Es war an einem Montag Anfang dieses Jahres: Die junge Frau, die bei der Polizei auftaucht, wirkt aufgelöst. Irgendwann am Wochenende sei ihr die Geldkarte gestohlen worden, erzählt sie aufgeregt. Sämtliche Taschen habe sie umgedreht, die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, die Karte sei weg, versichert die 28-Jährige. Es könne nur nach einem Einkauf in einem Cottbuser Supermarkt passiert sein, ist sie überzeugt.
Für die Polizisten sind derartig aufgeregte Frauen und Männer und ihre Schilderungen Alltag. „Nahezu täglich werden Verluste von Kreditkarten bei uns gemeldet“ , sagt der Cottbuser Polizeisprecher Berndt Fleischer. Auch im Fall der jungen Frau ist zunächst alles Routine. Die Anzeige wird geschrieben, die Kreditkarte von der bestohlenen Besitzerin gesperrt.

Alarmglocken läuten
Vier Wochen später scheint die Frau wieder vom Pech verfolgt gewesen zu sein. Erneut meldet sie den Verlust ihres „Plastik-Geldes“ . Bei Oberkommissar Wolfgang Schiller, der solche Anzeigen auf den Tisch bekommt, läuten die Alarmglocken, zumal dem Kripomann vom zehnköpfigen Kommissariat für Besondere Delikte des Polizeischutzbereiches Cottbus und Spree-Neiße die Frau nicht unbekannt ist. Bei Ermittlungen im Rauschgift- und Rotlichtmilieu sind Schiller und seine Kollegen ihr schon begegnet.
Als Lastschriften der angeblich gestohlenen Karten mit erheblichen Summen von Großeinkäufen auftauchen, bevor der Diebstahl angezeigt wurde, verstärken sich die Zweifel. Wolfgang Schiller richtet Anfragen an die Landeskriminalämter in Brandenburg und Sachsen. Die Antworten erhärten den Verdacht, dass sich ein „kriminalpolizeilicher Brennpunkt“ entwickelt, wie der Chef des Cottbuser Kommissariats, Dietmar Zieschow, erklärt. Denn neben Cottbus, Spremberg und Forst kommen auch von Polizeidienststellen in Görlitz, Weißwasser, Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda Hinweise zu Betrügereien mit Geldkarten im Lastschriftverkehr. Einzelne Tathergänge weisen überraschende Gemeinsamkeiten auf: Die Diebstähle wurden vorwiegend nach einem Wochenende gemeldet, und stets war zuvor in Supermärkten groß eingekauft worden.

Wie ein Kreuzworträtsel
Kriminalist Schiller knöpft sich die junge Cottbuserin vor, die Anfang des Jahres aufgebracht die Verluste ihres „Plastik-Geldes“ beklagt hatte. Deren Karten, so hatte der Ermittler inzwischen herausbekommen, waren innerhalb der kurzen Zeit zwischen dem angeblichen Diebstahl und der Anzeige mit rund 4500 Euro belastet worden. Schiller befragt die Frau geduldig, redet ihr ins Gewissen. Der Polizist sagt ihr, dass er an den Diebstahl nicht glaubt, macht der immer unsicherer werdenden Dame klar, dass das Vortäuschen einer Straftat kein Kavaliersdelikt ist und mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Nach und nach lässt die „Bestohlene“ Namen von Bekannten fallen, die als Nutzer der Karten in Frage kommen könnten. „Ich habe mir daraufhin Schriftproben der Genannten besorgt, diese mit Unterschriften auf Belegen verglichen und Ähnlichkeiten bemerkt“ , erinnert sich Schiller. Schriftsachverständige bestätigen in Gutachten den Verdacht des erfahrenen Kripomannes.
Tage und Wochen akribischer Kleinarbeit folgen. Papierbögen beginnen, die Wände in seinem Dienstzimmer zu verzieren. Diese füllen sich mit Namen von Tatverdächtigen, Anzeigen von angeblichen gestohlenen Kreditkarten, von Orten und Einrichtungen, in denen mit „Plastik-Geld“ eingekauft wurde. Verbindungen und Querverbindungen ergaben sich daraus. „Das war wie die Auflösung eines großen Kreuzworträtsels“ , beschreibt Kriminalist Schiller diese Phase. „In Supermärkten mussten zig Belege durchgesehen werden.“ Geduld, Ausdauer und irgendwie auch ein Faible dafür, ein solches Puzzle unbedingt zusammenfügen zu wollen, sind Charaktereigenschaften, um solche nach außen hin wenig spannenden Täterspuren aufzunehmen. „So etwas macht mir Spaߓ , sagt Schiller schlicht und einfach.
Inzwischen hat er die Akten geschlossen, sie der Staatsanwaltschaft übergeben. Neun Tatverdächtige sind ermittelt, fünf Frauen und vier Männer. Alle kannten sich untereinander vor allem durch Prostitution und Drogengeschäfte. Nach den Erkenntnissen der Polizei waren neben der 28-Jährigen aus Cottbus eine 25 Jahre alte Frau aus Spremberg und eine 34-Jährige aus Dresden die Strippenzieherinnen. Untereinander hatten sie ihre Kreditkarten ausgetauscht, kräftig die Warenkörbe gefüllt und dann die Karten als angeblich von Unbekannten gestohlen gemeldet. So wurden beispielsweise in einem Großmarkt in Hoyerswerda innerhalb einer halben Stunde mit einer Karte drei Großeinkäufe abgewickelt.

Alles vom Besten
Vor allem Alkohol stand auf der Wunschliste der Betrügerinnen und Betrüger ganz oben. „Allein mit einer Geldkarte wurden 139 Flaschen Spirituosen bezahlt“ , nennt Schiller ein Beispiel. Insgesamt orderten die Verdächtigen bei den kriminellen Einkaufstouren mit den Kreditkarten über 500 Flaschen Whisky und Wodka für den eigenen Bedarf oder den Weiterverkauf. Hinzu kamen reichlich Lebensmittel. „Die Kühlschränke wurden prall gefüllt, und zwar nur mit dem Allerbesten“ , so Schiller. Aber auch Kindersachen und technische Geräte waren beliebt.
207 Fälle können der Lausitzer Tätergruppe zugeordnet werden. Allein beim Warenwert wurde ein Schaden von mindestens knapp 26 000 Euro aufgedeckt. Hinzu kommen Kosten von Händlern, Banken und Kreditkartengesellschaften.

Tipps Sorgfalt wie bei Bargeld
 Damit nicht andere mit Ihrem „guten Namen“ bezahlen, müssen Sie mit Geld- und Kreditkarten umsichtig wie mit Bargeld umgehen. Die Kripo rät deshalb:
Geld-/Kreditkarten sind sorgfältig aufzubewahren.
Prüfen Sie regelmäßig, ob die Karten noch vorhanden sind.
Beim Eintippen der PIN sich nicht beobachten lassen.
PIN und Karten getrennt aufbewahren.
Bei Verlust sofort bei der Bank oder der Kreditkartenorganisation das Konto sperren und die Polizei informieren.