Den Kirchen in der Lausitz kommen immer mehr Mitglieder abhanden. Seit sich die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg und die Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz 2004 zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Ekbo) zusammenschlossen, haben die Protestanten fast 200 000 Gemeindeglieder verloren. Das entspricht etwa einem Fünftel des gesamten Mitgliederbestands: Derzeit gehören der Ekbo nur noch rund eine Million Menschen an.

Der katholischen Kirche geht es nicht viel besser: Das kleine Lausitzbistum Görlitz schrumpfte nach Angaben der katholischen Deutschen Bischofskonferenz von 35 000 Mitgliedern im Jahr 2004 auf nur noch 28 000 im vergangenen Jahr. Schuld ist daran in erster Linie die Demografie: Schon seit vielen Jahren werden mehr Menschen kirchlich bestattet als getauft. Die Gemeinden sind überaltert. Die Christen sterben weg. Die Geburtenraten sind niedriger als früher - und von den Jugendlichen, die in der Lausitz leben, zieht es nur wenige in die Kirchen.

"In den Dörfern endet die Jugendarbeit in der Regel, wenn die Menschen 18 sind", sagt der Superintendent des Kirchenkreises Niederlausitz, Thomas Köhler, der LAUSITZER RUNDSCHAU. Danach gehe es für viele Jugendliche zum Studium oder auf Jobsuche. "Der Wegzug engagierter junger Menschen ist für unsere Lausitzer Gemeinden immer noch das größte Problem." Dazu kämen Austritte. Etwa wegen der Kirchensteuer: "Wir haben jedes Jahr einige Menschen, die austreten, weil sie das erste Mal Kirchensteuer bezahlen müssen", sagt Köhler. Doch bei den Austritten hat sich etwas verändert: Auch Rentner, die keine Kirchensteuer zahlen müssen, treten aus der Kirche aus. "Das ist eine neue Entwicklung", sagt Köhler.

Schuld trägt einerseits das Fehlverhalten kirchlicher Würdenträger: Nach den Skandalen um den sexuellen Missbrauch sowie die Luxusresidenz des katholischen Bischofs von Limburg, Franz-Peter Tebartz van Elst, spürte auch die evangelische Kirche bundesweit steigende Austrittszahlen. Dazu aber kommt andererseits eine Neuregelung beim Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalerträge: Neuerdings führen die Banken diese Steuer direkt ans Finanzamt ab - bis dahin musste jedes steuerpflichtige Kirchenmitglied die Einkünfte in seiner Steuererklärung angeben. Weil die Banken alle Kunden in einem Brief über das neue Verfahren informierten und nach ihrer Konfession fragten, die Kirchen aber schwiegen, gab es Verunsicherung. "Wir hatten Anrufe von Menschen, die gar nicht in der Kirche waren, aber wissen wollten, wie man austritt", sagt Köhler der RUNDSCHAU. Die Zahl der Austritte im Kirchenkreis sei zeitweise um 50 Prozent gestiegen.

"Das Thema hat zahlreiche Menschen dazu bewogen, aus den Kirchen auszutreten", bestätigt Landesbischof Markus Dröge der RUNDSCHAU. "Die Kirchensteuer wurde nicht erhöht, niemand wurde stärker belastet." Doch auch in Cottbus sind die Folgen spürbar. "Wir hatten im ersten Quartal des Jahres so viele Austritte wie sonst in einem Jahr - im Sommer war es dann wieder normal", sagt die Cottbuser Superintendentin Ulrike Menzel der RUNDSCHAU. Vor allem die Großstadt Cottbus sei betroffen: "Die kleinen Dorfgemeinden, wo jeder jeden kennt, sind eher stabil."

Doch die Christen in der Region lassen sich von den schlechten Zahlen auch nicht entmutigen. "Wir haben unser Angebot der Erlebniskirche mit Erzählgottesdiensten und Ausflügen für die ganze Familie, was sehr gut nachgefragt wird", sagt Ulrike Menzel. "Die evangelischen Schulen in der Lausitz freuen sich über hohe Anmeldezahlen, und in dieser Woche starten wir die Krankenhausseelsorge im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum neu."

Ähnlich formuliert es Landesbischof Markus Dröge: "Wir wollen auf die veränderten Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen reagieren." Bei einem Zukunftskongress im September in Berlin beschloss die Ekbo etwa, ihre Bildungsangebote zu stärken und die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie zu verstärken. Doch stoppt so etwas die Austrittswelle? Und wird die Kirche dadurch auch für junge Menschen wieder attraktiv? Am Ende wird wohl gelten, was ein Berliner Theologe einst so formulierte: "Die Menschen haben die Kirche in Scharen verlassen - doch nur als Einzelne kommen sie zurück."

Zum Thema:
Der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Ekbo) gehörten im Jahr 2013 noch 1 061 000 Mitglieder an. Dabei verzeichnete die evangelische Landeskirche in Berlin, Brandenburg und Ostsachsen 9892 Kirchenaustritte und 12 060 Bestattungen, während 7130 Menschen getauft wurden und 1318 früher getaufte Menschen in die evangelische Kirche eintraten: Sie waren entweder früher einmal aus ihr ausgetreten oder wechselten die Konfession. Das katholische Bistum Görlitz verzeichnete im Jahr 2013 insgesamt 202 Taufen, denen 240 Bestattungen gegenüberstanden. Zudem gab es sieben Eintritte und fünf Wiederaufnahmen, denen 161 Kirchenaustritte gegenüberstanden.