Zu beobachten ist das unter anderem in der Katzennothilfe Hoyerswerda (Kreis Bautzen).

Christina Koch hat heute morgen wieder eine Katze verloren. „Ein Kater“ , erzählt sie bekümmert in dem kleinen Büro in einem der zwei Flachbauten der Katzennothilfe im Industriegebiet von Hoyerswerda. Am Abend zuvor, nahe der Eisdiele in der Altstadt, sei er angefahren worden. Ein Pärchen hat das Tier zur Katzenhilfe gebracht. „Er konnte nicht mehr laufen“ , erzählt Christina Koch, „und hatte einen Schock. Unsere Tierärztin hat auf die Schnelle einen Kieferbruch festgestellt.“ Heute Vormittag sollte der Kater genauer untersucht werden. Aber früh am Morgen verlor das Tier Temperatur und fing an, erst gepresst zu atmen, dann atmete es gar nicht mehr. „Er war wohl innerlich schwer verletzt.“

Behandlung abgelehnt

An diesem Dienstag hat auch Christina Kochs Kollegin Heike Spieler Dienst in der Katzennothilfe. Die 38-Jährige hat erst Anfang August miterleben müssen, wie ein Kater im Behandlungsraum des Heims gestorben ist. „Die Frau, die ihn uns gebracht hat, war völlig fertig“ , erinnert sie sich. Sie hatte das schwer verletzte Tier im Auto aus dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis nach Hoyerswerda gebracht. Mit Abschürfungen am Kopf und einer tiefen Risswunde auf der Schulter hatte sie den Kater sonntags in ihrem Garten liegen sehen. Vergeblich versuchte sie einen Tierarzt zu erreichen, während in der Wunde schon die Maden krochen. Der einzig erreichbare Arzt aber lehnte die Behandlung ab. Erst sei mit dem Ordnungsamt die Kostenfrage zu klären.

Christina Koch und Heike Spieler haben nicht viel Zeit, über den Tod der Tiere nachzudenken, über die zunehmende Brutalität und Rücksichtslosigkeit vieler Menschen, die Katzen misshandeln, die sie anfahren, ohne sich dann um sie zu kümmern, oder die sie aussetzen. Nur zwei Stunden nach dem Trauerfall klopft ein junger Mann an die Tür der Nothilfe. Auf dem Arm einen Schuhkarton, darin fünf Katzenbabys. Der Mann wollte zur Arbeit fahren und hatte den Karton unter seinem Auto gerade noch rechtzeitig bemerkt. „Unsere Tierärztin hat die Kleinen erstmal zu sich genommen“ , sagt die Hoyerswerdaerin. „Wir haben 280 Katzen hier.“ Platz sei eigentlich nur für 250. Es könnten nur noch Notfälle angenommen werden.

Vermittlung in „gute Hände“

In Christina Kochs Büro hängt ein Katzenkalender. Die Wände sind gespickt mit Dienstplänen und Katzenfotos. „Wir vermitteln nur in gute Hände“ , sagt die kräftige Chefin von sechs Ehrenamtlichen und mehreren Ein-Euro-Jobbern. Jedes Jahr rund 100. Christina Koch zeigt Fotos ehemaliger Tiere in ihrem neuen Zuhause. Mampfi aus Freienhufen (Oberspreewald-Lausitz) und Mikesch aus Weißwasser (Kreis Görlitz), der in einem Dorfgehöft kurz vor der Abbaggerung gefunden wurde. Trotzdem komme das Heim nicht runter von seinen mindestens 250 Katzen. Wer nach einem Umzug oder einem Sterbefall zurück bleibe, ist eben oft die Katze. Der demografische Wandel treffe auch sie. „Wir finden sie dann ausgesetzt in der Kleingartenanlage oder vor unserer Tür.“ Bestenfalls.

Das Telefon klingelt. Den Hörer am Ohr verfinstert sich das Gesicht Christina Kochs. „Aber es ist doch nicht gesagt, dass auch die neue Katze Krebs hat.“ Sie hört weiter zu. „Gern, danke, . . ., ja Tschüss.“ Dem Anrufer ist seine Katze an Krebs gestorben, erzählt die Heim-Chefin. Jetzt biete er die Hinterlassenschaften an, Korb, Katzenbaum, Decken. Christina Koch hätte ihm gern ein neues Tier vermittelt. „Er will das aber nicht noch mal durchmachen, eine Katze sterben zu sehen.“

Als Christina Koch auf den Flur hinaustritt, stößt sie auf Kollegin Heike Spieler und einen Herrn Mitte 60 mit einem Korb in der Hand. „Ich lasse ihnen 25 Euro hier“ , sagt er. Wie ein Kind, das etwas angestellt hat, erklärt der Rentner einer streng schauenden Christina Koch: „Wir hatten ja einen Abnehmer für die Katze, aber der ist uns abgesprungen.“ So bleibt das verschüchtert aus dem Korbgeflecht blickende Wesen im Heim. „25 Euro“ , sagt Christina Koch und schüttelt den Kopf, „allein das Kastrieren kostet mehr als doppelt so viel.“ Hinzu käme: „Es wird immer weniger gespendet.“

In der nächsten größeren Lausitz-Stadt ist die Situation ähnlich unerfreulich. Die Cottbuser Amtstierärztin Ingrid Schütze bestätigt auch für Cottbus eine „dramatisch gestiegene Zahl an gefundenen Katzen“ . Fast 300 musste das Cottbuser Tierheim im vergangenen Jahr aufnehmen. In Cottbus sinke zwar die Zahl der Einwohner, nicht aber die der ausgesetzten Katzen und Hunde. Die Menschen, vermutet Ingrid Schütze, lebten offenbar vereinzelter als früher, kümmerten sich weniger umeinander und um des Nachbarn Haustier.

Diesen „sozialen Faktor“ betont auch die Vorsitzende des Lan des tier schutzverbandes in Brandenburg, Renate Seidel: „Die finanziellen Einschnitte nach Hartz IV bekommen auch die Tiere zu spüren.“ Viele Menschen sparten an ihren Katzen, ließen sie nicht kas trieren oder setzten sie aus, weil sie die Aufnahmegebühr der Tierheime nicht zahlen wollen. So gebe es in Deutschland seit zwei Jahren deutlich mehr frei laufende Katzen. Damit einher gehe eine wachsende Zahl misshandelter Kleintiere, sagt Renate Seidel.

Christina Koch aus Hoyerswerda kennt mehr von ihnen als ihr lieb ist. Sie geht durch die Gehege der Nothilfe. Katzen blicken auf. Getigerte, rote, schwarz-weiße. Schnurrend streichen sie ihr um die Beine. Fauchen sich auch schon mal eifersüchtig an beim Buhlen um die selten gewordene menschliche Zuwendung. „Sie sind so schön“ , schwärmt die Hoyerswerdaerin. Auch wenn sie Spuren der Misshandlung tragen. Christina Koch zeigt auf die blinde Omi aus Bernsdorf (Bautzen), die jemand in eine Schafherde geworfen hat, auf den dreibeinigen Kasimir, die einohrige Betsy. „Chris haben sie richtig den Schädel zertrümmert.“

Auf dem Land entspannter

Einen brutaleren Umgang mit Katzen beobachten auch andere Tierheimleiter. Helga Druschke aus Langengrassau (Dahme-Spreewald) glaubt, dass „es heute mehr unzufriedene Menschen gibt, die ihren Frust an den Tieren auslassen“ . Sie und ihre Kolleginnen müssen sich heute um mehr Katzen kümmern als noch in den vergangenen Jahren. Um die 50 sind es. Und viele von ihnen tragen Spuren von Misshandlungen.

Etwas entspannter scheint die Situation auf dem Land zu sein. Im Katzen-Not-Asyl in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) hält sich das Elend in Grenzen. Gudrun Rimpel lebt hier seit 2002 mit 35 bis 40 aufgenommenen Tieren wie in einer großen Familie zusammen. Auf dem Bauernhof mit dem angrenzenden Park laufen die samtpfötigen Asylanten frei herum. Dieses Jahr, sagt Gudrun Rimpel, habe sie noch keine misshandelte Katze aufnehmen müssen. Die Zahl ausgesetzter Tiere sei seit Jahren konstant. Längst kenne sie die Orte, an denen im Frühjahr und im Herbst ausgesetzter Katzennachwuchs mauzend auf sich aufmerksam macht. „Gerade für junge Katzen finde ich aber immer Abnehmer.“
Schwieriger wird das für die Alten und Versehrten. Belmondo in der Katzennothilfe Hoyerswerda ist so einer. Er hat nur noch drei Beine. Christina Koch streicht ihm durchs Fell. „Er ist einer der Liebsten bei uns.“ Gern würde sie ihn selbst zu sich nach Hause nehmen – wenn dort nicht schon sechs Katzen wären.

Tierarzt beruft sich auf Gesetzeslage
  Der im Artikel genannte Tierarzt aus dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis , der einer Frau Hilfe für eine schwer verletzte Katze versagt hatte, beruft sich auf RUNDSCHAU-Nachfrage auf gesetzliche Bestimmungen. Die Frau sei nicht Besitzerin der Katze gewesen. In einem solchen Fall müsse das Ordnungsamt der Behandlung zustimmen. Ersatzweise, weil sonntags im Ordnungsamt niemand erreichbar ist, hätte die Frau die Polizei alarmieren können. „Hätte die dann mich angerufen – ich wäre gekommen“ , beteuert er. Der Arzt habe sich bereits einmal einen Eingriff in Eigentumsrechte vorwerfen und rechtliche Schritte androhen lassen müssen, als er ohne Einwilligung des Besitzers einen verletzten Hund behandelt hatte. Viele Tierärzte treffen für solche Situationen stille Absprachen mit den örtlichen Ordnungsämtern, die ihnen die Behandlung verletzter Tieren ohne bekannten Besitzer nachträglich bewilligen. Für die Frau, die den Arzt um Hilfe bat, bleibt sein Verhalten unverständlich: „Ich denke, dass ein Tierarzt, dessen Grundmotiv sein sollte, den Tieren zu helfen und nicht das Bargeld zu zählen, das ihm eine Behandlung einbringt, hier hätte handeln müssen.“