Mit Pfiffen und Buhrufen machten sie ihrer Wut und Enttäuschung Luft. Bei der Abschlusskundgebung im Berliner Tempodrom pfiffen sie den Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) lang anhaltend und gnadenlos aus. Hans-Joachim Jurischk lässt Dampf ab. „Ich bin hier, um meinen Frust über die Muppet-Show, die sich Regierung schimpft und uns kaputtmacht, loszuwerden“, wettert der Cottbuser. „Das ganze Elend mit der Politik“ hat auch Jürgen Bresnick aus Groß Kölzig nach Berlin getrieben. Und Erika Lieske, Chefin eines Dachdeckerbetriebs im Elbe-Elster-Kreis, klagt: „Die machen eine falsche Förderpolitik.“

„Jetzt reicht’s“, steht auf Aufklebern, die sie sich alle angeheftet haben. Sie fordern Änderungen beim Kündigungsschutz, ein Aussetzen der Öko-Steuer, den Abbau der Bürokratie, niedrigere Steuern und Sozialabgaben. Und sie stöhnen über den fehlenden Schutz vor zahlungsunwilligen Schuldnern. „Ein Vollstreckungstitel ist in Deutschland nichts mehr wert“, beklagt sich die Cottbuser Ladenbauerin Marianne Spring, die den meisten Handwerkern aus der Region aus dem Herzen spricht. „Das ist doch alles nur noch ein Durchwursteln, keine Wirtschaft mehr“, sagt sie und reiht sich zusammen mit Bauunternehmer Horst Hausmann aus Kahren und dem Cottbuser Kreishandwerks- und Fleischermeister Reinhard Gerber in den hunderte Meter langen Zug der Enttäuschten durch die Berliner Stadtmitte ein.

Pfiffe, Gehupe, Getöse Die Stimmung im Handwerk ist schlecht. Auf dem Gendarmenmarkt wimmelt es vor Handwerkern mit finsteren Gesichtern, die unablässig in ihre Trillerpfeifen blasen. Unterstützt werden sie von einem ohrenbetäubenden Gehupe aus mehreren hundert Firmenwagen, die den Zug begleiten. Schilder mit Sätzen wie „Als das deutsche Handwerk noch blühte, blühte auch Deutschland“, „Handwerk ist Leben – wir wollen leben!“ oder „Keine Aufträge, keine Lehrausbildung“ ragen in die Höhe. Die Cottbuser Bäcker-Innung hat sich selbst ein Spruchband gemalt: „Langsam gehen die Öfen aus.“ Als die Menge am Finanzministerium vorbeizieht, schwillt das Getöse nochmals an. „Eichel raus, geh‘ nach Haus‘“, skandiert das Handwerkervolk. Und immer wieder: „Schröder – jetzt reicht’s!“ Bei der Abschlusskundgebung im bis unter die Kuppel vollbesetzten Tempodrom ruft Handwerkspräsident Dieter Philipp der Menge entgegen: „Die Handwerker wollen keine Ankündigungen mehr hören, wir wollen Taten sehen, die in den Betrieben auch ankommen.“ Tosender Beifall echot zurück.

Bei Philipps Rede tobt die Menge „Der Mittelstand ist doch nicht die Melkkuh der Nation“, wettert Philipp weiter. „Bei kleinen und mittleren Betrieben herrscht der Eindruck, dass die Politik uns überhaupt nicht wahrnimmt. Der Mittelstand geht unter zwischen den Gewerkschaften und den großen Konzernen.“ Erneut brandender Applaus. „731 Stunden gehen in jedem Betrieb im Schnitt im Jahr für Bürokratie drauf. Das grenzt an Freiheitsberaubung“, schimpft Philipp. Die Menge tobt. Als der Bundeswirtschaftsminister die Bühne betritt, wird es noch lauter. Fußgetrampel, schrille Pfiffe, Schmäh- und Buhrufe empfangen ihn. 45 Minuten lang versucht er, gegen Zwischenrufe anzureden. Sorgfältig arbeitet Clement Punkt für Punkt die wirtschaftspolitische Ankündigungsliste der Bundesregierung ab. Er verteidigt sie, geht auf die Argumente der Handwerker ein, versucht, sie zu widerlegen, zu beschwichtigen, wird wütend: „Sie werden mich nicht so einfach los, wie Sie sich das vorstellen.“ Als Clement die Kostenexplosion bei den Sozialversicherungssystemen auf die deutsche Einheit zurückführt, läuft das Fass schließlich über. „Da können Sie sich die Lunge aus dem Hals pusten“, schreit Clement gegen den Lärmpegel an. Dass er Recht habe, „kann doch wohl niemand im Ernst bestreiten“. Besänftigen kann Clement die Handwerker nicht. Nur ein einziges Mal bekommt er verhaltenen Beifall: Da sagt er, dass er immer für den Meisterbrief, die Kammern und die duale Berufsausbildung eingetreten sei. Trotzdem müsse der Zutritt zum Handwerksberuf erleichtert werden.

Enttäuscht vom Superminister Zuvor hatte Handwerkspräsident Philipp noch auf konkrete Zusagen gehofft. Die Demonstranten sind von Superminister Clement enttäuscht. „Der hat doch nur wieder verkündet, dass die Lohnnebenkosten sinken werden, aber ich denke, die Absenkung wird ohnehin zu gering sein“, erklärt Ingolf Rimpel aus Finsterwalde. „Bei derartig gegensätzlichen Positionen kann man doch nicht zufrieden sein“, befindet Bodo Richter aus dem zwischen Luckau und Herzberg gelegenen Proßmarke. Und Tischlermeister Dietmar Winkel aus dem benachbarten Hohenbucko moniert: „Die schlechte Zahlungsmoral war überhaupt kein Thema. Das ist aber doch das, was das Handwerk bei uns an den Rand des Ruins treibt.“