Auf den Cottbuser Rechtsanwalt Jürgen Fechner (Name geändert) sind einige Lausitzer nicht gut zu sprechen. „Ich hoffe nur, dass mir solche Leute nicht mehr so oft in meinem Leben begegnen“ , sagt ein Unternehmer aus der Region, der mit dem Juristen geschäftlich zu tun hatte. Der Anwalt habe ihn „beschissen“ , versichert er. Dabei bringe man doch Rechtsanwälten einen großen Vertrauensvorschuss entgegen, so der Geschäftsmann. Dieses Vertrauen habe Fechner schamlos missbraucht.
Dass der Jurist, der auch immer wieder Mandanten in Strafverfahren vertritt, selber mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, davon geht inzwischen auch die Cottbuser Staatsanwaltschaft aus und hat gegen ihn am Landgericht Cottbus Anklage erhoben. Das bestätigt Gerichtssprecher Frank Merker. Über die Eröffnung des Hauptverfahrens sei jedoch noch nicht entschieden.

Mandantengelder veruntreut
Die Akte Fechner bei der Staatsanwaltschaft zu dem jetzt angeklagten Komplex umfasst etwa 180 Seiten. In zahlreichen Einzelfällen soll der Rechtsanwalt Gelder, die seinen Mandanten zustanden, in die eigene Tasche umgeleitet haben, so der Kern der Vorwürfe. Damit in Zusammenhang stehen auch Betrug, Urkundenfälschung, Gebührenüberhöhung und falsche Eidesstattliche Versicherungen, die Fechner vorgeworfen werden, wie Staatsanwalt Detlef Hommes bestätigt. „Bei den veruntreuten Mandantengeldern geht es um keine spektakulären Beträge, meist 2000 bis 3000 Euro“ , so Hommes. Addiert kämen aber rund 45 000 Euro zusammen.
Für manche Betroffene seien jedoch 1000 Euro schon viel Geld, sagt Petra Quenzel, die in Cottbus einen Inkassodienst betreibt und früher mit Jürgen Fechner zusammengearbeitet hat: „Die Leute warten doch auf ihr Geld.“ Für sie sei es „unverantwortlich“ , dass sich ein Anwalt so benehme.
Angeklagt beim Cottbuser Landgericht ist Fechner jedoch auch wegen Bedrohung und Beleidigung. Mit zahlreichen SMS soll er den Cottbuser Ingolf S. massiv unter Druck gesetzt haben, als der Ende November 2007 für eine Firma im Oberspreewald-Lausitz-Kreis Insolvenz anmeldete. Drei Monate vorher war der gelernte Elektroinstallateur erst in die GmbH eingestiegen und Geschäftsführer geworden. Ein Schritt, den er bald schon bitter bereute.
Im Sommer 2007 sei Jürgen Fechner zu ihm gekommen, erinnert sich der 49-Jährige: „Er war vor Jahren mal mein Anwalt, daher habe ich ihm vertraut.“ Ingolf S. kaufte deshalb von Fechner Geschäftsanteile und übernahm von ihm den Geschäftsführerposten, obwohl er selbst für den Anteilskauf kein Geld hatte. Dass er sich laut Notarvertrag verpflichtete, als Kaufpreis und Liquiditätshilfe 40 000 Euro einzuzahlen, und dass diese Summe auch bei ihm gepfändet werden könne, sei ihm erst später so richtig klar geworden. In den folgenden Wochen, so versichert Ingolf S., sei er dann mit immer mehr offenen Forderungen gegen die Firma aus der Vergangenheit konfrontiert worden. Gerichtsvollzieher und das Finanzamt standen vor der Tür und wollten Geld. Als er dann noch eine Kiste Akten fand, von denen er vorher nichts gewusst habe, meldete er Insolvenz an und erstattete Anzeige gegen Fechner. Bei den gefundenen Unterlagen, die einen dicken Ordner füllen, soll es sich um Belege dafür handeln, dass Fechner private Rechnungen über weit mehr als 200 000 Euro durch die Firma im Oberspreewald-Lausitz-Kreis bezahlen ließ.
Der Cottbuser Staatsanwalt Detlef Hommes bestätigt, dass es neben der jetzt erhobenen Anklage zu diesen Vorgängen ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen den Rechtsanwalt gibt. Verdacht: Insolvenzverschleppung und Untreue. Aus der schon in der Krise steckenden Firma soll Fechner erhebliche Summen für private Zwecke herausgezogen haben. „Wir sind da aber noch mitten in den Ermittlungen und haben einen Gutachter eingeschaltet“ , so Staatsanwalt Hommes.

Versuch, das Geld zu pfänden
Ingolf S. kämpft inzwischen noch immer mit den Folgen seiner Firmen-Beteiligung. Weil er drei Monate ohne Bezahlung gearbeitet hat und inzwischen selbst anwaltlichen Beistand braucht, sind auch alle seine Rücklagen aufgezehrt. „Ich habe sogar meine Lebensversicherung kündigen müssen.“ Fechner habe versucht, die 40 000 Euro aus dem Kaufvertrag bei ihm zu pfänden, sagt er. Im Februar erließ das Landgericht Cottbus eine einstweilige Anordnung, dass die Zwangsvollstreckung der Summe ausgesetzt wird, bis in einem Hauptsacheverfahren die Rechtmäßigkeit des Anspruches geklärt sei.
Begründet wurde das auch damit, dass Fechner offenbar gar nicht mehr über die Geschäftsanteile der GmbH frei verfügen konnte, als er mit Ingolf S. zum Notar ging. Die Anteile sollen schon vorher anderweitig gepfändet gewesen sein. Eine Beschwerde von Fechner gegen diese Entscheidung hat das Brandenburger Oberlandesgericht abgewiesen. Rechtsanwalt Jürgen Fechner wollte sich zu all den Vorwürfen gegenüber der RUNDSCHAU nicht äußern.

Zum Thema Rechtsanwälte als Angeklagte
  Dass Anwälte sich selbst wegen Straftaten vor Gericht verantworten müssen, ist selten. Es gab jedoch in den vergangenen Jahren in der Lausitz solche Fälle. Meist geht es um Unterschlagung von Mandantengeld und um Gebührenabzocke .
2004 verurteilte das Amtsgericht Cottbus eine Rechtsanwältin aus dem Spree-Neiße-Kreis wegen Veruntreuung von rund 90 000 Euro aus einer von ihr betreuten Mandanten-Erbschaft zu einer Bewährungsstrafe . Ein Jahr vorher war ihr bereits die Zulassung entzogen worden.
Im August 2005 stand ein Rechtsanwalt in Cottbus wegen Gebührenüberhöhung vor dem Amtsgericht. Im Strafverfahren wurde er freigesprochen. In einem parallel dazu geführten Zivilverfahren am Landgericht Cottbus wurde der Verteidiger rechtskräftig verurteilt, 7000 Euro Honorar zurückzuzahlen.
Ein Rechtsanwalt aus der Region wurde vom Amtsgericht Lübben (Dahme-Spreewald) wegen Untreue, Erpressung, Nötigung und Beleidigung zu einer Geldstrafe in Höhe von 21 000 Euro verurteilt.
Gerichte können im Rahmen von Strafverfahren gegen Anwälte auch ein befristetes oder dauerhaftes Berufsverbot verhängen. Nach einer Verurteilung kann außerdem ein Anwaltsgericht bei der Rechtsanwaltskammer eines Landes prüfen, ob dem straffällig gewordenen Anwalt die Zulassung entzogen werden muss.