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Lausitzer Kohlewirtschaft plant für "Jahrzehnte"

Flaggenwechsel in Cottbus: An der ehemaligen Vattenfall-Zentrale wird eine Fahne mit dem LEAG-Logo aufgezogen. Aktivisten des Netzwerkes "Ende Gelände" beobachten die Aktion.
Flaggenwechsel in Cottbus: An der ehemaligen Vattenfall-Zentrale wird eine Fahne mit dem LEAG-Logo aufgezogen. Aktivisten des Netzwerkes "Ende Gelände" beobachten die Aktion. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Selbstbewusster Start unter neuer Flagge. Als Lausitzer Energie AG wollen die tschechischen Besitzer EPH/PPF die Braunkohleverstromung in der Lausitz noch lange fortsetzen. Personell setzen sie an der Spitze auf Kontinuität. Simone Wendler

Helmar Rendez ist Ausdauersportler. Er läuft nicht nur Marathon, er ist auch Triathlet. Deshalb bemüht er einen Sportvergleich, um zu beschreiben, was vor ihm als neuem Vorstandsvorsitzenden der Lausitzer Energie AG (LEAG) liegt. "Wir haben einen Langstreckenlauf vor uns, wir brauchen deshalb eine Strategie für Jahrzehnte."

Langfristiges Engagement, kein schneller Abschied aus der Region, das ist die in vielen Varianten verkündete zentrale Botschaft der ersten Pressekonferenz der LEAG nach dem vollzogenen Kauf der Lausitzer Tagebaue und Kraftwerke vom schwedischen Staatskonzern Vattenfall. Dem trauern viele Lausitzer Kumpel offenbar nicht nach. Auch Hartmuth Zeiß, bisher Vorstandsvorsitzender und nun Aufsichtsratschef des neuen Unternehmens, ließ das zwischen den Zeilen anklingen. Er sei glücklich, dass mit EPH ein neuer Eigentümer gefunden wurde, der die Bedeutung und den Nutzen der Braunkohle kennt: "Das werden wir künftig besser herausarbeiten können, als das bisher der Fall war", so Zeiß.

Begonnen hatte der Tag mit zwei kleinen Gruppen von Aktivisten des Netzwerkes "Ende Gelände", die in das Tagebaugelände Welzow-Süd und Jänschwalde eindrangen, um Protestplakate zu entrollen. Zwei Aktivisten wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. Das Bergbauunternehmen hat gegen sie Anzeige erstattet.

Am Nachmittag standen dann bei Dauerregen 20 bis 30 demonstrierende Klimaschutzaktivisten, die einen sofortigen Ausstieg aus der Braunkohle fordern, mehreren Hundert Kumpeln vor der Hauptverwaltung der LEAG gegenüber. Die Bergbaugewerkschaft IG BCE hatte zu einem Treffen anlässlich des Startes unter neuem Namen aufgerufen.

Vor der im Verwaltungsgebäude versammelten Presse versicherte Jan Springl, EPH-Vorstand für die europaweite Stromerzeugung der tschechischen Holding, erneut, dass EPH zusammen mit dem Finanzinvestor PPF ein langfristig agierender Investor sei. Es sei Unternehmensstrategie, die gesamte Wertschöpfungskette der Energieerzeugung in die Hand zu nehmen, von der Brennstoffbeschaffung bis zum Stromverkauf.

Deshalb passe die Lausitzer Braunkohlewirtschaft auch gut in die Holding. Die stehe, so Springl, "enorm stabil auf den Beinen". Durch den Kauf der Lausitzer Braunkohlewirtschaft ist EPH deutlich gewachsen. Bisher betrieb der tschechische Konzern in Deutschland nur die deutlich kleinere Mitteldeutsche Braunkohle AG (Mibrag). Mit den rund 8000 Ex-Vattenfallern wuchs die Mitarbeiterzahl der EPH auf 23 000, die Hälfte davon in Deutschland. Und der tschechische Konzern ist jetzt die Nummer drei der großen deutschen Energiekonzerne.

In der Lausitz belassen die neuen Besitzer die vorhandenen Unternehmensstrukturen. Der Bergbaubereich, bisher Vattenfall Mining, wird zur Lausitz Energie Bergbau AG, der Kraftwerkspark, bisher Vattenfall Generation, zur Lausitz Energie Kraftwerke AG. Firmensitz bleibe Cottbus, die Eintragung ins örtliche Handelsregister erfolge am Mittwochmorgen. "Alle Steuern, die mit den beiden Unternehmen verbunden sind, werden hier bezahlt", so der neue Vorstandschef Helmar Rendez.

Die in der Region seit fast zwei Jahren drängendste Frage nach dem Aufschluss der geplanten Tagebauerweiterungen Nochten und Welzow-Süd blieb am Dienstag noch unbeantwortet. Betroffen sind davon 2600 Lausitzer, denen die Umsiedlung droht, aber auch die Bergleute, deren Jobs daran hängen.

"In den nächsten Monaten", so versicherten Rendez und Springl, werde diese Entscheidung fallen. Das sei jedoch auch ein "politisch getriebenes Thema". Und auch dafür bemühte der neue Vorstandschef Helmar Rendez einen Sportvergleich: "Wir müssen bei Gegenwind mit dem Rad bergauf fahren und bekommen noch Hindernisse in den Weg gelegt, andere erhalten Stützräder."

Rendez mahnte für die Braunkohlestromerzeugung faire politische Rahmenbedingungen an. "Wir wollen die Energiewende aktiv mitgestalten, dazu müssen wir unser Unternehmen noch effizienter, flexibler und digitaler aufstellen", beschrieb er die Herausforderungen der kommenden Jahre.

Der Strompreis, der von 30 Euro pro Megawattstunde in den vergangenen zwei Jahren bis auf rund 20 Euro gefallen war, hat sich inzwischen, so Rendez auf Nachfrage, deutlich erholt. Für Verträge, die jetzt für 2017 und 2018 abgeschlossen werden, würden 26 bis 27 Euro erzielt. Ob das für die neue LEAG ausreiche, um ausreichende Gewinne zu erzielen, ließ er offen. Doch in der Lausitz, so Rendez, stünden die effektivsten Braunkohlekraftwerke: "Wenn der Preis sich erholt, sind wir die Ersten, die wieder im Gewinn sind."

Davon könnten auch die Lausitzer Vereine und Organisationen profitieren, die bisher von Vattenfall als Sponsor unterstützt wurden. Dazu gehören die FC Energie-Fußballer ebenso wie die Eishockey-Füchse in Weißwasser. Bestehende Verträge würden erfüllt, so Rendez, und das Sponsoring auch fortgesetzt, "mit Augenmaß".