An den Wänden ist immer die gleiche Frau zu sehen, auf dem Tisch im Wohnzimmer die jüngsten Veröffentlichungen über sie, in den Regalen ein Großteil ihrer Bücher. Brigitte Reimann (1933-1973) war sehr belesen. Die Frau, die Hoyerswerda und dem Kombinat Schwarze Pumpe mit dem unvollendeten Werk "Franziska Linkerhand" ein Denkmal gesetzt hat, ist an diesem Ort allgegenwärtig. Es ist der Ort, an dem die Erinnerung an sie und ihr Werk bewahrt werden: Brigitte-Reimann-Straße 8, die Adresse der Begegnungsstätte.

Martin Schmidt, der Vorsitzende des Hoyerswerdaer Kunstvereins, hat Brigitte Reimann gekannt, oft mit ihr diskutiert und gestritten. Der Verein hat die Begegnungsstätte im Jahr 2006 ins Leben gerufen und will Reimanns Werk am Leben erhalten.

In Sachen Besucherzahlen stößt er jedoch auf natürliche Grenzen. Denn die Begegnungsstätte allein ist für Literaturinteressierte außerhalb der Region wenig attraktiv. Deshalb haben Martin Schmidt und Gertrud Winzer, die Mitinitiatorin der Krabatmühle im Hoyerswerdaer Ortsteil Schwarzkollm, die Idee geboren, die Stätten der Lausitzer Literatur miteinander zu verknüpfen. "Wir wollen ein kulturelles Bild der Lausitz über die Jahrhunderte zeichnen", sagt Martin Schmidt.

Das literarische Zugpferd soll dabei Gotthold Ephraim Lessing sein, der in Kamenz geboren worden ist und als einer der Wegbereiter des deutschen Nationaltheaters gilt. "Nathan der Weise", "Minna von Barnhelm" und "Emilia Galotti" sind in der gesamten Welt bekannt.

Im Stück "Nathan der Weise", das erst nach Lessings Tod in Berlin uraufgeführt worden ist, findet sich die Literaturform der Ringparabel, von der sich Schmidts Projektname ableitet. "Die Idee, unser Vorhaben Parabelring zu nennen, stammt vom Senftenberger Theaterintendanten Sewan Latchinian", sagt Schmidt. Zudem soll der Parabelring ein Beitrag der Oberlausitz zum Jahr der Toleranz 2013 sein. Ausgehend von Lessings Ringparabel soll die Frage geklärt werden, ob eventuell dessen Haltung zur Toleranz die künstlerische Vielfalt in der Oberlausitz in jeder Zeit neu bestimmt hat.

Viele bedeutende Schreiber

Der "rote Faden" des Parabelrings ist leicht zu spinnen: Wenn sich Literaturbegeisterte zum Beispiel im Kamenzer Lessingmuseum aufhalten, sollten sie gesagt bekommen, was die Lausitz noch zu bieten hat. Neudeutsch heißt das Netzwerke knüpfen. Martin Schmidt hat neben Lessing und Brigitte Reimann noch eine ganze Reihe von Lausitzer Literatur-Leuchttürmen im Kopf: Jurij Koch, Jurij Brezan, Erwin Strittmatter, Volker Braun, Kito Lorenc, Handrij Zejler und viele mehr. "Manche haben wir auch noch gar nicht in der Planung", betont er. "Deshalb muss das Projekt auch immer erweiterungsfähig sein."

Für die vielen kleineren Orte, an denen Schriftsteller tätig waren - und damit für die gesamte Lausitz - könnte Lessing eine Art Eingangstor sein. Eine geistige Literaturregion könnte entstehen, sagt Schmidt, um sich sofort zu verbessern: "Sie muss gar nicht entstehen, sie ist ja da."

Die Idee hinter dem Netzwerk: Wenn Interessierte sich einem Literaten genähert haben, sollen sie auch auf andere aufmerksam gemacht werden. Ein Beispiel: Wer sich für die Krabat-Sage interessiert, kann sich die Krabatmühle in Schwarzkollm ansehen, Krabats Vorwerk in Groß Särchen bei Hoyerswerda und während einer Lesung am Originalschauplatz in die Welt Krabats eintauchen. Nicht weit entfernt sind Leben und Werk von Brigitte Reimann in Hoyerswerda.

Sie, die die "Ankunft im Alltag" geschrieben hat und auch die architektonische Entwicklung der Stadt beschreibt, könnte ein Sprungbrett für eine Fahrt nach Schwarze Pumpe sein, wo auch Volker Braun zur literarischen Rundreise durch die Region beitragen kann. "Wir wollen dabei nicht alles an uns reißen", sagt Martin Schmidt. Jeder Anbieter soll seinen Teil zum großen Ganzen einbringen. Der Kunstverein will dabei als Vermittler fungieren. Es sei natürlich auch angedacht, Touristen das Angebot zu machen, sich abseits der Literatur über Bergbau, Tourismus, Wirtschaft, Land und Leute sowie den Strukturwandel in der Lausitz zu informieren. Der "rote Faden" Literatur soll dabei jedoch gewahrt bleiben.

Lob für Vorstoß

Die Idee kann Renate Brucke, Vorsitzende des Strittmatter-Vereins in Bohsdorf (Spree-Neiße), nur begrüßen. Der Verein habe zwar auch schon Leserreisen initiiert, dabei jedoch nur geringe Resonanz gehabt. Würden die Angebote innerhalb des "Parabelrings" gebündelt, verspricht sie sich größere Bekanntheit für Werk und Projekte rund um das Erbe von Erwin Strittmatter. Bohsdorfer könnten im Dorf Lesungen veranstalten, es könnte Rundgänge durch den Ort geben, der durch Strittmatters Trilogie "Der Laden" bekannt geworden ist. Strittmatters Eltern hatten den Dorfladen von 1919 bis 1949 betrieben. Er war damals Dreh- und Angelpunkt in Bohsdorf.

Um das Projekt Parabelring zu starten, fehlt dem Hoyerswerdaer Kunstverein jedoch noch Geld, um die Rahmenbedingungen zu schaffen. Unter anderem müssen Biografien, Bibliografien und Porträts erstellt werden, daneben auch Beispieltexte, die Autor, Werk und Ort widerspiegeln und Gästen einen Zugang bieten. Zudem soll es Lesungen, thematische Diskussionen, Vorträge und Matineen geben. Zurzeit läuft ein Förderantrag beim Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien über 6300 Euro.

Ob er Erfolg hat, ist zurzeit noch offen, betont Joachim Mühle, Kulturamtsleiter beim Landkreis Görlitz. Die Bewertung des Antrags sei noch nicht abgeschlossen. Er rechnet damit, dass der Kulturkonvent des Kulturraums, zu dem die Kreise Görlitz und Bautzen gehören, im Februar 2012 über den Vorschlag entscheidet. Die Stadt Hoyerswerda und der Landkreis Bautzen hätten bereits Unterstützung signalisiert, sagt Martin Schmidt.