Soeben hat das Cottbuser Amtsgericht Martin U. (24), Architekturstudent an der BTU in Cottbus, zu 300 Euro Geldstrafe verurteilt. Mit zwei Kumpanen hatte er in einer lauen Septembernacht zwischen Cottbus und Peitz die Lärmschutzwand der Deutschen Bahn „verschönt“ - mit drei Graffiti in zweimal drei Metern Größe. Martin U. zeigte sich vor Gericht reuig und geständig, kann aber den ganzen Aufwand nicht verstehen. „Das war doch wirklich keine schöne Wand“ , die er da besprüht habe. Die Deutsche Bahn hätte auf die Anzeige verzichten können, meint er. Die 300 Euro Strafe sind für den jungen Mann eine bittere Pille. Viel schlimmer aber sind die zivilrechtlichen Forderungen, die jetzt auf ihn zukommen. Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Rupieper schätzt die Kosten des Gutachtens, das den Angeklagten ihre Sachbeschädigung nachgewiesen hat, auf mehrere tausend Euro.

Entfernung zu teuer
Fast 200 000 Euro Schaden, schätzt Rupieper, verursachen Sprayer in der Stadt Cottbus jährlich. Am schlimmsten betroffen sind die Wohnungsunternehmen und der Verkehrsbetrieb CottbusVerkehr. Die Stadtverwaltung lässt die meisten Graffiti an der Stadtmauer nicht mehr entfernen, weil das zu teuer wäre, so Ramona Sibrover, Sachbearbeiterin Prävention. Nur Hakenkreuze, SS-Runen oder sonstige volksverhetzende Darstellungen müssen innerhalb von 24 Stunden verschwinden. „Dazu sind wir verpflichtet und darauf achten wir natürlich.“ Jedoch kämen solche Schmierereien nicht oft vor.
Aus Sicht der Stadt, so die Sachbearbeiterin weiter, kann es mit dem Reinigen allein nicht getan sein. Strafe müsse auch sein. Und da verspreche sie sich vom neuen Gesetz eine abschreckende Wirkung. Musste den Sprayern bisher nachgewiesen werden, dass die Farbe Wände und Fassaden beschädigt, gilt jetzt allein das Aufsprühen als Sachbeschädigung. Auch Michael Vetter hofft auf den Abschreckungseffekt. Der Chef des Zweckverbandes Erholungsgebiet Senftenberger See (ESS) hat es aufgegeben, Reinigungsaufträge auszulösen. „Das könnten wir nicht mehr bezahlen.“ Die zehn ESS-Toiletten rund um den See seien ständig beschmiert. In Senftenberg scheinen sich die Sprayer lieber am See auszutoben. „In der Stadt haben wir kaum Probleme mit Graffiti oder Schmierereien“ , so der stellvertretende Bürgermeister Andreas Fredrich.

Sprayer lieben Städte
Im 20 Kilometer entfernten Hoyerswerda sieht das anders aus. Sandro Fiebig, Pressesprecher der Stadtverwaltung, schätzt den von Vandalen angerichteten Schaden in der Stadt auf 10 000 Euro. Dabei zählt Fiebig Graffiti-Sprayer mit zu den Vandalen.
In der Lausitz - und sicher nicht nur hier - agieren Sprüher am liebsten in den Städten. Das beweisen nicht nur die Polizei-Statistiken. Das belegt auch die Auftragslage der Hoyerswerdaer Firma RuS Oberflächentechnik. „An drei oder vier Tagen in der Woche haben wir in Cottbus zu tun“ , verrät Mitinhaber Rocco Semt. Am zweithäufigsten reinigen Semt und seine Leute in Hoyerswerda. In Cottbus zählen vor allem die beiden Wohnungsunternehmen Gebäudewirtschaft (GWC) und Wohnungsbaugenossenschaft (GWG) zu den Kunden der Hoyerswerdaer, die vor zwei Jahren die Marktlücke besetzt haben. Mit Mikrostrahlern und Chemikalien lösen sie Graffiti von Wänden, selbst wenn die „Tags“ , wie Sprayer ihre Schriftzüge nennen, in luftiger Höhe unerreichbar scheinen. Je länger die Farbe an der Wand prangt, warnt der Fachmann, desto zerstörerischer ist ihre Wirkung. „Die Lösungsmittel fressen sich durch den Putz, lösen das Styropor auf und hinterlassen regelrechte Löcher.“

Foto reicht jetzt als Beweis
Dank des neuen Gesetzes müssen Wände-Reiniger wie Rocco Semt künftig nicht mehr so häufig vor Gericht erscheinen, um über die beschädigende Wirkung von Schmierereien oder Graffiti auszusagen. Es reicht ein Foto, aufgenommen vor der Reinigung. Damit werden „die Verfahren erstens beschleunigt, zweitens sind sie nicht mehr so teuer“ , sagt Amtsgerichtsdirektor Rupieper. Drittens würden mehr Angeklagte den Saal mit einer Geldstrafe verlassen. Bei Ersttätern entspreche sie in etwa einem Monatslohn. Wiederholungstätern hat der Richter auch schon Haftstrafen aufgebrummt. Zivilrechtlich können Sprayer für ihre „Werke“ noch 30 Jahre nach der Tat belangt werden. Potenzielle Sprayer rechtzeitig über Schäden und drohende Strafen aufzuklären, hä lt Ramona Sibrover von der Stadt Cottbus für eine wichtige Art der Prävention. Deshalb werde die Stadtverwaltung im Herbst allen Schulen Vorträge anbieten. Eine gute Sache seien aber auch legale Graffiti-Flächen. Leider konnte die Stadt bisher keine anbieten. „Wir selbst haben keine“ , beteuert Ramona Sibrover. Und die Wohnungsunternehmen haben auf Nachfrage kein Interesse signalisiert. Das Beispiel von Bäckermeister Andreas Heinrich, der Cottbuser Sprayern am Busbahnhof eine Wand zur Verfügung stellt und so ziemlich sicher sein kann, dass die „Künstler“ seine Fassade unberührt lassen (die RUNDSCHAU berichtete), sei leider ein Einzelfall .
Da kann die Lausitzmetropole Cottbus eigentlich nur neidisch aufs kleine Städtchen Lauta im Sächsischen blicken. Die 9000-Einwohner-Kommune hat Mitte Juni schon ihren zweiten Graffiti-Contest angeboten. Auf der Werkswand einer Industriebrache, mitten in der Stadt gelegen, konnten sich Jugendliche einen Tag lang kreativ austoben - und das ganz legal auf städtischem Territorium.

Gewünschte Aufmerksamkeit
Neben der Fläche spendierte die Stadt auch die Farbdosen, so Bürgermeister Hellfried Ruhland. Auf der Hauptdurchgangsstraße Lautas fallen die schicken Graffiti täglich hunderten Autofahrern ins Auge. „Diese Aufmerksamkeit“ , so Ruhland, „das ist doch genau das, was die Sprayer wollen.“

Hintergrund Cottbus ist die Sprayer-Hochburg
  In Cottbus wurden bis Juni diesen Jahres 257 Anzeigen wegen Graffiti-Schmierereien aufgegeben. 34 Täter wurden ermittelt. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2004 gab es in der Stadt 321 Anzeigen.
In Hoyerswerda registrierte die Polizei im ersten Halbjahr dieses Jahres 37 Graffitis, die vor allem auf Garagen in einem Industriegebiet aufgesprüht wurden. Die Polizei ermittelte 29 Täter.
Im Polizei-Schutzbereich Oberspreewald-Lausitz wurden von Anfang Januar bis Ende Mai insgesamt 60 Graffiti-Schmierereien angezeigt. In den vergangenen Jahren waren es ungefähr ebenso viele. Am häufigsten wird im OSL-Kreis in den Städten Senftenberg, Lauchhammer und Lübbenau geschmiert, aber auch in Ruhland.
Nach Einschätzung der Polizei ist die Dunkelziffer der gesprühten Sachbeschädigungen weitaus höher. Die Täter werden meist im Zuge verdeckter Streifentätigkeit sowie bei verdachtsunabhägigen Kontrollen gefasst.