Mit einem Wurm haben Unbekannte in dieser Woche die Computer des Organisationskomitees zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland lahm gelegt.
Die Motive sind unklar. Gefährlich sind diese Würmer allemal, weiß Kriminalobermeister Rüdiger Schulz (42) vom Polizeischutzbereich Cottbus und Spree-Neiße. Er ist Spezialist für die Bekämpfung der Internetkriminalität und kennt sich mit den gefährlichen elektronischen Viren aus. „Es ist eine beliebte Methode, damit die Sicherheitsprogramme der Computer außer Kraft zu setzen und an wichtige Daten zu kommen“ , erklärt Schulz. Immer wieder werden dazu aktuelle Anlässe - wie eben der Ticket-Verkauf zum Weltspektakel im Fußball - aber auch tragische Ereignisse wie die Tsunami-Katastrophe in Asien genutzt. „Mit den illegal erworbenen Angaben beispielsweise zu Bankverbindungen wird dann abgezockt“ , so der Kriminalist.
Schwerpunkt sind dabei Online-Auktionen. Die Entwicklung ist dramatisch. Allein im Zusammenhang mit dem elektronischen Handel im Internet gab es im vergangenen Jahr in Brandenburg über 3800 Anzeigen. Im Jahre 2001 waren es nur 110. Im Freistaat Sachsen stieg die Anzahl der registrierten Straftaten in den Jahren 2000 bis 2003 auf fast das Fünffache. Im Jahr 2000 wurde das World Wide Web in 1100 registrierten Fällen für kriminelle Geschäfte missbraucht. Im Jahre 2003 gab es 5300 Fälle. Der Anteil der Betrugsdelikte im Online-Verkehr erhöhte sich von rund 50 Prozent auf knapp 90 Prozent.

Negativer Trend hält an
Diese negative Entwicklung bei der rechtswidrigen Nutzung moderner Informations- und Kommunikationsmittel hielt im Freistaat nach Polizeiangaben auch im vergangenen Jahr an. In den Bereichen Waren- und Kreditbetrug, Computerkriminalität, Missbrauch von Scheck- und Kreditkarten gab es einen Anstieg von 35 bis über 50 Prozent.
Immer wieder nutzen Betrüger dabei die Auktionsplattform von eBay im Internet. In Brandenburg standen 90 Prozent aller Betrügereien im weltweiten elektronischen Netz im Zusammenhang mit dem virtuellen Warenhaus. Allerdings, darauf verweist eBay-Sprecherin Maike Fuest, hat sich in den zurückliegenden Jahren das Handelsvolumen in Deutschland von 63 Millionen US-Dollar im dritten Quartal 2001 auf 1,7 Milliarden im dritten Quartal vergangenen Jahres erhöht. Im genannten Zeitraum wuchs die Anzahl der Nutzer von 2,7 Millionen auf 15,7 Millionen. „Die Mehrzahl der Transaktionen läuft korrekt ab“ , sagt Maike Fuest. Über 100 Mitarbeiter beschäftigen sich nach Auskunft der eBay-Sprecherin allein mit Sicherheitsfragen. Im Interesse der Mitglieder unterstütze das Handelshaus auch Strafverfolgungs- und Aufsichtsbehörden, um den Online-Marktplatz zu schützen.
Die engere Kooperation bestätigt auch der Cottbuser Kriminalist Rüdiger Schulz. Inzwischen könne die Polizei bei einer Anzeige sofort Auskunft bei dem Auktionshaus anfordern. Früher war das nur über die Staatsanwaltschaft möglich. Der Cottbuser Internet-Polizist wünscht sich allerdings eine kürzere Bearbeitungszeit, die teilweise bei 40 Tagen liege. „In der Zeit kann noch viel Schaden angerichtet werden.“
Kürzlich gelang den Kripo-Experten aus Cottbus gemeinsam mit Polizeidienststellen in Lübeck und Heidelberg sowie mit der Firma eBay ein bemerkenswerter Fahndungserfolg. Zwei mutmaßliche Täter hatten zwischen Oktober 2004 und März 2005 in mindestens 140 Fällen über 45 000 Euro erschlichen (die RUNDSCHAU berichtete). Einer der Täter hatte unter falschen Personalien fünf Accounts bei eBay eröffnet. Unter diesen Adressen wurden Computer, Notebooks sowie Wertgutscheine ersteigert. Bezahlt wurde mit gefälschten Überweisungen von Konten unbeteiligter Personen. Die Daten waren zuvor von Homepages mehrerer Firmen sowie von weggeworfenen Überweisungsformularen in Banken „abgeschöpft“ worden. Die Waren ließ sich einer der beiden Männer an „tote Briefkästen“ in Cottbus schicken. Dazu wurden Postwurffächer von leer stehenden Wohnungen sowie dazugehörige Klingelschilder beschriftet. Um eine Rückverfolgung zu erschweren, nutzten die mutmaßlichen Betrüger nach Polizeiangaben öffentliche Einrichtungen mit Computeranschlüssen wie die Stadtbibliothek und Internetcafés.

Schwierige Ermittlungen
Die Ermittlungen im elektronischen Netz erfordern viel Zeit. „Es wird eben viel mit Daten und Zahlen hantiert. Man weiß nicht, wer einem gegenübersitzt“ , schildert Kriminalobermeister Schulz die Schwierigkeiten. Und selbst wenn Telefonanschluss und Rechner bekannt geworden sind, ist der Beweis für kriminelles Handeln noch längst nicht erbracht. „Der Inhaber von Telefon und Computer muss ja im konkreten Fall gar nicht der Nutzer gewesen sein.“ Vor allem bei Rechnern, zu denen viele unterschiedliche Personen Zugang hätten sei, die Aufklärung kompliziert, so Schulz.
Trotz des enormen Anstiegs der Anzeigen gehen die Experten von einem großen Dunkelfeld aus beim Ausspähen von personenbezogenen Daten, bei Urheberrechtsverletzungen, dem Herunterladen und Verbreiten von Computersoftware oder Musik. „Was wir wirklich aufklären, kann man unter minimal verbuchen“ , räumt Schulz ein. Die Polizei darf nämlich nur konkreten Anzeigen nachgehen und nicht nach Belieben im Internet nach möglichen Betrügern surfen. Hinzu kommt, dass viele Server irgendwo auf der Welt stehen. Viele kleinere Betrüger im Inland, meist Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren, die ihr Taschengeld mit Internetbetrügereien aufbessern wollen, erwische man schon. „Die wirklich großen Fische schwimmen im Ausland. Die zu bekommen ist schon schwieriger“ , gibt Rüdiger Schulz zu.

Hintergrund Bei Straftatverdacht Daten sichern
  Die Polizei im Land Brandenburg hat allein im vergangenen Jahr 3838 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem elektronischen Warenhandel bearbeitet.
Der Schaden über den am meisten betroffenen Marktplatz der Firma eBay betrug im vergangenen Jahr erstmals mindestens eine Million Euro . Zwischen 2002 und 2003 hatte er sich bereits auf knapp 900 000 Euro vervierfacht.
In Sachsen betrug der Schaden im Jahr 2003 870 000 Euro .
Die meisten Anzeigen im Zusammenhang mit dem Online-Handel sind mit 822 im vergangenen Jahr im Polizeischutzbereich Cottbus und Spree-Neiße eingegangen. Im Jahr 2001 waren es nur elf. In den Schutzbereichen Oberspreewald-Lausitz stiegen die Zahlen im gleichen Zeitraum von drei auf 86, in Elbe-Elster von null auf 68.
In der Lausitz und der Elbe-Elster-Region ermittelt die Polizei eigenständig bei Anzeigen zur Internetkriminalität. In Cottbus ist die Schwerpunktstaatsanwaltschaft des Landes Brandenburg angesiedelt.
Wichtig bei Anzeigen sind Angaben zum Täter wie Mitgliedsname, E-Mail-Adresse und Daten der Bankverbindung. Wichtig ist, Daten zu sichern und nicht zu löschen, selbst wenn auf „peinlichen“ Seiten gesurft wurde.
Das Auktionshaus eBay hat einen extra Link zu einem Sicherheitsportal .