Das Lausitzer Braunkohlerevier hatte vor wenigen Tagen sehr diskreten Besuch. Vertreter der Unternehmen, die Tagebaue und Kraftwerke von Vattenfall kaufen wollen, schauen sich vor Ort um. "Die wurden wie normale Besuchergruppen herumgeführt, keiner hat erfahren, wer das ist", erzählt ein Insider.

Was die potenziellen Käufer dabei erfahren haben, wird in ihre Entscheidung einfließen: Geben sie für die Braunkohlekraftwerke und Tagebaue sowie die Wasserkraftwerke von Vattenfall ein verbindliches Angebot ab oder nicht, und was sind sie bereit, dafür zu bezahlen.

Im Rennen um den für die Region noch immer wichtigsten Industriezweig mit rund 8000 festen Jobs und vielen abhängigen Zulieferern sind vermutlich noch mindestens vier Bewerber, drei aus Tschechien und die Steag aus Nordrhein-Westfalen (NRW). Weitere Interessenten, die bisher nicht öffentlich bekannt wurden, sind eher unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen.

Zwei der tschechischen Interessenten haben bereits Erfahrung mit dem deutschen Braunkohlegeschäft. CEZ war eine Weile zusammen mit EPH Eigentümer der Mitteldeutschen Mibrag. Seit 2012 gehört das mitteldeutsche Revier EPH alleine. Beide Konzerne sind selbst relativ früh mit ihrem Kaufinteresse für das Lausitzer Revier in die Öffentlichkeit gegangen. In der erzeugten Strommenge liegt EPH nach eigenen Angaben mit CEZ etwa gleichauf. Und beide haben Interesse an den mit angebotenen Wasserkraftwerken signalisiert.

CEZ

Ceské energetické závody, s. p.

CEZ ist ein mehrheitlich in tschechischem Staatsbesitz befindlicher, börsennotierter Energiekonzern, der bisher mit mehr als 27 000 Mitarbeitern in Mittel- und Osteuropa tätig ist. Neben dem Betrieb von konventionellen Kraftwerken, darunter auch Braunkohleanlagen, ist CEZ zunehmend auch im Bereich Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen unterwegs. Der Konzern ist in Deutschland an den Unternehmen Sonnenbatterie und Sunfire beteiligt.

Der stattliche Konzern CEZ verweist auf seinen geringen Verschuldungsgrad. Deshalb sei es kein Problem, sich das Geld für den Braunkohlekauf in der Lausitz zu leihen. Vorstandschef Daniel Benes bezeichnete vor wenigen Tagen gegenüber dem "Handelsblatt" Deutschland als "strategisch wichtigen Markt", in den verstärkt investiert werden soll. CEZ gehört zu den zehn größten Energieversorgern in der EU und will offenbar weiter wachsen. Gegenüber dem "Handelsblatt" forderte Benes dringend notwendige Entscheidungen der deutschen Politik über die Rahmenbedingungen für den weiteren Umgang mit den deutschen Braunkohlekraftwerken. Es müsse einen verlässlichen und transparenten Fahrplan für den Betrieb von Kohlekraftwerken geben und eine klare Perspektive bis 2035, besser noch bis 2040.

Ähnliche Forderungen erhebt auch Daniel Kretinsky Chef der EPH, dem zweit größten tschechischen Energieunternehmen und wichtigem Mitbewerber für das Lausitzer Revier. Für beide Konzerne scheint diese Frage der entscheidende Punkt für eine Investition in der Lausitz zu sein.

EPH

Energetický a Prùmyslový Holding

Das rein private, nicht börsennotierte tschechische Energieunternehmen ist mit rund 12 000 Mitarbeitern in sieben EU-Ländern tätig. Dazu zählen neben der Tschechischen Republik die Slowakei, Polen, Deutschland, Ungarn, Italien und Großbritannien. EPH ist der Hauptspediteur von Erdgas aus Russland in die EU.

An der Spitze von EPH steht der Jurist Daniel Kretinsky, dem 37 Prozent des Konzerns gehören. Der bezeichnete das Interesse an der Lausitzer Kohle vor einiger Zeit als "groß, aber nicht bedingungslos". Für die Einkaufspläne in der Lausitz arbeitet EPH mit einem tschechischen Finanzinvestor, der PPF-Gruppe, zusammen. Beide kooperieren seit vielen Jahren miteinander. EPH weist Spekulationen zurück, bei seinem Kaufinteresse auch Kohletransporte aus der Lausitz in Richtung Tschechien im Blick zu haben.

Czech Coal:

Czech Coal ist der kleinste der drei tschechischen Bewerber. Das Braunkohleunternehmen gehört seit zehn Jahren einem tschechischen Oligarchen. Der soll in der Privatisierungsphase nach 1990 durch fragwürdige Geschäfte zu Reichtum gekommen sein.

Steag

Steinkohle-Elektrizität AG

Der deutsche Energiekonzern betreibt im In- und Ausland Steinkohlekraftwerke und Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. In Deutschland betreibt die Steag Stromerzeugungsanlagen mit rund 8200 Megawatt (MW) installierter Leistung. Das ist ebenso viel Kapazität, wie Vattenfall jetzt zum Kauf anbietet. Als Bewerber für das Lausitzer Revier soll die Steag sich mit einem australischen Unternehmen zusammengetan haben.

Die Steag gehört seit September 2014 einer kommunalen Beteiligungsgesellschaft. Dahinter stehen sechs Kommunen aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet. Das könnte zum Problem werden, denn drei Kommunen haben Stadtratsbeschlüsse gegen den geplanten Vattenfall-Kauf gefasst. Sie haben im Aufsichtsrat des Konzerns jedoch keine Mehrheit. Wie sich die anderen Kommunen verhalten, ist noch offen.

Steag-Aufsichtsratschef, Guntram Pehlke, ist der Auffassung, dass der Erwerb von Beteiligungen nicht der Zustimmung durch die Räte bedarf. Der grüne Umweltminister von NRW kündigte an, ein verbindliches Kaufangebot der Steag an Vattenfall kommunalrechtlich prüfen zu lassen.

Viel wird über einen möglichen Kaufpreis für die Lausitzer Braunkohlewirtschaft spekuliert. Der hängt jedoch von sehr vielen Faktoren ab. Neben der geforderten politischen Klarheit über die Zukunft der Branche spielt der sinkende Strompreis eine Rolle. Daraus resultiert, wie viel Geld mit Braunkohlestrom noch zu verdienen ist.

Einfluss haben aber auch Rückstellungen für Rekultivierung und Pensionsansprüche. Diese könnten verrechnet werden. In seinen Bilanzen hat Vattenfall die Braunkohleaktivitäten schon um 1,6 Milliarden Euro abgewertet. Auch ein Verkauf zu einem eher symbolischen Preis wäre für Vattenfall keine Katastrophe. 2001 hatten die Schweden das Revier für 1,5 Milliarden Euro erworben. In den Folgejahren wurden sieben Milliarden Euro Gewinn nach Stockholm überwiesen.

Zum Thema:
Angeboten wurden die Braunkohlentagebaue Jänsch-walde, Welzow-Süd, Nochten und Reichwalde. Für die ersten drei sind die genehmigten Kohlefelder voraussichtlich in zehn Jahren ausgekohlt. Der Kohlevorrat in Reichwalde lässt eine Förderung bis etwa 2045 zu.Zum Verkaufspaket gehören die Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg sowie einer von zwei Blöcken im sächsischen Lippendorf, mit zusammen über 8000 Megawatt (MW) installierter Leistung.Vattenfall bietet auch seine in Deutschland betriebenen Wasserkraftanlagen mit rund 3000 Megawatt installierter Leistung an. Dazu gehören Laufwasserkraftwerke und Pumpspeicherwerke überwiegend in Ostdeutschland.