"Wenn das Brötchen
plötzlich zehn Cent
mehr kostet, ist das
aus Sicht der Bauern
überhaupt nicht gerechtfertigt."
 Thomas Goebel, Chef des Bauernverbandes
Niederlausitz/Spreewald


„Die Fleischpreise müssen anziehen, sonst gehen wir kaputt.“ Spreewaldbauer Fritz Buchan aus Raddusch (Oberspreewald-Lausitz/OSL) ist sich klar darüber, dass das aus Verbrauchersicht eine unpopuläre Forderung ist. „Es lohnt sich kaum noch, Rindfleisch zu produzieren. Die Futtermittelpreise sind einfach zu hoch“ , nennt er als Begründung. Das bisschen Getreide, das er geerntet habe, verkaufe er lieber, als es den Tieren in die Tröge zu kippen. Bei den gegenwärtigen Aufkaufpreisen käme wenigsten noch Geld in die Kasse. Schließlich würden viele andere Kosten in die Höhe schnellen, kritisiert Buchan. „Der Euro hat doch die D-Mark-Preise längst überholt.“ Der Landwirt aus Raddusch nennt ein Beispiel: Für einen neuen Schwader, ein Gerät für die Heuernte, habe er kürzlich rund 21 000 Euro auf den Tisch legen müssen. „Vor acht Jahren hat der 18 000 Mark gekostet.“
Bauern wie Buchan, die sich auf den ökologischen Landbau spezialisiert haben, befürchten zudem, dass ihre aufwendigere Produktion künftig weniger gefördert wird als bisher. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hat angekündigt, im nächsten Jahr nur noch zehn statt 16 Millionen Euro aus Bundesmitteln bereitzustellen. Im Jahr 2010 soll der Geldhahn ganz zugedreht werden. „Dann ist halt bei mir Schluss“ kommentiert das Buchan. Präsident Thomas Dosch vom größten ökologischen Anbauverband Bioland kritisiert: „Es ist erschreckend, wie wenig das Ministerium die Entwicklung um den Bio-Boom und den internationalen Wettbewerbsdruck zur Kenntnis nimmt“ , schimpft Dosch.
Thomas Goebel, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Göritz (OSL) und Chef des Bauernverbandes Niederlausitz/Spreewald, befürchtet, dass es zum Jahresende Schweineställe geben könnte, in denen keine Tiere mehr stehen. Jeder Mäster büße nach Auskunft von Goebel je Schwein gegenwärtig 15 Euro ein. Bei Rindern betrage der Verlust sogar 100 Euro je Tier. Gerold Richter, Geschäftsführer der Agrar GmbH Lebusa (Elbe-Elster/EE), überlegt, ob sich der Betrieb trotz beträchtlicher Investitionen in den vergangenen Jahren von der Schweinezucht verabschieden muss. In den vergangenen Wochen sei es schwierig gewesen, für Ferkel und Läufer Käufer zu bekommen. Mäster seien angesichts der höheren Preise für Futter sehr vorsichtig geworden. „Wir hatten teilweise 600 bis 700 Läufer über die Zeit in unseren Anlagen zu stehen“ , so Richter. Der Brandenburger Landesbauernverband warnt, dass bei der gegenwärtigen Situation die Mehrzahl der 1000 Schweinehalter im Land kaum überleben könnte. Dass auch die Bauern in der Lausitz und der Elbe-Elster-Region dennoch „etwas durchatmen können“ und „optimistischer in die Zukunft blicken“ , wie Goebel sagt, hat mit den höheren Einnahmen zu tun, die sie für Getreide, Kartoffeln oder Milch erzielen. Für Roggen bekomme man inzwischen doppelt soviel Geld wie im Vorjahr. Allerdings, so schränkt er ein, waren die Getreideerträge in diesem Jahr aufgrund des Wetters im Frühjahr um 20 Prozent niedriger als in durchschnittlichen Jahren. Das, und die gestiegene Nachfrage nach Getreide für Lebensmittel, aber auch als nachwachsende Rohstoffe für die Energieerzeugung habe die Vorräte schrumpfen lassen. Mancher Preisanstieg im Handel sei aber nicht nachvollziehbar, so Goebel. „Wenn das Brötchen plötzlich zehn Cent mehr kostet, ist das aus Sicht der Bauern überhaupt nicht gerechtfertigt“ , sagt er. Schließlich betrage der Anteil von Getreide an den Gesamtkosten nur zwei Prozent.
„Der Handel nutzt die Situation aus“ , beschwert sich auch Egon Rattei, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Forst (Spree-Neiße). Von den höheren Preisen, die in den Geschäften gezahlt werden müssten, komme weniger als die Hälfte bei den Landwirten an, rechnet Rattei vor. Er hofft, dass die Mehreinnahmen durch Milch sowie Getreide und andere Feldfrüchte nicht durch die höheren Kosten „gleich wieder aufgefressen werden“ . Schließlich seien die Ausgaben für Futtermittel, Saatgut, Düngemittel, Pflanzenschutz und Diesel „unheimlich gestiegen“ . Dieser Tage hätten ihm seine Werkstattleute signalisiert, dass Ersatzteile für Technik teurer werden. „Es springen gegenwärtig viele Trittbrettfahrer auf den Zug auf“ , stellt Rattei fest.
Geert Kruiter, Chef der Tierzucht GmbH Lebusa (EE), hat dieser Tage sogar ein bisschen ungläubig auf seinen Kontoauszug geschaut. 36 Cent Grundpreis für den Liter Milch hatte die Molkerei für die August-Lieferungen überwiesen. Das waren neun Cent mehr als Anfang des Jahres. „Natürlich freut man sich“ , gibt Kruiter zu. Doch: „Bei den jetzigen Ladenpreisen müssten wir Bauern eigentlich 50 Cent für den Liter Milch bekommen.“ Kruiter wünscht sich, dass die höheren Erzeugerpreise mehr sind als ein Strohfeuer. „Hoffentlich wird uns das Geld nicht genauso schnell wieder genommen, wie es gekommen ist. Denn die Mehrkosten für Energie, die werden bleiben“ , warnt Kruiter. Ohnehin wundert er sich über die rasante Entwicklung der vergangenen Monate. „Seit Mai sind angeblich alle Lager leer. Dabei wurde noch Anfang des Jahres behauptet, dass in Europa 20 Prozent Milch zu viel auf dem Markt sei“ , erinnert er sich.
Der Göritzer Goebel ist überzeugt, dass die Erzeugerpreise für die Bauern weiter steigen müssen. „Der jetzige Milchpreis bewegt sich auf dem Niveau von 1992“ , erinnert er. 80 Prozent der Landwirte hätten in den vergangenen Jahren rote Zahlen geschrieben und am Existenzminimum gearbeitet. „Wir nehmen noch nicht so viel ein, dass wir investieren oder unseren Melkern mehr bezahlen können“ , verweist Goebel darauf, dass die Bauern nicht quasi über Nacht reich geworden seien. „Ein Melker bekommt sieben bis 7,50 Euro die Stunde und das bei einer Sieben-Tage-Arbeitswoche“ , legt Goebel den Finger in die Wunde. „Und das nicht, weil wir ihnen nicht mehr bezahlen wollen, sondern es nicht können.“