Ob Roggen oder anderes Getreide, ob Schwein oder andere Tiere - Deutschlands Bauern verdienen damit immer weniger Geld.Helmut Richter, Vorsitzender der Agrargenossenschaft „Unterspreewald“ Dürrenhofe, beschreibt die Situation drastisch. „Ein Gerichtsvollzieher, der Lohn von meinen Leuten pfänden wollte, der könnte gleich wieder gehen. Was Bauern in normaler Arbeitszeit verdienen, liegt unter der Pfändungsfreigrenze.“
Sein Kollege Egon Rattei, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Forst und Chef des Kreisbauernverbandes Spree-Neiße, pflichtet ihm bei. „Die Lausitzer Bauern haben immer weniger Geld in der Tasche“ , sagt er. Allein durch den Milchpreis, der innerhalb des abgeschlossenen Wirtschaftsjahres von Juli 2001 bis Ende Juni 2002 um rund zwei Cent gesunken ist, sei der Genossenschaft ein fünfstelliger Betrag verloren gegangen. Die Spirale dreht sich weiter nach unten, um nochmals zwei Cent. Bei vier Millionen Liter Milch, die die Forster laut Quote auf den Markt bringen dürfen, ist ein weiteres Einnahmeloch zu befürchten.

Arbeitsplatz wiegt schwer
Während der Deutsche Bauernverband (DBV) nach der Auswertung der Unternehmensergebnisse von 20 000 Bauernhöfen in Deutschland einen durchschnittlichen Jahresverdienst von 21 800 Euro brutto je Familienarbeitskraft errechnete, kommen die Bauern in Forst auf nur 18 500 Euro im Jahr. Etwa die Hälfte davon, so Rattei, gehe noch für Abgaben und Rücklagen weg. Die Folge sinkender Gewinne: Sieben Leute vornehmlich aus Instandhaltungsbereichen hat der Genossenschaftsvorsitzende jetzt kündigen müssen, „weil die bei allem guten Willen aus landwirtschaftlichen Erlösen nicht mehr zu bezahlen waren“ . Seit Anfang November befinden sich alle anderen im Betrieb in Kurzarbeit mit den entsprechenden Einkommenseinbußen. Die Motivation, auch künftig auf Felder und in Ställe zu gehen, komme aus den Besonderheiten auf dem Lande, meint Egon Rattei. Viele Bauernfamilien hätten Eigentum an Grund und Boden, dem sie sich verpflichtet fühlen. Zudem wiege der Wert eines Arbeitsplatzes trotz des geringen Einkommens schwer, der daraus resultierende Zusammenhalt komme hinzu. Richtig sei auch, dass Lebenshaltungskosten auf den Dörfern natürlich geringer seien als in größeren Städten.
Die Ursachen für den anhaltenden Abwärtstrend liegen nicht nur in witterungsbedingten Ertragsausfällen. Vor allem beklagen die Landwirte scheinbar unaufhaltsame Preisrutsche bei Getreide, Milch, aber auch bei Schweine- und Rindfleisch. Dieter Kestin, Kreisvorsitzender des Bauernverbandes Herzberg/Bad Liebenwerda, kritisiert, dass durch „Dumpingpreise in Supermärkten Lebensmittel regelrecht verramscht“ würden. Von 55 Cent für den Liter Milch bekäme der Landwirt für die Erzeugung gerade mal die Hälfte.

Billige Agrarerzeugnisse
„Es ist ein richtig hartes Brot“ , sagt Eberhard Bieligk, Seniorchef eines Familienbetriebes in Bad Liebenwerda. Unter 14 Stunden Arbeitszeit täglich ginge so gut wie gar nichts. „Nur, weil wir nicht auf die Stunde gucken, mit viel Fleiß und Engagement ran gehen, dreht sich die Sache. Eigentlich ist aber das Geld immer alle“ , beschreibt der 61-Jährige die Situation. Das Familienunternehmen sei ja nicht wie in den alten Bundesländern über Generationen gewachsen. Alles sei mit erheblichen Investitionen neu entstanden. Neben der 200 Hektar großen Landwirtschaft, die der Sohn betreibt, gehören ein Hofladen, der einmal in der Woche Frisches aus der eigenen Produktion anbietet, eine Gastwirtschaft und ein Hotel zum Familienbetrieb. Allein von der Landwirtschaft, so Eberhard Bieligk, könnte die Familie nicht leben. „Agrarerzeugnisse sind im Handel so unheimlich billig“ , stellt der Mann fest, der als einstiger Abteilungsleiter in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Bönitz nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hatte. Für einen Anhänger voll Getreide bekäme der Bauer gerade mal den Wert eines kleinen Küchenschrankes, nennt er nur einen für ihn schwer zu begreifenden Vergleich.
„Das Kartellamt muss viel schärfer kontrollieren, dass Lebensmittel nicht unter Erzeugerpreisen verkauft werden“ , fordert Manfred Böhm, Sprecher des Landesbauernverbandes in Sachsen. Dass beispielsweise bei einem Brötchen nur noch ein Cent auf Mehlkosten entfalle, zeige, dass der Bauer ganz hinten anstehe, so Böhm. „Unsere Landwirte sind Mittelständler und es erbost sie, dass sie rund ein Drittel weniger Einkommen erzielen als die Arbeitnehmer in der gewerblichen Wirtschaft.“ Böhm sieht darin sogar einen eklatanten Widerspruch zum Landwirtschaftsgesetz aus den 50er-Jahren, das den Bauern ein vergleichbares Einkommen zusichert. „Die Bauern sind nicht mehr optimistisch, sondern verunsichert und deprimiert“ , fasst er die Stimmung zusammen.
Sie resultiert auch aus den Prognosen für das kommende Jahr und aus immer neuen Ideen der Brüsseler EU-Agrarkommission. DBV-Präsident Gerd Sonnleitner rechnet für das neue Wirtschaftsjahr damit, dass „die Unternehmensergebnisse erneut um einen zweistelligen Prozentsatz sinken werden“ . Der Kreisbauernverbandschef von Herzberg und Bad Liebenwerda, Dieter Krestin, gibt allein die naturbedingten Ertragsausfälle im Elbe-Elster-Kreis mit 3,8 Millionen Euro an. „Die Liquidität vieler Betriebe ist nach wie vor sehr angespannt“ , sagt er. „Wir legen die Hände nicht in den Schoß, wissen aber nicht, was noch kommt“ , drückt er die gemischten Gefühle der Bauern in der Region aus.
Die Landwirte in Sachsen sind nach Angaben von Manfred Böhm mit 30 Prozent Ertragsausfällen in das neue Wirtschaftsjahr gestartet. Der ohnehin dürftige Getreidepreis von acht bis zehn Euro je Dezitonne ist durch zusätzliche Kosten von rund 1,50 Euro je Dezitonne für die Trocknung der Körner zusätzlich belastet. „Geringe Einkommen, hohe Kapitalbelastungen, schlechte Ernten, Unwägbarkeiten in der Landwirtschaftspolitik verschieben die Werteverhältnisse immer mehr“ , umreißt der Sprecher des sächsischen Landesbauernverbandes aus seiner Sicht die Lage.
Mit wachsendem Unmut regis-triert vor allem die Mehrzahl der ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe Signale, die immer wieder von der EU-Agrarkommission in Brüssel ausgesendet werden. Trotz der im Jahr 2000 beschlossenen Agenda, die eigentlich bis ins Jahr 2006 Gültigkeit haben sollte, will EU-Kommissar Franz Fischler schon bald Obergrenzen von 300 000 Euro für Flächen- und Tierprämien je Betrieb einführen. Nach Berechnungen der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig würden die durch die Kappung gewonnenen Mittel der EU zu 80 Prozent aus den neuen Bundesländern abgezogen. „Das ist Diskriminierung“ , stellt Manfred Böhm fest.

Polen als großer Roggenproduzent
Allein in Brandenburg wären durch die Kappungsgrenze und andere von der EU vorgesehene Sparmaßnahmen rund 300 Betriebe und 12 000 Arbeitsplätze betroffen, hat das Landwirtschaftsministerium errechnet. Als größter Roggenproduzent Deutschlands müsste Brandenburg zudem noch zusätzlich 50 Millionen Euro Einkommensverluste hinnehmen, wenn die bisherigen Stüt-zungskäufe für das Brotgetreide wie vorgesehen ersatzlos dem EU-Rotstift zum Opfer falle. „Wenn Polen als großer Roggenproduzent in der EU noch hinzu kommt, wird die Lage noch schwieriger. Wir müssen uns etwas einfallen lassen für den Ersatz dieser Getreideart. Auf unseren leichten Böden ist das aber nicht so einfach“ , legt Egon Rattei den Finger in die Wunde und fordert zumindest Übergangsfristen für Fruchtfolgen mit anderen Kulturen.
„Man darf das Pferd nicht verhungern lassen, das den Wagen zieht“ , sagt der Chef der Agrargenossenschaft Dürrenhofe, Helmut Richter. Als Industrieland werde in Deutschland die Landwirtschaft eher als Nebenproduktionszweig betrachtet und dementsprechend behandelt, kritisiert er.

Skepsis und Hoffnung
Aber auch in Ostdeutschland gibt es Zustimmung zu den Plänen der EU-Agrarkommission. Gar als Chance betrachtet sie der Deutsche Bauernbund (DBB). Durch die bisherige Benachteiligung der bäuerlichen Familienbetriebe habe sich hier eine regional einseitige Agrarstruktur gebildet, die durch die LPG-Nachfolgebetriebe gekennzeichnet seien, stellte dazu DBB-Präsident Kurt-Henning Klamroth fest. Mit den Vorstellungen von EU-Kommissar Franz Fischler „könnten Maßnahmen umgesetzt werden, die zu einer vielfältigeren Agrarstruktur führen und Existenzgründern eine Chance geben“ . In der Tat, so glaubt auch Egon Rattei vom Kreisbauernverband Spree-Neiße, würden die EU-Pläne zu „kolossalen gesellschaftlichen Strukturveränderungen auf dem Lande“ führen. Dass sie funktionieren, sei aber sehr ungewiss.

Hintergrund Einkommen in der Landwirtschaft
  In landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetrieben sind die Gewinne im vergangenen Wirtschaftsjahr (Juli 2001 bis Juni 2002) auf 31 900 Euro gesunken.
Die auf Ackerbau spezialisierten Betriebe erzielten mit 38 100 Euro ein um 10,4 Prozent geringeres Einkommensergebnis als im Jahr zuvor.
Futterbaubetriebe, die auf Milchvieh und Rindfleischerzeugnisse spezialisiert sind, blieben mit minus 6,2 Prozent (28 600 Euro) ebenfalls weit hinter dem Vorjahresergebnis.
Bei den so genannten Veredlungsbetrieben, die Schweinefleisch erzeugen, führten rückläufige Erzeugerpreise zu einem Gewinneinbruch von über 30 Prozent.
Öko-Betriebe verzeichnen mit minus 15 Prozent eine ähnlich negative Entwicklung wie die konventionell produzierende Landwirtschaft.
Durchschnittlich wurden im genannten Wirtschaftsjahr 29 300 Euro pro Betrieb investiert. Das waren rund 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Das sind etwa drei Milliarden Euro weniger, die in die Betriebsentwicklung geflossen sind.