Montagabends schaut Heiko Terno kein RTL. Was er in der Kuppel-Show „Bauer sucht Frau“ zu sehen bekommt, kann er nicht ertragen. Da stapfen Männer in Latzhosen und Gummistiefel durchs Bild, füttern rosarote Ferkel und streicheln Kälbchen. Mit dem Beruf des Landwirts habe das wenig zu tun, sagt Terno, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg. „RTL ruiniert das Image des ganzen Berufsstands“, befürchtet der 38-Jährige aus Kümmritz. „Niemand von uns rennt mit einer Ananasdose über den Hof und füttert Hühner oder sammelt Eier mit dem Weidenkörbchen ein.“

Ein Landwirt sei heute Unternehmer, der Getreidepreise kalkuliert, in erneuerbare Energien investiert und seine Betriebskosten berechnet. „Da muss man schon ein bisschen was drauf haben. Auf einem modernen Mähdrescher zum Beispiel sind bis zu drei Computersysteme zu bedienen“, erklärt Heiko Terno.

Den Protagonisten aus „Bauer sucht Frau“ scheinen Mistgabel und Heuwender zu genügen. „Die haben einfach die schrägsten Typen rausgesucht“, ist Terno überzeugt.

RTL setzt auf Gemütsmenschen, mundfaul wie der „fröhliche Friese Gerold“ oder schüchtern, wie der „liebevolle Lausitzer Dirk“. Es gehe darum, ein breites Spektrum abzudecken, sagt Maren Mossig von der Agentur „diepressetanten“, sie ist Sprecherin für das Format „Bauer sucht Frau“. „Es wird versucht, unterschiedliche Charaktere, jung bis alt und verschiedene Betriebe in der Sendung vertreten zu haben.“ Sie räumt ein, dass in der rustikalen Doku-Soap kein Platz für industrielle Großbetriebe ist. „Es soll ein bisschen idyllischer sein.“ Gefärbt werde allerdings nichts, nicht an den Charakteren und auch nicht an den Höfen, alles ist echt, sagt Maren Mossig. Sie vertritt als Sprecherin der Agentur die Position der Landwirte in der Serie. „Keiner der Kandidaten hat sich jemals darüber beschwert, wie ihr Hofalltag dargestellt wurde.“ Die Kritik vieler Landesbauernverbände könnten die RTL-Bauern nicht verstehen.

Im bayerischen Regen allerdings war eine Kreisbäuerin so erbost, dass sie bei RTL Beschwerde eingelegt hatte, bislang erfolglos, wie die Passauer Neue Presse berichtet. Die Bäuerin äußerte die Befürchtung, dass der Beruf Landwirt durch Sendungen wie diese weiter an Attraktivität verliere. So weit würde Heiko Terno nicht gehen. Ganz so ernst dürfe man das auch nicht nehmen.

Acht Millionen Fernsehzuschauer haben in der ersten Folge der siebten Staffel verfolgt, wie die Kandidaten um ihre Angebeteten buhlen. Ohne Untertitel war manch einer von ihnen kaum zu verstehen. Und der „heitere Ackerbauer Rolf“ brachte seine Flamme Silvia beim ersten Date aus der Fassung, als er ihr seinen Leistenbruch beichtete. Kaum ausgesprochen, schwenkte die Kamera zur Beule an Rolfs Oberschenkel, die sich durch die Cordhose abzeichnet. Ein bisschen peinlich berührt ein bisschen Fremdschämen, Wegschalten tut wohl kaum jemand. Für RTL bedeutet dieser Voyeurismus satte Quote. Auf den Vorwurf der Landwirte, durch das Format würde das Image des Berufsstandes ruiniert, antwortet der Privatsender: „Es handelt sich bei ‚Bauer sucht Frau' um eine schöne augenzwinkernde Lebensrealität. Die Sendung zeigt Geschichten und Schicksale, ist im besten Sinne eine Romantic Comedy, die traditionelle Vorstellungen vom Landleben mit vielen Sehnsüchten verbindet.“ RTL bediene aber die falschen Sehnsüchte und Klischees, wie Heiko Terno findet. „Landwirt ist ein anspruchsvoller Beruf. Mit dem Kitsch hat das nichts zu tun.“

Vor knapp zehn Jahren hat Terno selbst erfahren, was es heißt, die falschen Sehnsüchte zu wecken. Die Bild-Zeitung hatte sich angekündigt, sie wollten einen Landwirt einen Tag bei seiner Arbeit begleiten. Der damals 29-jährige Terno stellte sich zur Verfügung, ließ sich beim Frühstück, auf dem Traktor und unter der Dusche ablichten. „In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich mir nichts dabei gedacht.“ Er war damals gerade geschieden und hatte eingewilligt, als die Reporter der Bildzeitung fragten, ob sie das in dem Artikel erwähnen dürften.

Am nächsten Tag fuhr Heiko Terno zum Bäcker nach Luckau und traute seinen Augen nicht: „Ich wäre beinahe gegen den Mast gefahren. Da stand ein A3 Aufsteller mit ner riesen Schlagzeile: ‚Wer heiratet diesen Bauern'“ Die Bildzeitung hatte für Terno eine großformatige Kontaktanzeige gedruckt. Darauf hätte er gern verzichtet, denn ab diesem Tag wurde der junge Landwirt mit Briefen von Heiratswilligen übersät. Ein paar der Damen kamen direkt nach Kümmritz – ohne Anmeldung.

Doch die Richtige war nicht dabei. Seine jetzige Frau lernte Terno vor neun Jahren über das Internet kennen. Seit sieben Jahren sind sie verheiratet und haben zwei Kinder.