Es ist ein bizarres Bild am Senftenberger See. Normalerweise herrscht am beliebten Badegewässer Ende Januar Winterruhe. Doch derzeit ist davon nur wenig zu spüren. Stattdessen liegt ein eigenartiges Klirr-Geräusch in der kalten Luft.

Allerdings ist niemandem der wenigen Menschen, die am Senftenberger Stadthafen unterwegs sind, ein Schlüsselbund aus der Tasche gefallen. Stattdessen hat das eigenartige Geräusch seine Ursache in den nahen Bäumen.

Dort scheint sich ein ganzer Schwarm von braun und grau gefärbten Vögeln mit ihren charakteristischen Federhauben eingerichtet zu haben. "Seidenschwänze", erklärt der Sedlitzer Vogelkundler Heiko Michaelis. Und weiter: "Die Tiere fliegen vor allem die Misteln in den Baumkronen an und lassen sich dort die Beeren schmecken."

Michaelis hat im Januar ungewöhnlich viele dieser nordischen Gäste im Lausitzer Seenland gezählt. Am Senftenberger und am nicht weit entfernten Sedlitzer See kommt der Ornithologe auf rund 350 Vögel. Am Stadthafen, so hat der 44-Jährige beobachtet, ließen sich die Seidenschwänze selbst von manchen Spaziergängern nicht stören. Schließlich handele es sich um eine gesellige Art, die häufig mit sich selbst beschäftigt sei.

Nach Angaben des Experten ist derzeit ein ungewöhnliches Naturphänomen zu beobachten. Längst nicht in jedem Winter kämen die Tiere mit der "Schlüsselbund-Stimme" nach Deutschland. Warum das so ist, darüber könnten die Fachleute nur mutmaßen. Heiko Michaelis glaubt, dass die Seidenschwänze in ihrer eigentlichen Heimat im nördlichen Skandinavien und in der russischen Tundra keine Nahrung mehr fänden. Daher wichen die Tiere nach Süden aus.

Sobald es wieder wärmer wird, kehrten sie nach Nordeuropa zurück. Michaelis' Aussagen werden vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) bestätigt. Die Naturschützer sprechen von einer regelrechten "Invasion". In Brandenburg landeten die Seidenschwänze während der Wintervogelzählung 2013 erstmals auf dem 17. Platz und damit noch vor Buntspecht (18.) und Stockente (21.). Vor zwölf Monaten belegten diese Tiere landesweit lediglich den 53. Rang. In Sachsen arbeitete sich diese Art auf den 20. Platz vor (2012: 44.).

Doch nicht nur Seidenschwänze kommen in diesem Winter in Massen vor. Laut den Ornithologen gibt es auch eine kleine Invasion der Kohlmeisen. Dabei handele es sich nicht um einheimische Tiere, sondern um Gäste aus Nordosteuropa. Nach Angaben des Clubs 300, einer Vereinigung passionierter Vogelbeobachter, sind die weitgereisten Besucher schon anhand ihres Rufes von heimischen Tieren zu unterscheiden. Auch diese Art fliehe wahrscheinlich vor dem strengen Winter in ihrer Heimat.

Brandenburgweit kam die Kohlmeise während der NABU-Wintervogelzählung in Brandenburg hinter dem Haussperling auf den zweiten, in Sachsen sogar auf den ersten Platz.

Laut NABU Sachsen hat die Individuenzahl im Vergleich zu 2012 um 28 Prozent zugelegt. In früheren Jahrhunderten sahen die Menschen winterliche Vogel-invasionen häufig mit Sorge. Derartige Phänomene wurden mit Unglücken wie Krieg, Not und Krankheit in Verbindung gebracht. So sind die Seidenschwänze auch unter der Bezeichnung "Sterbevögel" bekannt.