Für den Geschäftsführer der Stadtbrauerei Wittichenau (Görlitz) ist das Ziel der Aktion klar. "Das ist Verdrängungswettbewerb gegen die Kleinen", sagt Stefan Glab. "Und es untergräbt den Mehrweggedanken." Wittichenau ist nur eine von vielen kleinen und mittelständischen Brauereien, die besonders in Ostdeutschland unter einem Trend großer Bierhersteller leiden: dem Umstieg auf markenspezifische Flaschen.

Mitte der 90er-Jahre wurde Bier in Deutschland bei fast allen Herstellern in identische Flaschen gefüllt. Doch diese sogenannte "NRW-Flasche" verschwindet immer mehr vom Markt. Großanbieter haben damit begonnen, ihre Abfülllinien auf individuelle Glasbehälter umzustellen, die sich von anderen durch Form, Größe oder Prägungen unterscheiden.

Diese Flaschen bleiben auch als Leergut Eigentum der Brauereien. Sie müssen deshalb aussortiert, gegen andere Flaschen ausgetauscht und zum Eigentümer zurückgebracht werden. Kleineren Bierherstellern wie der Stadtbrauerei in Wittichenau, Jahresproduktion 33 000 Hektoliter, bereitet das immer mehr Kopfzerbrechen. Glücklicherweise, so Geschäftsführer Glab, werde noch knapp die Hälfte des Wittichenauer Bieres in Fässern ausgeliefert.

Alternative Vorsortierung

Denn als Leergut kommen Bierflaschen nicht sortiert aus allen Annahmestellen. Die "Fremdflaschen" müssen dann, bei kleineren Herstellern von Hand, aus den Kästen geholt werden. Ein Kostentreiber.

Die Schlossbrauerei in Fürstlich Drehna (Dahme-Spreewald) gehört mit zehn Mitarbeitern zu den kleinen Brauern in der Region. 30 bis 60 Prozent beträgt der Anteil solcher Sortierflaschen in den Leergut-Kästen, die bei der Schlossbrauerei landen. "Das belastet uns sehr", bestätigt Betriebsleiter Mario Jürisch.

Die Alternative sind vorsortierte Kästen, die inzwischen von speziellen Flaschenhändlern angeboten werden. Doch die Sortierung kostet etwa 50 Cent pro Kasten. Das Flaschendurchein-ander hat inzwischen ein solches Ausmaß angenommen, dass es sich lohnte, in Thüringen für mehrere Millionen Euro die größte automatische Flaschensortieranlage Europas zu errichten. Eine wesentlich kleinere Sortieranlage für 300 000 Euro wird gerade bei der Landskron Brauerei in Görlitz aufgebaut. Mit 165 000 Hektolitern Bier Jahresproduktion ist Landskron fünfmal so groß wie die Stadtbrauerei Wittichenau. Einem Anteil von inzwischen 25 Prozent Fremdflaschen in Görlitz soll mit der automatischen Sortierung zu Leibe gerückt werden.

Die Kosten für Sortieranlage und zusätzlichen Transport der Fremdflaschen müssen jedoch erst mal verdient werden, ohne dass sich die Produktionskapazität durch die Investition erhöht. "Wenn jede vierte Leergutflasche aussortiert wird, dann kann ich die nicht befüllen", beklagt Lands kron-Geschäftsführer Matthias Grall ein weiteres Problem. Einzige Lösung: Neue Kästen kaufen. Auch das kostet Geld. "Mit dieser Entwicklung wird der Mehrweggedanke konterkariert", sagt Grall.

Er sieht mit großer Sorge, dass sich immer mehr Großerzeuger für Individualflaschen interessieren oder schon entschieden haben. "Wenn die zehn größten Brauereiunternehmen in Deutschland komplett auf eigene Flaschen umstellen, wäre die Hälfte des gesamten Leergutmarktes davon betroffen", beschreibt er, was in wenigen Jahren Realität sein könnte. Der Görlitzer vermutet hinter dem Trend zur Individualflasche vor allem Marketinggründe: "Man will sich von- einander abgrenzen, denn die Qualität der großen Anbieter liegt dicht beieinander." Als eine andere Ursache vermutet er das Unterbinden von Trittbrettfahrern beim notwendigen Austausch abgenutzter Flaschen durch Neuglas. Einige Billiganbieter würden sich dieser Pflicht einfach entziehen.

Hilfe vom Bund Fehlanzeige

Doch große Brauereien könnten kleineren Unternehmen mit den Individualflaschen auch das Leben schwer machen. "Ich will das niemandem unterstellen, aber das ist ein Hebel, und wenn das möglich ist, wird das auch irgendwann genutzt", vermutet Grall.

"Die Entwicklung ist für uns katastrophal, aber rechtlich können wir da nichts machen, uns sind im Moment die Hände gebunden", beklagt auch Roland Demleitner, Geschäftsführer des Verbandes Privater Brauereien in Deutschland. Der Verband vertritt rund 800 Mitgliedsbetriebe, die jeden fünften Liter in Deutschland produziertes Bier erzeugen.

Landskron-Geschäftsführer Matthias Grall könnte sich einen höheren Pfandpreis für Individualflaschen als Ausweg aus dem Problem vorstellen, um Kunden und Annahmestellen einen Anreiz zu geben, diese Flaschen gleich sortenrein in die Kästen zu stellen. Doch vereinbaren könnten das nur Brauereien und Händler gemeinsam. Oder die Politik müsste eingreifen.

Für beide Vorschläge gibt es im Moment wenig Aussicht auf Umsetzung. Der Brauer-Bund als Branchenverband, in dem die Großerzeuger vertreten sind, verweist darauf, dass die "Wahl der Gebinde ein wesentlicher Teil des Wettbewerbs" sei. In den werde man sich nicht einmischen.

Verständnis, aber keine praktische Unterstützung können die kleinen und mittelständischen Brauereien von der Bundespolitik erwarten. Individualflaschen seien aus Umweltsicht "bedenklich", weil sie die ökologischen Vorteile des Mehrwegsystems reduzierten, so ein Ministeriumssprecher. Doch die Verantwortung liege bei den Unternehmen, die sich am Mehrwegsystem beteiligten. Das Bundesumweltministerium sieht für sich keinen Handlungsbedarf.