. Rechtsanwalt Thomas Lange ist von entwaffnender Offenheit. Seit Januar habe seine Kanzlei über 4300 Aktenzeichen vergeben. 4200 davon, so erzählt er, betreffen Widersprüche und Klagen gegen Hartz-IV-Bescheide, fast alle vom Jobcenter Oberspreewald-Lausitz. "Ich habe den Sportsgeist, die Bescheide alle zu kippen." Das sehe er als seine Aufgabe an, sagt Lange und räumt ein: "Das ist ein Feldzug gegen das Jobcenter."

Dieser Feldzug hat inzwischen viele Kampfplätze. Gegen Lange gibt es Beschwerden bei der Anwaltskammer und eine Strafanzeige wegen angeblicher Urkundenfälschung. Der Anwalt aus Großräschen hat seinerseits Mitarbeiter des Jobcenters in Senftenberg wegen angeblicher Nötigung und versuchten Prozessbetruges angezeigt.

Thomas Lange sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als ob er Streit um jeden Preis sucht. Mittelgroß, kurze dunkle Haare, Lesebrille mit schmalem schwarzen Rand. Sein Lächeln wirkt unsicher. Dass er den Kampf gegen Hartz-IV-Bescheide zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht habe, sei eher Zufall gewesen, sagt der 41-Jährige, der auf Umwegen Jurist wurde.

Der gelernte Nachrichtentechniker aus Calau hatte ein Studium der Betriebswirtschaft angefangen und ein Fitness-Studio betrieben, bevor er sich 2003 an der Uni Potsdam für Jura einschrieb. Im Dezember 2010 bekam er seine Zulassung als Rechtsanwalt.

Dann seien die ersten Mandanten mit Hartz-IV-Bescheiden in seine Großräschener Kanzlei gekommen. Als er in einem regionalen Anzeigenblatt noch Rechtsratschläge zu diesem Thema veröffentlichte, hätten die Leute "Schlange gestanden".

In den Anzeigentexten zog Lange mit schwerem Geschütz frontal gegen das Jobcenter in Senftenberg zu Felde. Er warf den Mitarbeitern öffentlich vor, zahlreiche Hartz-IV-Empfänger "systematisch um existenzsichernde Leistungen für Unterkunft und Heizung betrogen" zu haben. Nahezu alle Bescheide seinen falsch, behauptete er. Das Jobcenter wehrte sich ebenfalls mit einer öffentlichen Erklärung.

Zu den Auseinandersetzungen mit Thomas Lange gibt die Grundsicherungsbehörde in Senftenberg nur spärlich Auskunft. "Natürlich ist das eine hohe Arbeitsbelastung, aber jeder kann seine Rechte wahrnehmen, sagt Bereichsleiter Hans-Jörg Milinski.

Seit Januar gingen im Jobcenter Oberspreewald-Lausitz pro Monat etwa 400 Widersprüche gegen Hartz-IV-Bescheide ein. Das ist doppelt so häufig wie in den benachbarten Regionen Elbe-Elster und Dahme-Spreewald. Bei den Klagen ist das Jobcenter in Senftenberg sogar zehn Mal häufiger betroffen. 2000 neue Klagen am Sozialgericht Cottbus betreffen Hartz-IV-Entscheidungen aus Senftenberg. Dort machen "Lange-Verfahren" bei Hartz-IV-Streitigkeiten inzwischen weit mehr als die Hälfte aller Eingänge aus.

20 000 Bescheide verlassen pro Jahr das Jobcenter in Senftenberg. "Bei so einem Massengeschäft sind Fehler nicht zu vermeiden", verteidigt Geschäftsführerin Brigitta Kose ihre Mitarbeiter. Dass einige davon sich jetzt mit Strafanzeigen konfrontiert sehen, sei ein bisher einmaliger Vorgang: "Da können sie sich vorstellen, wie die Kollegen sich fühlen."

Thomas Lange ficht das nicht an: "Ich trete öffentlich sehr aggressiv gegen das Jobcenter auf, aber ich überziehe dabei nicht." Er versuche eben, für seine Mandanten herauszuholen, was denen zustehe. Manchmal sogar mehr als das.

An diesem Nachmittag kämpft er am Sozialgericht in Cottbus für eine Mandantin gleich gegen drei Hartz-IV-Bescheide. Zwei davon haben vor dem Gericht Bestand, der dritte wird wegen eines Formulierungsfehlers aufgehoben. Langes Mandantin braucht dadurch 800 Euro nicht zurückzahlen, die sie zu viel bekommen hat. Für Lange kein Problem: "Die Bescheide müssen stimmen."

Anschließend werden gleich noch drei Untätigkeitsklagen gegen das Jobcenter in Senftenberg verhandelt, die der Anwalt für dieselbe Mandantin eingereicht hat. Einen Kompromissvorschlag des Richters lehnt er ab. Etwa 20 Untätigkeitsklagen gegen das Jobcenter in Senftenberg verlassen täglich seine Kanzlei in Großräschen.

Den Vorwurf, dass er an einem Tag 80 Befangenheitsanträge gegen Richter am Sozialgericht Cottbus gestellt habe, will Lange jedoch nicht auf sich sitzen lassen: "Das war ein Antrag gegen einen Richter in 80 Verfahren." Das Sozialgericht hätte dann daraus erst 80 Anträge gemacht. Alle wurden abgewiesen.

Langes Mandanten, für die er Hartz-IV-Bescheide reihenweise beklagt, gehen kein finanzielles Risiko ein. Das Verfahren am Sozialgericht ist gebührenfrei. Wenn die Klage nicht von vornherein vollkommen aussichtslos ist, bekommen die Betroffenen Prozesskostenhilfe. Die zahlt die Anwaltskosten, wenn der Mandant am Sozialgericht dann doch verliert. Wenn er gewinnt, muss das Jobcenter die Anwaltskosten begleichen. Hinter beiden steht der Steuerzahler. Für eine erfolgreiche Klage reicht oft schon ein Formfehler der Behörde.

Wie erfolgreich Anwalt Lange mit der von ihm in Bewegung gesetzten Klagewelle für seine Mandanten ist, wird sich erst noch herausstellen. Die Zahl der bisher abgeschlossenen Verfahren ist gering. Einen ersten Anhaltspunkt liefert die Erfolgsquote der Widersprüche. Der hohen Gesamtzahl in Oberspreewald-Lausitz steht eine niedrigere Erfolgsquote als in benachbarten Jobcentern gegenüber.

Was den Großräschener Anwalt bei seinem Feldzug gegen das Jobcenter in Senftenberg antreibt, ist schwer auf einen Punkt zu bringen. Er habe generell ein Problem mit Behörden, sagt Lange, und dass seine Erfahrungen mit dem Jobcenter ihn dahin gebracht hätten: "Haben sie mal erlebt, wie die Leute da behandelt werden?"

Von seinem Kampf gegen die Hartz-IV-Bescheide kann Thomas Lange seinen Lebensunterhalt bestreiten und seine Kanzlei mit drei Angestellten finanzieren. "Reich werde ich dabei aber nicht", versichert er. In einem bestimmten Rahmen legt das Sozialgericht für jeden einzelnen Fall die Anwaltsbezahlung fest. "Mich stufen die da immer unten ein", sagt Lange.

Inzwischen scheint ihn der juristische Feldzug gegen das Jobcenter in Senftenberg aber auch zu ermüden. Er will sich jetzt nach einem anderen Rechtsgebiet umsehen, auf dem er noch aktiv werden könnte. "Den Aufwand, der an den Hartz-IV-Verfahren hängt, den habe ich unterschätzt."