Wenn in diesen Tagen das Smartphone von Sylvia Wähling klingelt, kann es sein, dass der Anruf aus dem Kurdengebiet im Nordirak kommt. Vor wenigen Tagen erst ist sie von dort zurückgekommen. "Ich empfinde es als meine Aufgabe, über die Lage in den Flüchtlingslagern dort zu berichten", beschreibt Wähling ihre persönliche Konsequenz aus dieser Reise.

Sie steht nicht nur an der Spitze des Menschenrechtszentrums (MRZ) in Cottbus, einem ehemaligen Gefängnis, in dem besonders viele politische Häftlinge der DDR eingesperrt wurden. Wähling sitzt auch im Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mit Sitz in Frankfurt/Main. Zusammen organisierten IGMF und MRZ einen Hilfstransport für Menschen in den Flüchtlingslagern um die Stadt Dohuk.

Etwa eine Million Menschen leben in der Stadt selbst, aber ebenso viele noch mal in 22 Lagern in der Umgebung. Kurden aber auch Jesiden und Christen, die vor den Terrortruppen des Islamischen Staates flohen.

Die entwurzelten Menschen werden vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR unterstützt, aber auch von Hilfsorganisationen aus Deutschland und anderen Ländern. Trotzdem sei die Lage der Flüchtlinge sehr schwierig, so Wähling. Jede Form von Hilfe sei willkommen und habe doppelte Wirkung.

Denn je besser es gelänge, den Menschen eine Perspektive dort in der Region zu geben, um so weniger von ihnen werden versuchen, sich auf den Weg nach Europa zu machen, so Sylvia Wähling.

Der 40-Tonnen-Laster, der die Hilfsgüter von MRZ und IGFM nach Dohuk brachte, hatte Kleidung geladen, Medikamente, Gehstöcke, Rollatoren und 40 Rollstühle. Sach- und Geldspenden halfen, die Hilfsgüter zusammenzubringen. Khalil Al Rasho, ein Exiljeside, inzwischen deutscher Staatsbürger und Mitglied im IGFM, reiste dem Transport voraus und bereitete die Verteilung der Hilfsgüter mit der kurdischen Selbstverwaltung der Region vor.

Zu den Begleitern des Transportes, die per Flugzeug anreisten, zählte auch Liv Fünfgeld, Allgemeinmedizinerin und Cottbuser Amtsärztin. Zusammen mit einem Arztehepaar aus Schleswig-Holstein informierte sie sich besonders über die medizinische Versorgung in den Flüchtlingslagern. "Die Kollegen dort leisten hervorragende Arbeit", so Fünfgeld.

Doch um der Masse an Patienten Herr zu werden, könnten nur ernstlich erkrankte Menschen genauer angesehen werden. Auch seien Medikamente knapp und müssten bezahlt werden, für Menschen, die alles verloren hätten, eine hohe Hürde. Operationen und Chemotherapien fänden aus finanziellen Gründen oft nicht statt.

Als besonders problematisch erlebte die Cottbuser Ärztin die Situation von behinderten Kindern und Erwachsenen. Sie bekämen keinerlei Versorgung mit Physio-, Logo- oder Ergotherapie. Rollstühle, Lagerungshilfen oder anderes nötiges Material käme nur über Hilfsorganisationen in die Lager.

Am traurigsten sei für sie die unerschütterliche Hoffnung der Menschen gewesen, dass in Europa, speziell in Deutschland, alle Behinderungen geheilt werden könnten. Sie habe ihnen versucht zu erklären, dass das nicht möglich sei und sie selbst eine behinderte Tochter habe. "Da ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten", sagt die Ärztin.

Neben Engpässen in der medizinischen Versorgung und der Betreuung Behinderter erlebten die Helfer als besonders drängende Probleme den Mangel an Arbeitsmöglichkeiten und Schwierigkeiten, alle Kinder zu unterrichten. Schulen in den Lagern selbst seien zu klein, um alle aufzunehmen, Transportmöglichkeiten zu Schulen benachbarter Dörfer fehlten.

"Deshalb wollen wir jetzt ein oder zwei Busse organisieren, die wir dahin schicken können", stellt Sylvia Wähling neue Pläne für einen weiteren Hilfstransport im Frühjahr vor. Denn Kindern, die nicht unterrichtet würden, drohe ein Leben als Analphabeten. Und Jugendliche ohne Lebensperspektive seien die Ersten, die sich auf den Weg nach Europa machten.

Mit dem ersten Hilfstransport kamen auch fünf Tischnähmaschinen in ein kleines Flüchtlingslager. "Wir wollen dazu Stoffe organisieren und das weiter entwickeln", so Wähling. Frauen könnten damit nicht nur für die eigene Familie Kleidung nähen, vielleicht auch zusammen einen kleinen Laden aufmachen.

Auch Liv Fünfgeld hat Ideen, wie die Unterstützung des kleinen Flüchtlingslagers weitergehen könnte. Vielleicht ließen sich Freiwillige vor Ort finden, denen man Basiswissen über die Pflege von Behinderten und einfache physiotherapeutische Maßnahmen vermitteln könnte, so ihr Plan: "Dann wäre die Hilfe nach unserer Abreise nicht gleich wieder vorüber."

Zum Thema:
Im Norden des Iraks leben über fünf Millionen Menschen in der autonomen Provinz Kurdistan, mit eigenem Parlament und Regierung. Ihre Streitkräfte, die Peschmerga, gelten als wichtige Kämpfer gegen die Terroristen des "Islamischen Staates" (IS).Im August 2014 drangen Kämpfer des IS in das Siedlungsgebiet der religiösen Minderheit der Jesiden im Sidshargebirge ein. Sie töteten und vertrieben Tausende. Etwa 5000 Frauen wurden verschleppt. Ein großer Teil von ihnen befindet sich noch immer in der Gewalt der Extremisten.Am heutigen Freitag um 19 Uhr halten Sylvia Wähling und Liv Fünfgeld im Cottbuser Menschenrechtszentrum einen Vortrag über ihre Hilfsreise in den Nordirak.