"Nachwuchsförderung ist kein Experiment, das man an- und abschalten kann", sagt Viola Liebig. "Dafür braucht es Kontinuität." Dass diese Stetigkeit in der Zusammenarbeit von Schulen der Region mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus eingezogen ist, hat unmittelbar mit Viola Liebig zu tun. Vor neun Jahren hatte sich die Gymnasiallehrerin für Biologie und Chemie an den Lehrstuhl von Prof. Reinhard Hüttl gewandt, um ein Mikroskopie-Praktikum zu absolvieren. "Ich war begeistert von den Möglichkeiten, die sich hier zum Forschen geboten haben", erinnert sich Liebig, und es sei ihr sofort durch den Kopf gegangen, dass andere Lehrer und auch Schüler von diesen "Schätzen" profitieren sollten.

Reinhard Hüttl, Präsident der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften, nennt diese Begebenheit heute einen "Glücksfall". Denn mit der Begeisterung von Viola Liebig war der Startschuss für jene Vernetzungsinitiative gegeben, die sich inzwischen unter "Forschungs-Bildungs-Kooperation Cottbus" einen Namen gemacht hat. Immer mehr Lehrer nahmen in der Folgezeit die Angebote der BTU wahr. Viola Liebig, die inzwischen wissenschaftliche Mitabeiterin an der BTU ist, drängte aber auch auf Schnupperkurse für Schüler und organisierte, dass Professoren in den Gymnasialklassen unterrichteten. Im Jahre 2005 wurde aus der Initiative schließlich jenes Projekt, das jetzt von der Robert-Bosch-Stiftung hoch gelobt und zur bundesweiten Nachnutzung empfohlen wurde.

Um den tieferen Sinn und die drängende Notwendigkeit der Kooperations-Initiative zu erläutern, erinnert Hüttl an ein Dauerproblem nach der BTU-Gründung in den 1990er-Jahren. In den Ingenieur-Studiengängen herrschte Flaute. Und von denen, die sich für einen technischen Studiengang entschieden, brachen oft mehr als die Hälfte das Studium ab. Der Grund dafür sei meist recht einfach gewesen: Die jungen Leute hätten sich etwas anderes unter dem Studium vorgestellt. Andererseits sei man an jene Abiturienten, die sich für Geistes- und Sozialwissenschaften entschieden, durchaus aber Potenzial für Technikwissenschaften hatten, nicht rechtzeitig herangekommen. "Die Schaltstelle zwischen Schule und Hochschule hat gefehlt", räumt Hüttl unumwunden ein. "Jetzt haben wir die fehlende Brücke zum Studium gebaut."

Und diese Brücke ist viel mehr als der obligatorische Hochschul-Informationstag oder das "Schnuppern" von Schülern und Eltern an den Universitäten. Die "Forschungs-Bildungs-Kooperation Cottbus" steht auf drei Säulen und umfasst die Fächer Mathematik, Physik, Biologie, Chemie, Technik und Informatik. Erstens, erklärt Viola Liebig, werde ein zweiwöchiges Universitätspraktikum für Schüler der Klasse 11 örtlicher Gymnasien angeboten. Dabei seien die jungen Leute vom ersten Tag an in die Forschungsprozesse eingebunden - und sie seien aufgefordert, selbst eine Fragestellung zu entwickeln. Als zweite Säule gelte der "Unterrichtstag an der Universität" einmal im Monat. "Neu dabei ist, dass dieser Tag nicht als variabel gilt, sondern fester Bestandteil der Stundentafel in den jeweiligen Gymnasien ist", erklärt Liebig. Dabei würden die Schüler ihre wissenschaftlichen Arbeiten vorantreiben, um sie am Ende des Schuljahres am Lehrstuhl zu präsentieren und mit einer Facharbeit abzuschließen. Die Bewertung der Forschungsergebnisse fließe zudem in die entsprechende Schulnote mit ein. Fachlehrer der beteiligten Schulen seien eng in den gesamten Prozess eingebunden.

Die Schüler erhalten außerdem ein Zeugnis, und die Lehrstühle können für die Arbeiten sogenannte Kreditpoints vergeben, die bei einer Studienbewerbung europaweit gelten. Das dritte Standbein schließlich ist die Stärkung der Lehrerkompetenz durch die enge Zusammenarbeit mit der Hochschule. Viola Liebig verweist darauf, dass es inzwischen gelungen sei, das Anforderungsniveau der Fächer Biologie-Ökologie und Technik in der Sekundarstufe II anzuheben und dem universitären Stoff anzunähern.

"Dieser Erfolg auf breiter Front hat ein festes Fundament", resümiert Professor Hüttl. Es sei die Mischung aus klugem Konzept, langem Atem und riesigem Einsatz aller Beteiligten. "Insbesondere Nachwuchsförderung ist und bleibt ein Bereich, der ohne das enorme persönliche Engagement der Beteiligten keinen nachhaltigen Erfolg erzielen wird." Die Bosch-Stiftung zeigte sich beeindruckt, dass seit 2005 mehr als 800 Schüler und 67 Lehrer in rund 160 Projektarbeiten betreut wurden. Auch wird die enge Kooperation mit dem Max-Steenbeck-Gymnasium Cottbus, dem Frankfurter Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium, dem Paul-Gerhardt-Gymnasium Lübben und dem Schweizer Gymnasium Kirschgarten in Basel hervorgehoben. 28 Schüler der "Forschungs-Bildungs-Kooperation Cottbus" haben es in den Jahren bis zum Bundeswettbewerb "Jugend forscht" geschafft. Und: Das Schülerprojekt "Lausitzer Komposit-Kunststoff-Keramik-Komposite aus einheimischen Rohstoffen der Lausitz" ist Grundlage für ein Promotionsthema in der organischen Chemie geworden. Das Thema wird inzwischen von einem Doktoranden weiter erforscht.

Ob sich die von Hüttl eingangs zitierte Abbrecherquote in den Technik-Studiengängen verbessert habe, kann der Leiter des Potsdamer Geoforschungszentrums noch nicht beurteilen. Dafür sei der Bemessungszeitraum zu kurz. In einem ist er sich aber sicher: Wer an der BTU die Nachwuchsförderung durchlaufen habe, wisse, worauf er sich im Studium einlasse. Und wer hier Feuer gefangen habe, weiß zumindest - auch wenn er woanders studieren sollte -, wohin er zurückkehren könne.

Der Link verweist auf die Lehrstühle der BTU Cottbus, die an dem Projekt beteiligt sind:

www.tu-cottbus.de/projekte/de/nachwuchsforscher/projektpartner/lehrstuehle.html