Wenn Bauern ihre Ställe verlassen und öffentlich protestieren, muss eine Menge passiert sein. Jüngst ließen die Milchproduzenten im sächsischen Großerkmannsdorf (Kreis Bautzen, die RUNDSCHAU berichtete) ihrem Unmut über Preisdumping im Lebensmittelhandel und bei den Molkereien freien Lauf. Claudia Lohmann, Geschäftsführerin der Landwirtschaftlichen Produktions- und Handels GmbH&Co KG in Bergen bei Hoyerswerda (Landkreis Bautzen), beklagte, dass ihr Betrieb durch den niedrigen Milchpreis von 26 Cent je Liter jeden Tag einen Verlust von 880 Euro einfahre. Sie sprach in diesem Zusammenhang von „einer Katastrophe“, zumal jetzt die kostenintensive Frühjahrsbestellung bevorstehe. „Wovon wir das Geld für Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel nehmen sollen, wissen wir noch nicht“, erklärt Lohmann, die auch Vizepräsidentin des Landesbauernverbandes ist.

Ähnlich kritische Stimmen erheben sich auch in anderen Regionen. Siegfried Klaus von der Agrargenossenschaft Frauendorf (Oberspreewald-Lausitz) sprach jüngst auf der Tagung des Bauernverbandes Südbrandenburg von 60 000 Euro Verlust im Monat, der dem Milchpreis von 22 Cent je Liter geschuldet sei.

Und die Preisspirale dreht sich offenbar weiter abwärts. Nach Einschätzung der Großmolkerei Campina, die auch ein Werk in Elsterwerda (Elbe Elster) hat, wird der Milchpreis weiter abrutschen. In einem Zeitungsinterview sagte Norbert Reuss aus der Campina-Geschäftsführung, dass er mit „weiteren Korrekturen nach unten“ rechne. Nach Einschätzung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) sei dadurch die Existenz vieler Milcherzeuger in Deutschland gefährdet.

Einer, der die Milchproduktion aufgegeben hat, ist Sven Freiwald vom gleichnamigen Familienbetrieb in Wiederau (Elbe-Elster). Einst standen 100 Milchkühe bei ihm im Stall. Seit zwei Jahren ist das Geschichte. „Wir haben aufgehört, weil wir wussten, dass der Trend nach unten geht“, begründet der 38-Jährige die Neuorientierung. Der Vater sei in Rente gegangen, zudem hätte in neue Ställe investiert werden müssen. „Bei Preisprognosen von 18 Cent je Liter Milch ist das Risiko zu groß gewesen“, so Freiwald. Außerdem habe die Arbeit in den Ställen Spuren hinterlassen. „Du bist sieben Tage die Woche an 365 Tagen im Jahr von früh bis abends beschäftigt. Das ging nicht mehr“, sagt Freiwald „Als Milchbauer war ich doch in allem total vom Milchpreis abhängig.“ Jetzt hält er eine Mutterkuhherde, außerdem ein paar Bullen, Schweine, Bienen und hat den Betrieb zudem auf die Bioproduktion umgestellt.

Auch die Bauernfamilie Born aus Uebigau-Bomsdorf (Elbe-Elster) hat ihre 30 Milchkühe abgeschafft. „Mein Mann und ich haben geweint. Wir sind doch als Kinder mit den Tieren aufgewachsen“, erinnert sich Erika Born (58) an den schmerzlichen Einschnitt vor zwei Jahren. Die Söhne, die jetzt den Betrieb führen, haben sich ganz auf die Pflanzenproduktion spezialisiert. Diese ist mit der Erzeugung von Sudangras und Getreide ganz auf die Stromerzeugung in der kleinen Biogasanlage ausgerichtet. „Das ist schon sehr industriemäßig“, schätzt Erika Born ein. Die Umstellung sei zwar wie der Neuanfang als Familienbetrieb 1991 gewesen, doch die Familie nun „froh, es so gemacht zu haben“, stellt sie fest. Heute halte sich ihr Mann Bernhard (61) aus alter Liebe noch ein paar Mutterkühe.

Die Borns wie auch Sven Freiwald haben Konsequenzen weg von der Milchproduktion gezogen. „Vielleicht haben wirklich nur die großen Betriebe bessere Chancen“, sinniert Sven Freiwald. Dabei ist er vom Grunde her überzeugt, dass die Milchproduktion in Familienbetriebe gehört. Da sei die Bindung zu den Tieren enger.

Mit den Erzeugerpreisen, die in Deutschland für den Liter Milch bezahlt werden, liegen die Bauern innerhalb der Europäischen Union über dem Durchschnitt. Allerdings, so beklagt der Bauernverband, seien die Kosten in vielen Bereichen enorm höher als bei den Mitkonkurrenten auf dem internationalen Milchmarkt. So müssten laut DBV die deutschen Bauern mit durchschnittlich 40 Cent auf den Liter Agrardiesel den höchsten Steuersatz in der EU bezahlen. In Frankreich oder Tschechien ist es demnach nur ein Cent.