Deutschlands beliebtestes und erfolgreichstes Glücksspiel war geboren. Nur ein Vierteljahr nach diesem West-Auftakt zog die DDR mit dem „Sportfest-Toto 6 aus 49“ nach. Bis heute ist die Spielfreude auch in der Lausitz und der Elbe-Elster-Region ungebrochen. Woche für Woche geht der 78-jährige Gustav Schubert aus Cottbus in die Lotto-Annahmestelle und spielt seine drei Tipps. Die „7“ ist immer unter den angekreuzten Zahlen. „Die Sieben ist noch nie allein geblieben“ , begründet der Rentner dieses Stückchen Aberglauben. Einen ausgefüllten Tippschein hat Irene Jankowski diese Woche gekauft. „Für den Enkelsohn“ , sagt die Cottbuserin. „Hoffentlich bringt's Glück zu seinem ersten Geburtstag“ , wünscht sich die 47 Jahre alte Omi. Ansonsten spielt sie nur ab und zu mal, „wenn viel Geld im Jackpot ist“ .

Gewinner gesucht
Der Traum vom Glück beseelt immer mehr Menschen in der Region. Setzte die Land Brandenburg Lotto GmbH (LBL) 1991, im Jahr ihrer Gründung, gerade mal knapp sechs Millionen Euro um, so waren es 2004 rund 234 Millionen Euro. Woche für Woche werden in der Mark 670 000 Tippscheine abgegeben. Dabei sind die Menschen in der Lausitz und dem Elbe-Elster-Land häufiger auf der Jagd nach dem Gewinn als die im Norden des Landes.
Ab und an gelingen bemerkenswerte Treffer. Immerhin hat Lotto in der Region Dahme-Spreewald, Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße in den vergangenen 15 Jahren 20 Spieler zu DM- beziehungsweise Euro-Millionären gemacht. Das sind ein Drittel der Lotto-Millionäre zwischen Prignitz, Uckermark und Elbe-Elster. In Sachsen kreuzten 92 Tipper die richtigen Zahlen an, die Millionen bedeuteten. Drei „traf“ es in Hoyerswerda, einen im Niederschlesischen Oberlausitzkreis. Den Vogel schoss dabei im Februar 2001 ein Hoyerswerdaer ab, der im Mittwoch-Lotto über 10,3 Millionen Mark gewann. Das ist der vierthöchste Gewinn, der nach der Wende im Sächsischen ausgeschüttet wurde.
Und was machen die Glücklichen mit ihrem Reichtum aus dem heiteren Lotterie-Himmel? „Auf Wunsch beraten wir die Großgewinner, wie sie mit ihrem Geld sinnvoll umgehen können“ , sagt Kristin Lehmann von der Brandenburger Lotto GmbH. Die meisten erfüllen sich zunächst den Wunsch nach einem eigenen Haus, erzählt Lotto-Frau Lehmann. Altersvorsorge und die Ausbildung der Kinder folgen auf der Hitliste der Geldanlage.
Bei dem einen oder anderen Spieler scheint allerdings schon das Ankreuzen der Zahlen soviel Adrenalin zu erzeugen, dass er sich fürs Gewinnen nicht mehr interessiert. So wird seit dem 6. August 2005 ein Spielteilnehmer vermisst, der auf seinen Schein im Spiel 77 immerhin 70 000 Euro einlösen könnte. Obwohl die Lotterie inzwischen auch über das Internet angeboten wird, geht die Mehrzahl der Tipper noch immer lieber in die Annahmestellen. Das Netz ist dicht. In Brandenburg werden an knapp 800 Orten, in Supermärkten, Zeitungsläden, Tankstellen, die „Baugenehmigungen für Luftschlösser“ , wie Lottoscheine auch genannt werden, angeboten. In Sachsen sind es 1330. Im Freistaat kommt auf 3400 Einwohner eine Verkaufsstelle.

Staatliche Domäne
Lotto ist eine staatliche Domäne. Mit dem Glücksspiel, das hatte schon Preußenkönig Friedrich II. erkannt, lässt sich gutes Geld verdienen. Am 8. Februar 1763 unterzeichnete er deshalb das „Patent, eine Königlich Preußische Lotterie betreffend“ . Die Zahlenlotterie 5 aus 90 war geboren. Um die Wohltätigkeit seines Lottos herauszustellen, liebäugelte der König mit den Jungfern seines Reiches. Jede der 90 Zahlen war mit dem Namen eines unverheirateten jungen Mädchens verbunden. Fiel die Nummer, erhielt die Auserwählte eine Aussteuer von 50 Talern. Andere, und viel größere Gewinne soll Friedrich II. allerdings in seine Armee und in den Bau des Neuen Palais' in Potsdam gesteckt haben, wie es in einer Broschüre der LBL über die Geschichte des Zahlenlottos heißt.
Gutes zu tun, haben sich natürlich auch die im Deutschen Lotto- und Totoblock zusammengeschlossenen Landes-Lotterie-Unternehmen auf die Fahnen geschrieben.
Vor allem Sport, Kultur und soziale Verbände haben davon ihren Nutzen. Jüngst erhielt die Spremberger Wasserwacht 14 000 Euro für den Kauf eines Vereinsbusses. Fast 180 000 Euro Lottomittel stecken in der Sanierung der Stadtpfarrkirche St. Nikolai in Luckau. Ein Glückslos zog auch der Tierschutzverein Cottbus, der für den Bau eines Tierheimes knapp 64 000 Euro erhielt.
Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber dem westlichen Zahlenlotto oder Fußball-Toto konnten auch die DDR-Oberen dem Zahlenspiel als gute Einnahmequelle nicht widerstehen. Im März 1954 wurde der Volkseigene Betrieb (VEB) Zahlen-Lotto Leipzig gegründet.
Wie überall, so tobte der Klassenkampf auch auf dem Lotterie-Feld. So schüttete die VEB-Glücksfirma mit 60 Prozent der Einnahmen zehn Prozent mehr an die Spieler aus als das Lotto im Westen. Dem Anfang 1956 nach BRD-Muster eingeführten „Sportfesttoto 6 aus 49“ folgte 1963 die eigene Variante „5 aus 45“ . Dagegen hatten andere Spielarten wie die sächsische Landes- oder die Berliner Bärenlotterie sowie das 5 aus 90 dann keine Chance mehr.
Erst recht nicht, als ab Januar 1972 mit „Tele-Lotto 5 aus 35“ Geschichte geschrieben wurde. Jeden Sonntag zwischen Sandmann und Aktueller Kamera hockte die DDR vor dem Fernseher, nicht, um den ZDF- „heute“ -Nachrichten zu lauschen, sondern, um die Ziehung zu sehen.

Legendäre „19“
Ob sich die Macher des Tele-Lottos an die Preußische Königserfindung von 1763 mit den „Jungfern-Namen“ hinter den Zahlen erinnerten, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall hatten aber auch sie hinter jeder der 35 Ziffern etwas versteckt: einen Filmbeitrag.
Bestimmte Zahlen erlangten durch „Tele-Lotto“ ungeahnte Popularität. Die „19“ beispielsweise fehlte auf kaum einen Tippschein, bedeutete ihre Ziehung doch stets, dass umgehend ein eigens für Tele-Lotto produzierter Kurzkrimi von vier bis sechs Minuten Länge über die Mattscheibe flimmerte. Aber auch der „Freche Zeichenstift“ (10) oder die „Heiteren Verse“ (13) waren beliebt.
Übrigens: Zahlen aus der Vorwoche wurden beim Tele-Lotto nie verlesen, wie das Ende Juli dieses Jahres dem ZDF passierte. Das war, anders als beim Lotto, kein Zufall, schließlich mussten die Bänder der jeweils am Sonntagvormittag aufgezeichneten „Live“ -Sendung aus Sparsamkeits- und Verwechslungsgründen stets bis Mittwoch der folgenden Woche gelöscht sein.

Hintergrund Millionen Euro für das Staatssäckel
  50 Prozent der Einsätze bei 6 aus 49 werden an die Gewinner ausgeschüttet. Von jedem Euro Spieleinsatz müssen 16,7 Cent als Lotteriesteuer und 20 Cent als Konzessionsabgabe abgeführt werden.
In Sachsen flossen seit 1990 1,2 Milliarden Euro über Konzessionsabgabe und Lotteriesteuer in den Haushalt des Freistaates.
Brandenburg kassierte allein im vergangenen Jahr 46 Millionen Euro Konzessionsabgabe, mit der Projekte gefördert werden, und 40 Millionen Euro Lotteriesteuer.
Mit 63 Prozent ist Lotto 6 aus 49 am Mittwoch und Samstag beliebteste Spielart in Brandenburg. Wöchentlich wurden 2004 knapp 1,05 Millionen Euro als Gewinne ausgeschüttet.
Mit 18 500 Spielaufträgen für 6 aus 49 je Woche haben die Tipper im Oberspreewald-Lausitz-Kreis die Nase vorn, gefolgt von denen in den Kreisen Dahme-Spreewald und Spree-Neiße (16 000), Cottbus (15 000) und Elbe-Elster (13 800).
Am häufigsten gezogene Gewinnzahlen sind in der Reihenfolge 32, 38, 49, 26, 48, 27.
Am seltensten als Gewinnzahlen gezogen wurden bereits nacheinander die 13, 45, 28, 8, 16, 34.