döbern im Spree-Neiße-Kreis. In Erwartung einer Prostituierten öffnete der behinderte Mann seine Balkontür. Herein kamen jedoch wieder die beiden Brüder und deren Kumpan. Mit Gewalt erpressten sie 2000 Euro, nahmen Fernseher und Handy mit.
Die Verbrechen juristisch zu verarbeiten dauerte Monate. Die drei Männer bekamen bereits Haftstrafen von sechs-, fünf- und viereinhalb Jahren. Martina Jordan war die erste der vier beteiligten Frauen, die gestern verurteilt wurde. Zuvor hatten ihre drei Komplizinnen als Zeugen ausgesagt – und sich dabei alle drei als Mitläuferinnen präsentiert, die mal Auto gefahren sind, mal Schmiere gestanden haben. Um ihrer Freundin Martina Jordan einen Gefallen zu tun, hätten sie mitgemacht. Ohne zu wissen, was genau passiert. „Ich wusste doch nicht, dass da so zugeschlagen wird“ , beteuerte eine der Frauen im Zeugenstand. Eine andere sagte: „Ich war drogensüchtig und habe nur funktioniert.“ Strippenzieherin sei Martina Jordan gewesen.

Weitere Urteile stehen noch aus
Für das Gericht stand am Freitag fest, dass die Angeklagte zumindest die drei Männer für die Raubzüge gewinnen konnte und Impulsgeberin für die Straftaten war, die sie als einzige der tatverdächtigen Frauen alle begleitet hat. „Das war nicht nur Beihilfe“ , so die Vorsitzende Richterin Sigrun von Hasseln. Selbst Hand angelegt an die Überfallenen hat die 32-Jährige jedoch nie. Für schwere Körperverletzung sei sie daher nicht verantwortlich zu machen, so Richterin von Hasseln weiter. Dafür aber für erpresserischen Menschenraub, Raub und Wohnungseinbruch.
Die Verteidigerin von Martina Jordan versuchte die Strafe abzumildern. Unter anderem mit Hinweis auf die Biografie der Angeklagten. Mit 13 Jahren habe sie ihr Zuhause in Peitz (Spree-Neiße) verlassen, mit 17 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Sie selbst sei „ein ungeliebtes Kind“ gewesen, das ihren Vater nie kennengelernt hat. Die Drogensucht ihrer Mandantin und die neun Monate Untersuchungshaft, die sie bereits abgesessen hat, seien ebenfalls Gründe für ein milderes Urteil.
Die beiden Anwälte der drei Geschädigten indes wiesen auf die bleibenden psychischen Folgen ihrer Mandanten hin. Vor allem die To desdrohungen bekämen sie nicht mehr aus dem Kopf. Auch sei es besonders verwerflich, einen behinderten Menschen auszurauben.
Mit dem vierten Urteilsspruch von gestern ist die Raubzug-Serie für das Landgericht jedoch noch lange nicht abgeschlossen, so Staatsanwalt Olaf Jurtz. Die drei Komplizinnen der Verurteilten müssen sich ebenfalls noch vor Gericht verantworten und den Zeugenstuhl mit der Anklagebank tauschen. Schließlich muss auch Martina Jordan noch mit weiteren Urteilen rechnen, so Jurtz. Sie habe noch ein Drogendelikt und einen weiteren Einbruch auf dem Konto.
*Name geändert